Madame_Frosch 30.11.-0001, 00:00 Uhr 58 105

Vom Unterschied zwischen Leben und Überleben

Zum Überleben braucht es nur eine Sache. Zum Leben sehr viel mehr.

"Ein wenig erschöpft," erklärte ich meinem Vater irgendwann während des letzten halben Jahres. Ich müsse einfach mal etwas schlafen, erklärte ich, warum ich auf einer Bank gesessen und geweint habe, ohne aufhören, ohne aufstehen zu können. Drei Stunden saß ich auf der Bank und wahrscheinlich wäre ich nie wieder aufgestanden, hätten mich nicht Arme von eben jener getragen, in ein Auto gesetzt und zu meinem Vater gefahren, wo ich fünfzehn Stunden am Stück schlief.


Das letzte halbe Jahr war vielleicht das wichtigste meines Lebens. Ich habe gelernt, wie man überlebt. Nicht, wie man lebt - leben ist viel schwieriger -, sondern wie man überlebt. Überleben ist ganz einfach, man braucht dafür nur eine Sache: zu wissen, wofür. Leben ist da schon viel anstrengender, da gibt es dann Farben, Formen, Musik, Lachen, Weinen, Möglichkeiten. Menschen, die Klavier spielen. Du spielst Klavier. Ich stelle mir oft vor, wie wir beide vor einem Klavier sitzen, wie deine Finger über die Tasten gleiten, sie spüren, die Musik aus ihnen heraus fühlen und wie ich meinen Kopf auf deine Schulter lege, die Augen geschlossen und den Schmerz zulasse, der damit für mich verbunden ist. 

Im letzten halben Jahr habe ich mich gut versteckt. Am liebsten in der Bibliothek. Ich war mir ziemlich sicher, dass mich dort niemand finden könnte und tatsächlich war ich dort für eine ganze Weile ziemlich sicher. Eines Abends saß ich mit einem Buch an meinem Küchentisch, sah auf und zur nackten Glühbirne hoch, die von meiner Decke baumelte, und dachte, wie man manchmal beim Zähneputzen noch an die letzte Rolle Klopapier denkt, die unbedingt aufgefüllt werden muss: Ein Mann, der müsste ja eigentlich nur durch die Wohnungstür kommen. Einfach nur da rein. 

Einige Wochen später kamst du mit drei Büchern und einem Taschenrechner unter dem Arm durch die Tür.  
"Ich habe dich gefunden", hast du gesagt, als ich dich fragte, warum du mit mir lernen wolltest? Warum ich? Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich auf mein Telefon starrte, das vibrierend und deinen Namen blinkend zurück starrte, und wie ich darüber nachdachte, den Anruf einfach wegzudrücken. Ich hatte vorgehabt, dich und deine Frage auszusitzen, ob ich das Projekt mit dir durchziehen wollte. Vielleicht wusste ich es schon damals. Dass es um mehr als nur dieses Projekt ging.

"Ich habe dich gefunden", hast du wiederholt und dich an meinem Tisch gesetzt. Ich habe drei Tage und Nächte gebraucht, um heraus zu finden, dass ich dich liebe. Diese Erkenntnis überkam mich wie andere Menschen Migräne. Ein stechender Kopfschmerz hinter den Schläfen und er ging nicht mehr weg. Vorher war ich in meinen Professor verliebt. Und weißt du auch, warum? Weil der zwar ab und an mit mir flirtete, aber nie in meiner Küche hinter mir stand, seine Hände auf meine Hüften legte und mich in den Nacken küsste, während ich Paprika schnitt und das Putenfleisch in der Pfanne verkohlte. Der Professor hat nie dabei zugesehen, wie unordentlich mein Kleiderschrank ist und dass ich den Müll nicht trenne. Er sieht auch nicht, dass ich zwei Wellensittiche habe und dass ich einmal den Heizungsableser angemacht habe, weil er den Käfig verschlossen hat - im Glauben, ich hätte ihn versehentlich offen gelassen. Mein Professor hat auch nie neben mir in meinem Bett gelegen, während eben jene Wellensittiche meckernd, schimpfend und laut kreischend Kreise über unsere Köpfe zogen, weil sie Hunger haben.
Das Problem mit dir ist also gar nicht, dass ich verliebt in dich bin und du nicht in mich. Das Problem mit dir ist, dass ich dich liebe und dass du mich genauso liebst.

"Ob es ganz groß ist?", hast du mich gefragt. Darauf, mein Lieber, gibt es keine Antwort. Ganz groß ist nämlich nur das, was groß gelebt wird. Es gibt keine Bestimmung, kein Schicksal, das müssen wir schon selbst erledigen. Und das Problem damit ist, dass sich das ganz Große in der Regel gar nicht groß anfühlt. Du wirst sicher mal in der Nacht unter der Bettdecke pupsen, wenn du schläfst. Du schnarchst, immerhin das weiß ich schon jetzt. Und von deinen Bartstoppeln bekomme ich Pickel beim Küssen am Kinn. Ich will nicht wissen, was du an mir findest. Dass ich zum Beispiel an Zeichen von Werbeplakate glaube. Aber so ist es eben: Mir begegnet zu jeder Stimmung das richtige Plakat mit genau den richtigen Worten. 

Vor ein paar Monaten bin ich auf einer Parkbank zusammen gebrochen. Ich war nicht einfach nur ein wenig erschöpft, ich hatte einen Nervenzusammenbruch. Das ist, was ich dir noch nicht über mich erzählt habe: Im vergangenen letzten halben Jahr lag ich verdammt oft auf meinem Bett und hatte nicht einmal mehr die Kraft, zu atmen. Trotzdem musste ich aufstehen, mir die Zähne putzen, Kaffee kochen und zur Uni fahren, ich musste meine Rechnungen bezahlen, essen, auf Klo gehen, Hausarbeiten schreiben. Ich war am Ende, ich war einfach am gottverdammten Ende. Keiner hat das gewusst. Das macht aber nichts, denn ich bin trotzdem nie allein gewesen. Das ist das komische am Leben: Wenn es so sein soll, hält es dich bei Stange. 

Ich habe gelernt, zu überleben. Jetzt muss ich lernen, zu leben. Lach nicht, aber es ist einfacher, drei Stunden auf einer Parkbank bei Minusgraden zu sitzen, zu heulen und zu vergessen, wie man seine Füße bewegt, um nach Hause - oder überhaupt irgendwohin - zu gehen, als auszuhalten, wie du das Geschirr abwäscht, während ich es abtrockne. Denn als ich damals auf dieser Bank saß, da hatte ich nichts mehr zu verlieren. Wenn man nämlich einmal hochoffiziell die Nerven verliert, hat man den Ruf weg. Mein Vater wird übrigens immer recht hektisch und nervös, wenn ich Telefonanrufe nicht sofort beantworte. Wenn man nichts zu verlieren hat, ist man immer auf der sicheren Seite.

Neben dir in der Küche zu stehen und gemeinsam abzuwaschen ist für mich das, was du das "Große" nennst. Es sind die kleinen Dinge. Dass mein bester Freund lacht und sagt: "Was? Das ist der Mann, der über deine Witze lacht? Heirate ihn!" Und wie mein Vater prustend in sein Weinglas spuckt, als ich ihm sage, wir wären jetzt zusammen, weil du fändest, ich besäße Humor und wie er: "Wie? Du hast Humor? Das ist mir neu!" in einem Ton sagt, der mir ernsthaft zu denken gibt.

Eine Sache ist es, die man braucht, um zu überleben. Eine einzige Sache: gebraucht zu werden. Ich weiß, das klingt dramatisch und kitschig, aber es ist die Wahrheit. Ich weiß es genau, ich habe sie nämlich erfahren und erlebt. So überlebt man: Man wird gebraucht. Man kann es sich nicht leisten, drauf zu gehen, weil sonst andere mit drauf gehen. Das ist der Grund. Der einzige Grund.

Um zu Leben braucht es mehr: Blumen, Farben, Lachen, Wärme, Tränen, zerbrochene Teller, Falschparkstrafzettel, verständnisvolle Übungsgruppenleiter ("Wir müssen das Projekt absagen, wir haben uns verliebt!"), durchwachte Nächte, Prüfungsdruck, leckeres essen, verkohltes essen, Pizzabringdienst, Liebe, Angst, Mut, Schmerz, Freude, Erfolg, Leid und Menschen, die Klavier spielen. Das ist schon weitaus anstrengender und vielfältiger. 

Weißt du noch, wie du an jenem ersten Morgen meine Hand in deine nahmst und unbeholfen meintest: "Wir versuchen es jetzt erstmal, hm?" Weißt du noch? Ich finde ja. Wir probieren das mal. Dieses Leben. Könnte doch ganz gut werden.


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58 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Oh ja - bitte schreibe eine laaaaange Liebesgeschichte mit Witz und Gefühl und Sinn. 

    20.01.2016, 20:45 von janadittmer
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  • 2

    Du hast echt 'nen klasse Schreibstil,
    vielleicht wird es ja was mit der Schriftstellerei. - Wenn, dann gib' mir Bescheid.. ist das Buch genauso geschrieben, werd' ich es kaufen!

    07.09.2013, 23:47 von M00NLIGHT
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    wunderbar wahr!

    31.03.2013, 12:16 von violett84
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  • 2

    "Man kann es sich nicht leisten, drauf zu gehen, weil sonst andere mit drauf gehen."


    Das fand ich super geschrieben!

    24.03.2013, 21:53 von Helgapferdefee
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  • 1

    Wunderbarer Text! Frauen, das geheimnissvolle Wesen. Das Geschlecht, welches tiefer empfindet, egal in welcher Richtung. Gebraucht werden ist sicherlich eher ein passiver Begriff. Aber gebraucht werden ist auch ein defensiver, ein nicht aufdringlicher, ein scheuer Begriff. Ein weicher Begriff...also passt er zu den Gefühlen, welche beschrieben werden. Wunderbarer Text.

    23.03.2013, 11:31 von Filousoph
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  • 2

    Bei solchen Texten merk ich einfach immer wieder, wie viel Talent manche Leute haben, die schönsten Worte zu wählen, die auf direktem Weg ins Herz treffen und Gedanken, die sich im Kopf festkrallen. 
    Und vor allem, dass ich das einfach nicht kann.

    22.03.2013, 20:10 von juhlsche
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  • 1

    jede träne wert!

    19.03.2013, 04:56 von LeleSchroeder
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    Wundervolle Atmosphäre (:

    18.03.2013, 19:48 von VonGruenwald
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    wundervoll hast du das geschrieben. ich finds toll!

    14.03.2013, 20:07 von l.a.l.o.u.
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  • 1

    "Eine Sache ist es, die man braucht, um zu überleben. Eine einzige Sache: gebraucht zu werden."
     
    Finde die These irgendwie heikel, hört sich so nach "Ich werde ins Leben gezwungen" an. Gebraucht zu werden tut einerseits gut, anderseits frustriert es aber auch und lenkt vielleicht gerade vom Leben ab. Man sucht sich eine Schutzzone, und die liegt leider oft genau im Unterschied zwischen Überleben und Leben.

    14.03.2013, 11:15 von Startsfeind
    • 0

      stimmt vielelicjht nicht für alle..

      aber sie hat recht,.. manchmal is das, das einzige, das einem am überleben hält und zum leben zurückbringt

      19.03.2013, 04:55 von LeleSchroeder
    • 0

      ... ihre Wahrheit ist eine Wahrheit die in bestimmten Momenten absurd und doch wahr klingt, denn sie hält uns genau dann am Leben. Wahrscheinlich gibt es da noch die andere Wahrheit: zu leben um zu leben... wer weiß für welche wir uns entscheiden...

      10.04.2013, 23:18 von DieKleineBlume
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