Vorbilder
Einmal ist keinmal, oder? Dann haben meine Eltern bisher tatsächlich alles richtig gemacht.
Zumindest was mich betrifft. Ich kann natürlich nicht beurteilen, ob jeder andere das auch so sieht... Ich für mich kann aber ernsthaft sagen, dass sie sich immer der jeweiligen Situation angemessen verhalten haben. Dass sie alles richtig gemacht haben. Dass sie hinter mir standen, wenn es nötig war. Dass sie mir ein heiles, fröhliches und liebevolles Elternhaus geboten haben. Einer der Gründe dafür ist sicher, dass sie eine tolle Ehe führen. Für das alles bewundere ich sie. Irgendwie ist es schwierig, ihnen dafür zu danken. Man weiß nicht so genau, wie man das in Worte verpacken soll... Klingt vielleicht kitschig. Oder es wird der Sache nicht gerecht. Ich kann auch bestimmt nicht alle Situationen aufzählen, in denen ein bestimmtes Verhalten ideal gewesen wäre und in denen sie dann – manchmal zu meinem großen Erstaunen – genau dieses an den Tag gelegt haben. Ein paar fallen mir aber ein.
Einmal, ich war etwa 13, sprach ich mit meiner Mutter über Rauchen. Sie selbst hat geraucht, bis sie mit mir schwanger wurde. Auf meine Frage, ob mein Vater und sie uns Rauchen eigentlich verbieten würde, sagte sie nur: „Nein, wozu denn? Ich finde es ätzend, wenn Ihr raucht, aber verbieten ist Quatsch. Ihr macht es doch sowieso, wenn Ihr wollt.“ Ich muß ziemlich erstaunt geguckt haben.
Ein anderes Mal fragte ich, ob mein Freund (mein erster richtiger Freund, muß man dazusagen) bei mir im Zimmer übernachten dürfe. Der Großteil der Eltern meiner Freunde ist ziemlich konservativ und so eine Frage würde dort gar nicht erst aufkommen – die Antwort wäre von vornherein klar. „Ja, ist in Ordnung“, war die Antwort meiner Mutter. Auf meinen irritierten Blick hin fügte sie noch hinzu: „Wir wissen doch sowieso, dass Ihr nachts durchs Haus schleicht. Dann könnt Ihr auch gleich in einem Zimmer schlafen.“
Mit 16 ging ich für ein Jahr in die USA. So weit war ich noch nie von zuhause weg gewesen – und ich hatte das offensichtlich unterschätzt. Ich wurde ab Tag 3 von unglaublichen Heimwehattacken gequält – verstehen kann das nur, wer es selbst mal so erlebt hat. Täglich rief ich weinend zuhause an. Schließlich aß ich kaum noch und wurde jeden Tag depressiver. Die Organisation, über die ich dort war, hatte sich mit einer „strengen Empfehlung“ dagegen ausgesprochen, dass wir Austauschschüler über Weihnachten nach Hause fliegen sollten. Mitte November boten meine Eltern mir aber an, eben dies zu tun. „Besorg Dir ein Ticket und komm her. Danach sehen wir mal weiter“, sagte mein Vater. Weinend vor Erleichterung sagte ich zu. Zwei Tage nach Weihnachten gingen meine Eltern mit mir essen und brachten die ganze Thematik auf den Tisch. Tränenüberströmt erklärte ich, nicht ansatzweise den Gedanken an eine Rückkehr zu haben. Dabei blieb es. Meine Eltern hatten durchaus verlangt, dass ich mich mit der Thematik noch einmal befasste – danach war das Thema abgehakt. Dass sie etwa 30.000 DM aus dem Fenster geschmissen hatten, weil das Internat, auf dem ich gewesen war, sich für 1 Jahr im Voraus bezahlen ließ, haben sie mir gegenüber niemals zur Sprache gebracht.
Als ich mich während meiner ersten Semester mit einer On-Off-Beziehung quälte, waren meine Eltern ebenfalls da. Meine Mutter hörte regelmäßig zu. Mein Vater schrieb Briefe, die so liebevoll waren, dass sie mir die Tränen in die Augen trieben. Beide waren in der Lage, mir Tips zu geben und mich trotzdem eigene Entscheidungen fällen zu lassen.
Nach den beiden ersten Semestern brach ich mein Jurastudium ab. „Das ist nicht mein Ding, ich will was anderes machen“, war meinen Eltern zu schwammig, doch mein „Ich will Geschichte und Amerikanistik studieren“, akzeptierten sie sofort. Über die verlorenen beiden Semester, die sie natürlich auch Geld gekostet hatten, fiel nie wieder ein Wort.
Nach dem Studium fand ich glücklicherweise sehr schnell einen Job. Ich ging mit Enthusiasmus ins Büro – der Blick aufs Konto bot allerdings weniger Anlaß zur Freude. Als ich mich nach einem halben Jahr und sehr vielen Gesprächen mit einer guten Freundin dazu durchgerungen hatte, meine Eltern über die Höhe (oder Tiefe?) meines Dispo-Kredits und meine daraus resultierenden Schlafstörungen zu unterrichten, und sie bat, mir einen Kredit aus ihrer Tasche zu gewähren, besprachen sie sich kurz miteinander. Das Ergebnis war, dass sie mich – für einen begrenzten Zeitraum – von da an monatlich unterstützen. Meinen Kredit-Vorschlag übergingen sie.
Vor einiger Zeit saß ich beim Abendessen mit mehreren Freundinnen zusammen. Als während des Essen ein Handy klingelte und eine von ihnen mit den genervten Worten „Das ist garantiert meine Mutter, die ruft jeden Abend an“ aufstand, muß ich sichtlich irritiert geguckt haben. Ich telefoniere mit meinen Eltern genau 1x wöchentlich. Natürlich schreiben wir während der Woche gelegentlich Mails oder sms, aber weder verspüren meine Eltern den Drang, mich in meinem Tun und Machen täglich zu kontrollieren, noch haben sie – neben ihrer eigenen Berufstätigkeit – die Zeit, sich täglich oder mehrmals pro Woche bei mir zu melden. Das bedeutet nicht, dass wir uns nicht nah stehen. Meine Eltern sind die ersten, die bei einer beruflichen oder privaten Veränderung von mir hören. Desweiteren fahre ich oft und gerne nach Hause. Zuhause sein hat immer etwas von Ferien – man kann sich fallenlassen und Ruhe finden. Natürlich muß ich zuhause auch mal helfen – aber einkaufen gehen oder die Spülmaschine ausräumen sind schon die unangenehmsten Tätigkeiten, die mich treffen können. Ich kann schlafen, solange ich will – niemand blickt mich vorwurfsvoll an, wenn ich erst mittags an den Frühstückstisch schlurfe. Ich kann alte Freunde treffen, die noch in meiner Heimatstadt leben – ich ernte niemals böse Blicke, wenn ich meinen Eltern mitteile, dass meine Abendplanung sie nicht mit einschließt. Aus genau diesen Gründen fahre ich so gerne nach Hause. Ich fühle mich an meine Eltern gebunden, weil ich es möchte und weil mir so viel Freiheit gewährt wird – und nicht, weil sie anordnen, dass ich regelmäßig zu erscheinen habe. Meine Eltern haben es verstanden, uns Kindern ein Zuhause zu geben, in dem wir uns geborgen, sicher und behütet fühlen – auch nachdem wir teilweise seit fast 10 Jahren nicht mehr zuhause wohnen.
Natürlich sind auch sie manchmal unfair, natürlich sagen sie mir Dinge, die ich nicht hören will, natürlich sind sie gelegentlich schlecht gelaunt oder genervt. Das sind aber eher die Ausnahmen.
Ich habe bisher aber nur eine einzige Situation erlebt, in der sie sich nicht so verhalten haben, wie es aus meiner Sicht gut und richtig gewesen wäre. Es ist aber irgendwie menschlich, dass auch Eltern mal Fehler machen – oder?



Kommentare
Ich glaube, wir haben dieselben Eltern. Wirklich schöner Text.
25.11.2009, 15:55 von palanka30 000 DM zum Fenster raus....
26.03.2009, 09:59 von Surecampich wär ausgeflippt-ob Tochter oder nicht...
@Surecamp naja, aber du flippst auch bei 3 DM zum fenster raus aus, surecampus ;-)
06.04.2009, 17:20 von Aloisia@oceaneyes hmm, ja... aber sooo relevant ist das auch nicht... wenn jemand zu neugierig ist, klär ichs gerne auf ;o)
16.02.2009, 11:10 von AloisiaDass deine Eltern alles richtig gemacht haben, erkennt man daran, dass du nach all den Jahren erkennst, was sie für dich für Opfer gebracht habe und du ihnen den dementsprechenden Respekt zollst. Schönes Danke für die Eltern, hoffentlich bekommen sie das auch zu lesen.
15.02.2009, 22:36 von frl_smilla@frl_smilla danke - ja, das trifft es wohl ganz gut :)
16.02.2009, 10:04 von Aloisia