Vorweihnachtsabend
Raue Finger tasteten in seiner Hosentasche nach dem Geheimnis, ja, es war noch da, er war noch da, heute war es an der Zeit, das spürte er.
Langsam und entschlossen, Schritt für Schritt, wie eine unaufhaltsame Walze stapfte Oskar durch den Schnee, das missmutige Gesicht unter der Kapuze verborgen. Seine schon durchnässten Jägerstiefel hinterließen Krater im pudrigen Weiß, und wer zufällig seinen Weg kreuzte, machte lieber schnell einen Sprung zur Seite, um dem stillen Wanderer nicht in die Quere zu kommen. Er blickte nicht auf, als die schmale Gasse schließlich in die Fußgängerzone mündete und grelle Lichterketten seinen massigen Schatten zeichneten.
Von irgendwoher drang leise „Stille Nacht“. Eine stille Nacht, das war es leider nicht, und der großgewachsene Mann zog seine Stirn in Furchen, als der Lärm der Vorweihnachtszeit ihn überrollte. Es war der Vorweihnachtsabend, hektisch stürmten die Menschen in und aus den Geschäften wie kleine Rinnsäle und formierten sich auf der breiten Straße zu Sturzbächen, man schnappte Gesprächsfetzen auf, plärrende Kinderstimmen, eine zeternde Ehefrau, vom weihnachtlichen Wohlstand genährte, fette Budenverkäufer. Unter einer Straßenlaterne kauerte ein Bettler und versuchte, den Ekel vor dem Geschehen mit bittendem Blick zu übertünchen. Oskar beobachtete die Szenerie nur aus dem Augenwinkel, hatte den Blick noch immer starr nach unten gerichtet und zählte prüfend die eigenen Schritte. 12, 13, 14. Vor ein paar Jahren hatte es angefangen und war seitdem zur Gewohnheit geworden. Er zählte Schritte, Fahrradtritte und hin und wieder auch die vorbeiflitzenden Straßenlichter, wenn er im Auto saß, um seine Gedanken nicht zu hören, wenn diese sich wieder einmal wie ein grauer Schleier über ihn zu legen drohten. Nicht unweit hörte er einen kleinen Jungen seine Mutter beschimpfen. Es musste um Weihnachtsgeschenke gehen, da war er sich sicher, denn so kurz vor Heiligabend konnte so etwas wie ein Fehlkauf Familienkrisen auslösen. Beim Gedanken an Zeiten, in denen verbrannte Plätzchen und Weihnachtsstress noch Nachmittage ruinieren konnten, kroch die Übelkeit in seine Kehle und er rang nach Luft. 45, 46, 47. Nur nicht aufhören zu zählen, schneller zählen, vor den Erinnerungen weglaufen, sie einfach wegzählen, ja, vielleicht konnte es klappen.
Der riesenhafte Mann wischte sich eine verirrte Schneeflocke aus dem roten, schon etwas angegrauten Bart und schmatzte, während er weiter seine Bahn durch die Massen zog, das Gesicht noch immer in tiefe Falten gelegt. Seine Finger umklammerten den Innenstoff seiner Jackentaschen, denn auch ein starker Riese musste sich manchmal an etwas festhalten, und während er stur Fuß vor Fuß setzte, musste er kurz schmunzeln beim Gedanken daran, dass man ihn beinahe für den Weihnachtsmann halten konnte - aber welcher ordentliche Weihnachtsmann lief schon mit geflicktem Altherrenmantel und leerem Blick durch die adventgeschwängerte Welt. Er spürte den bitteren Geschmack von Selbsterkenntnis auf der Zunge und zwang sich, wieder an die Zahlen zu denken. 38, 39, 40. Er erreichte nie den dreistelligen Bereich, denn bei 49 musste er aufhören und erneut beginnen, es gehörte zur Manier.
Zu Hause wartete ein spärlich geschmückter Weihnachtsbaum auf ihn, die Ente würde duften und auch eine Handvoll bunt verpackter Liebenswürdigkeiten würde zu finden sein, denn man hatte an ihn gedacht. Die Menschen mochten ihn, denn er war sanft und fand oft kluge Worte. Nacht für Nacht konnte er mit reinem Gewissen zu Bett gehen und wusste, er wurde geliebt, aber manchmal brauchen Menschen mehr als das.
Er stapfte durch die Szenerie, mächtig und beeindruckend, und manchmal, wenn man genau hinsah, konnte man für einen Augenblick den Schmerz in seinen matten Augen sehen, deren Leichtigkeit von tiefen Linien nach unten gezogen wurde. Er war ein Riese, war Geryon, den man beraubt hatte, war Talos, der einst unverwundbare, der über sein Schicksal wusste.
Es war nicht mehr weit, das wusste er. 1, 2, 3. Vielleicht würde dies sein letztes Weihnachten sein, man wusste nie, wie Geschichten ausgingen, aber zuvor musste er dies noch erledigen. Starrgefrorene, von schwerer Arbeit raue Finger tasteten in seiner Hosentasche nach dem Geheimnis, ja, es war noch da, er war noch da, heute war es an der Zeit, das spürte er. Vier Jahre waren vergangen, und heute musste es sein.
Bei 34, 35, 36 erreichte er sein Ziel, bog kurz ab und hörte, wie der unbeschrittene Schnee unter seinen abgewetzten Sohlen knirschte, als wusste er um die Wichtigkeit von Oskars Weg. Er knirschte ehrfürchtig und sprach ihm Mut zu.
Noch ein paar Abzweigungen, und er würde endlich bei ihr sein. Sie würden sich berichten, was in den letzten Jahren passiert war, als er zu feige gewesen war, sie zu besuchen, würden sich in die Arme schließen wollen und schwören, nicht einen Tag mehr ohne einander zu verbringen. Er würde ihr sagen, dass es nie eine andere gegeben hatte und sie würde ihm die lange Abwesenheit verzeihen, vielleicht würden sie die Nacht miteinander verbringen, und Oskar würde ihr schließlich den Ring wiedergeben, den er damals behalten hatte, weil er nicht bereit gewesen war für den Abschied. Nun war er bereit, denn es musste sein.
Erst am frühen Morgen verließ er sie. Die Ente zu Hause würde kalt und die Luft von stillem Vorwurf vergiftet sein, aber er fühlte sich ein wenig leichter ums Herz. Vier Jahre war es nun her. 49 war sie geworden, und am Morgen des Heiligen Abends hatte sie ihn verlassen und war fortgegangen, nicht, weil sie es wollte, sondern, weil das Leben und seine Dunkelheit einem zuweilen keine Wahl ließ. Er spürte ein wenig abfallende Last, weil er nach so langer den Mut aufgebracht hatte, zu ihr zurückzukehren, fühlte den allgegenwärtigen Stich des Vermissens und blickte noch ein letztes Mal zurück, bevor er ihr Grab verließ. Der Schnee knirschte unter seinen abgewetzten Sohlen, als er sich auf den Weg machte, endlich nach Hause zu kommen, und als er zum ersten Mal tatsächlich aufblickte, war dort ein schüchterner Glanz in seinen Augen. 47, 48, 49. Vielleicht würde dies sein letztes Weihnachten sein.







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