hib 30.11.-0001, 00:00 Uhr 15 31

Verwundbar

Als ich dich gemacht habe, hab ich mir mein altes Leben genommen. Und ein neues bekommen.

Am Sonntag waren wir zusammen an der Spree. Enten füttern. Auch wenn die Schneeflocken tanzen und die Hände rote Wangen kriegen. Egal. Hauptsache wir sind draußen und raus aus den Wänden, die für dich noch die Welt bedeuten. Du bist hinter mir hergelaufen. Naja, nicht gelaufen. Du bist gewatschelt. Und hast immerzu nach den Enten gerufen. Ich hab gesagt, dass du die schon in ihrer Sprache rufen musst, damit sie dich verstehen. Du hast Nak Nak geschrien und bist plötzlich losgerannt. Richtung Wasser. Richtung Abgrund. Zu der Stelle, an der kein Zaun ist, kein Geländer, kein Netz für deine Trapezkunststückchen. Ich stand ein paar Schritte von dir weg. Vielleicht drei Armlängen. Ich war in einem Lidschlag bei dir und hab dich an deiner Kapuze gezogen. Nur zwei silberne Druckknöpfe haben uns verbunden in dem Moment. Meine Angst drückt mir heute noch den Hals abwärts zu. Das Wasser war kalt und die Winterluft voller Eiskristalle hat wie eine Schere am Band zwischen uns geschnitten.

Immer abends sitz ich an deinem Bett. Das heißt immer dann, wenn mich das Büro früh genug ausgespuckt hat und ich wieder zu mir selbst zurückkehren kann, noch bevor aller Tage Abend ist. Dann sing ich dir ein Lied oder du singst mir eins. Und dann erzählst du, mit wem du gespielt hast heute und wie deine Plüschtiere heißen. Unterhaltungen mit dir sind so anders. Du fragst nicht nach mir. Du willst nicht wissen, wie mein Tag war. Du siehst nicht die Augenringe um meine Brust und weißt nicht, wie eng sie sitzen. Du fragst nicht, warum ich dich so anschaue. Du erzählst mir, dass du heute Spinat gegessen hast. Und ich nehm es dir nicht übel, dass du nicht nach mir fragst. Ich nehm dich lieber auf den Arm. Ich beschütze dich vor dem Übel da draußen und halte einfach die Klappe. Oder singe noch mal ein Lied, wenn du das willst. Und bevor ich gehe fragst du immer, wer morgen früh da sein wird. Und dann sagst du, dass ich da sein werde. Und ich stimme dir zu. Und geb dir einen Kussvorrat für die Nacht mit ins Kissen. Und als ich die Tür einen Spalt offen lasse und den ersten Schritt in mein anderes Leben mache, merke ich erst, wie gern ich morgen da sein möchte. Und wie schlimm es wäre, wenn ich es mal nicht mehr sein könnte.

Manchmal tagsüber oder auch im Dunkeln, wenn du nicht da bist oder schläfst, vergesse ich dich. Dann leb ich fast wie früher, bevor es dich gab, nur vor mich für mich hin. Dann höre ich laute Musik und mache mich hart für den Tag. Stacheln züchten für den Nahkampf. Dann balge ich mich mit den anderen um die dicken Knochen im Fressnapf, als wären wir für ewig junge Hunde. Dann kletter ich riesige Hürdenberge hoch, oder Hügel, mit nur einer Hand und schaue nicht nach unten. Und während ich über dem Abgrund hänge zeig ich mit der freien Hand denen den Mittelfinger, die von unten hochschreien, dass ich nicht für den Gipfel gemacht sei. Dann sag ich manchmal, dass ich die anderen beneide um das Freisein und die freie Wahl des Weges zu jeder Uhrzeit. Dann erinnere ich mich an früher und höre die Wölfe heulen in den Wüsten hinter mir. Und dann geh ich abends weg und vergesse dich für ein paar Stunden und trinke das Leben in Flaschen mit dicken Bäuchen von schönen Barfrauen. Dann kann mir nichts etwas anhaben. Dann sollen die ruhig alle kommen und mich können. Ich hab für jeden eine Faust übrig, denk ich. Und dann seh ich in der Tram spät abends auf den schwankenden Planken meines Heimweges ein kleines Mädchen, das am warmen Atem seiner Mutter hängt und schläft mit geballten Fäusten vor Anstrengung. Und in meinen Augen löst sich das Salz der vielen Stunden, die mich wie die Brandung langsam rund ausspühlen. Dann mach ich mir nichts mehr vor. Dann weiß ich: Als ich dich gemacht habe, hab ich mir mein altes Leben genommen. Bei vollem Bewusstsein. Und ein neues bekommen.

Wenn ich Zeitung lese und die Augen weit aufreiße beim Gang durch die Stadt voller Ellenbogen. Wenn ich erfahre, was kleinen Menschen angetan wird. Was ihnen genommen, was ihnen zugestoßen wird, als wären sie nicht einen Moment am Leben gewesen. Und mir dann vorstelle, dass du das sein könntest. Dann denk ich manchmal es wäre besser, wenn ich dich nicht so lieben würde. Dann wär ich unverwundbar. Dann müsste ich keine Angst haben. Wenn ich an später denke und mir vorstelle, wie du das erste Mal zur Schule gehst und ich dich dabei nur von hinten und erst abends wieder mit viel Glück von vorne sehe. Wie du um die Häuserecke verschwindest und ich meine Knochen knacken höre, während du aus meiner alten alten Welt brichst wie ein fauler Zahn und zum Schmetterling wirst. Dann merke ich wie gern ich will, dass du für immer bleibst. Und wie sehr deine Mama und ich dir die Welt zu Füßen legen möchten, die nur auf dich wartet. Dann wünschte ich, ich hätte neben dir auch noch die Welt da draußen gemacht. Dann würde dir vielleicht nichts passieren.

Heute Abend habe ich beim Aufräumen ein altes Bild gefunden. In schwarzweiß hab ich mich selbst gesehen, wie ich im Arm meiner strahlenden Mutter das Gesicht eines Kindes mache, das noch nicht mehr als einen blassen Schimmer von der Welt hat. Und ich musste daran denken, dass auch ich gegangen bin. Und dass hinter mir heimlich Tränen geflossen sind, als ich mit einem lauten Knall die Tür des Umzugswagens zugedonnert und meine Mutter mit einem Blitz ins Herz getroffen habe. Ich musste daran denken, dass die Frau an der Fleischtheke heute Mittag mal ein kleines Mädchen war, das vielleicht Angst davor hatte, allein im Dunkeln zu bleiben und sich am Lichtstrahl zwischen Tür und Rahmen festgehalten hat. Dass da draußen überall große Kinder sind, die gehen wollten, weil sie mussten. Auch wenn die meisten es schon vergessen oder sich längst an den Schmerz beim Abschied gewöhnt haben. Und deshalb hab ich dich heute ein bisschen fester gehalten als sonst. Deshalb war ich heute fünf Minuten länger bei dir und hab dich zum Lachen gebracht. Weil ich es liebe, wenn durch deinen Mund der Mut und die Kraft für einen ganzen Tag in glucksenden Lachsalven schießt und mich durchlöchert. Deshalb hab ich dich eine Sekunde länger gedrückt als sonst. Weil ich jetzt schon weiß, dass du mein größter Verlust sein wirst. Du, mein größtes Geschenk.

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15 Antworten

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    Schöner kann man die Beziehung zu seinem Kind nicht beschreiben. Ich bin sehr gerührt!

    19.04.2012, 22:29 von Ajirad
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    Träne im Knopfloch

    28.07.2010, 10:19 von Daner
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    Hm, meistens habe ich nicht die Geduld mich auf Details einzulassen. Ich weiss, es ist eine Schwäche ... vielleicht aber auch eine Überlebensstrategie im Alltag, das vermeintlich oder tatsächlich Unwichtige schlicht aus der Wahrnehmung herauszufiltern. Detailverliebte Texte mit vielerlei Ausschmückungen sind für mich zuweilen schwer zu lesen.
    Trotzdem gefällt mir dieser Text sehr gut. Weil er einfach ein Stück Leben beschreibt, ohne dabei zu sehr zu bewerten. Nicht mit zu viel Hoffnung, nicht mit zu viel Hoffnungslosigkeit, sondern einfach nur ... treffend. Langsam, mehr und mehr, lerne ich die Beobachtungsgabe und Phantasie des Autors zu schätzen. Zwar bin ich emotional nicht so ergriffen, wie andere Kommentatoren es zu sein scheinen, aber immerhin, eine Empfehlung ist mir dieser Text auf jeden Fall wert.

    28.07.2010, 10:05 von Cyro
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    ich weine. Danke.

    11.04.2010, 20:55 von Zio
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    Ein Text der mich berührt!
    Liegt wohl daran, dass sobald ich bei meinem Papa bin, ein kleines Kind werde.... :)

    Toll geschrieben!

    12.03.2010, 11:08 von Tinelein
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    Hm. Ja. Da gab es die eine oder andere Stelle, da hab ich gedacht, jetzt wirds zu kitschig. Und dann hast du doch die Kurve bekommen und einen einfach schönen Text geschrieben. Gefällt mir auch.

    11.03.2010, 14:01 von coronaria
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      @coronaria die sache mit dem kitsch ist bei diesem thema in der tat ein echtes problem! :) da sind so viele emotionale rosenblüten und gummibärchen im spiel bzw. schatten und monster...

      11.03.2010, 14:03 von hib
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    ich find die metapher mit dem leben genommen sehr passend. mir kommts seit meiner tochter auch vor, als würde ich jetzt mein "zweites" leben leben und alles davor war das "erste"

    09.03.2010, 12:38 von NanasKuss
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      @NanasKuss auf jeden fall. nur jetzt ist es nicht mehr so negaitv. jetzt klingt es nicht nach schuldzuweisung. sondern eher nach neuanfang. was es dann ja am ende auch war.

      09.03.2010, 12:40 von hib
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      @hib Neuanfang stimmt.

      Aber das alte Leben, das ist noch da. Es liegt in irgendeiner Schublade und manchmal sollte man es rausholen. Aber es klingt so, als würdest Du das auch tun.

      09.03.2010, 13:25 von B.tina
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    .. einfach schön beschrieben..

    09.03.2010, 10:46 von Firiel
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