circaviolett 04.07.2010, 18:09 Uhr 0 0

Vor 10 Jahren.

Was sind zehn Jahre für mich? Zehn Jahre sind die Hälfte meiner eigenen Lebenszeit und genau eine Hälfte davon durfte ich mit dir erleben.

Lieber Großvater,

obgleich es einfach weiterhin ziemlich unrealistisch bleibt, dass du gar nicht mehr hier bist, das du nicht mehr als Mensch auf dieser Erde existierst, es ist so und das nun seit genau zehn Jahren.

Zehn Jahre, was ist das für eine Zeit? Für die einen ein kleiner Sprung, ein Schnelldurchlauf, eine kurze Etappe ihres Lebens. Was sind zehn Jahre für mich? Zehn Jahre sind die Hälfte meiner eigenen Lebenszeit und genau eine Hälfte davon durfte ich mit dir erleben.

Eine, die sehr prägend war. Rede ich von meiner Kindheit, rede ich von Dir. Von den tollen Ausflügen, von den genialen Erlebnissen. Ich erzähle die kleinen Dinge, die alles so perfekt und bunt malten, so dass jedes meiner Erinnerungsbilder nur so zerspringt.

Die kleinen Dinge im Leben, die müssen dir am wertvollsten erschienen sein. Zumindest vermute ich das jetzt. Gesagt hast du mir so etwas nie. Du hast mir nur die Wege gewiesen, die man gehen sollte. Wenn es die Bäume im Wald oder die Straßen mit den großen Häusern in Frankfurt waren, stets wusstest du, wohin es geht und hast andere daran teilhaben lassen.

Manchmal weiß ich gar nicht, ob ich mir überhaupt so ein Urteil erlauben darf. Ich kannte dich nur zehn Jahre und genau in dieser Zeit war ich Baby, Kleinkind und Kind. Kein Erwachsener, der dich genauer beurteilen konnte. Keine Tochter, die dich wie meine Mutter über Jahre hinweg ehren, kennen lernen und lieben durfte. Keine Frau, die über fünfzig Jahre an deiner Seite war, wie es meine Großmutter tat, mit Dir durch dick und dünn ging und auch keine Mühen scheute, wieder ganz von vorne an zu fangen. Keine Freundin, mit der du gemeinsam unter dem Tisch saßt und Schnaps getrunken hast, während du eine Clownsnase trugst. Kein Stiefsohn, der wie mein Vater, dich als Vorbild nehmen, ehren und begleiten konnte.

Ich war deine Enkelin, neben meinen beiden Cousinen also eine von Dreien. Deine kleine Prinzessin. Dein Maikäfer. Deine Püppi. Dein kleines Proviant auf Einkaufsreisen. Deine wissbegierige Wasserdrehpüppi im Pool.

Und ich habe nie wieder in meinem Leben so eine Herzlichkeit erfahren, wie ich sie von dir gezeigt bekam. Immer nur ähnliche, aber nie die selbe.

Zehn Jahre später bin ich zwanzig Jahre alt und weiß nicht, wie alles wohl heute wäre. Oft muss ich daran denken, ob du nicht wirklich irgendwo sitzt und stetig den Kopf schüttelst, weil aus deinem Maikäfer manchmal auch ein Mammut werden kann, welches alles kaputt trampelt, was gefunden wird. Oder weil dein Maikäfer manchmal auch ziemlich egoistisch und herzlos ist.

Mir laufen die Tränen über meine Wangen, wenn ich tagträumend in die Vergangenheit sehe. Wenn ich mich daran erinnere, wie alles mit dir war. Irgendwann wollten wir zusammen Einkaufen gehen. Ich stimmte zu, ging nach oben und fing an „Der Glöckner von Notre Dame“ zu sehen. Kurze Zeit später kamst du an die Treppe, riefst „Huhuu!“ ein deinem herzlichen tiefen Ton, ob ich denn jetzt noch mitkommen wolle, ich verneinte und du gingst. Und wenn ich heute daran denke, schmerzt es so unglaublich, nicht mit gegangen zu sein.

Oder als wir zum letzten mal zusammen zum Wäldchestag in Frankfurt gingen. Wir liefen die Straße herunter, du erzähltest mir etwas und ich verstand es nicht. Ich fragte noch einmal und wieder konnte ich nichts verstehen. Es nie erfahren zu haben zwickt im Bauch.

Das ist sicher normal, jedoch würde ich heute alles machen um noch einmal vor dir zu stehen. Dich zu sehen. Mit dir zu reden. Dich fragen zu können, woher du all die Kraft und den Mut nahmst, das Leben mit allen Hürden so stark zu nehmen und immer ein Lächeln auf den Lippen zu haben.

Woher du die Kraft nahmst so viele harte Wege zu gehen. Wohl im Wissen, dass immer alles gut wird.

Mit Schrecken und Angst denke ich an den 04.07.2000 zurück. Ich habe mir nicht viel meiner Kindheit behalten können, jedoch ist dieser Tag einfach komplett existent. Ich kann ihn in jedem Detail wiedergeben und jede Emotion nachfühlen. Die klappernde Liege, das schon fast stumme „vor einer halben Stunde“, das „NEIN“ schreien meiner Mutter und das fest klammern eines Bildes von uns beiden in der Lochmühle. Ich hatte irgendetwas rosarotes an und du ein blaues Hemd.

Dieses Bild habe ich seit diesem Tag nicht mehr betrachtet. Ich war seit zehn Jahren nicht mehr im Kaufhof oben Hähnchenschenkel essen. Weil es unsere Tradition war. Erst vor kurzem bin ich mit einem Freund schon fast oben in der Kantine gewesen und konnte nicht einmal den Anblick ertragen. Zwar haben sie im Stockwerk darunter immer noch Kuscheltiere, es hat sich nichts verändert, jedoch kann ich einfach nicht nach ganz oben gehen. Ich habe danach nie wieder bei jemandem so auf dem Schoß gesessen, wie einst bei dir. Großvatisitz nannte ich das.

Eins zwei male habe ich alte Videos gesehen. Bei einem hast du mir kurz davor eine Schreibmaschine geschenkt, weil ich auf deiner so begeistert herumgetippt habe. Kurz danach brachtest du mir bei diverse Bücher mit einem Finger wieder in das Regal zu schieben. Deine Stimme wärmte genauso wie früher. Nur ertragen konnte ich den Anblick nicht.

Ich habe nach deinem Tod mit vielen erfahrenen Fachkräften über mein Trauma gesprochen, welches ich wohl davon bekam. Diese klaffende Wunde in meinem Herzen. Man sagte mir, ich habe unterbewusst noch Jahre später nach deiner Liebe gesucht, weil du einer meiner stärksten Säulen warst. Sicherlich stimmt das so. Irgendwann habe ich gelernt, dass dieser Platz nicht ersetzbar ist. Und seit dem kann ich lieben ohne weg zu stoßen. Akzeptieren, ohne aus zu rasten. Nur loslassen geht noch nicht. Nicht ohne Abschied, welchen ich auch bei dir nicht bekam.

Du bist weiterhin mein größtes Vorbild. Egal was ich erreiche oder welche Erfolge ich erziele, jedesmal denke ich daran, ob du jetzt auch stolz auf mich gewesen wärst. Wer weiß, wie es wäre und wer weiß, wie es kommt. Dein Feuer lodert in mir weiter, erwärmt mich und lässt mich immer wissen, dass egal was passiert und egal wie das Leben seine Runden zieht wirklich immer wieder ein Platz zum verweilen vorhanden ist, an dem man Kraft auftanken kann.

Danke, dass es dich gab.
Ich liebe Dich.

Dein Maikäfer.

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