madame_etrange 25.11.2011, 00:53 Uhr 14 15

Vertraute Fremdheit

Das ist nicht normal. Wir waren nie normal! Du jedenfalls nicht. Und ich?

Das ist nicht normal. Wir waren nie normal! Du jedenfalls nicht. Und ich?

Störrisch und launisch, laut und eigensinnig. Du warst ein anstrengendes Kind. Zwischen uns herrschten nie längere Zeiten des Friedens, deine Unberechenbarkeit machte mich misstrauisch, damals schon. Wir waren nie ein Team, keine Verbündeten, weil ich immer befürchtete, du würdest auf einmal das Lager wechseln, bei den Eltern petzen, weil dir irgendetwas nicht passt.

Als wir älter wurden, passte dir ständig irgendetwas nicht, du wurdest zunehmend unerträglicher. Tyrannisch, laut, aggressiv, wütend. Du warst der tobende Sturm, der über uns hineinbrach. Jeden Tag, auch ohne Anlass, zumindest ohne einen ersichtlichen.
Ich erinnere mich, dass mir viel verboten wurde, ich sollte viele Dinge für mich behalten, um dich nicht zu provozieren. Das half nichts, du fühltest dich bei jeder Gelegenheit angegriffen. Dann hörten wir auf, miteinander zu reden. Sicherheitshalber.
Obwohl ich nicht mit dir redete, musste ich doch über dich reden. Wir sprachen immer über dich.

Auf einmal hieß es, du seist krank. Krank...wirst du wieder gesund?
Die "Krankheit" sei schon die ganze Zeit da gewesen, mit Beginn der Pubertät. Sie sei der Grund, warum du so bist.
Das machte mich nachdenklich. Was davon bist du? Wann spricht deine "Krankheit" aus dir und wann deine Persönlichkeit?

Die Zeit, in der du im Krankenhaus warst, war die ruhigste, die wir je hatten. Friedlich. Aber das war auch die Zeit, in der die Vorwürfe anfingen. Wer ist Schuld daran? Hat überhaupt jemand Schuld? Ich? Du?
Obwohl du nicht da warst, warst du doch immer Thema. 

Dir ging es langsam besser. Mir nicht. Ich weiss nicht, was passiert ist im Krankenhaus. Aber als du zurück kamst, begannen die Schuldzuweisungen. Vergangenheit und Gegenwart fühlten sich an, wie ein einziges Fehlersuchbild. Und die Suche nahm kein Ende, alles nochmal. Ich muss hier raus.
Muss es mir schlecht gehen, damit es dir besser geht? Was soll ich denn noch sagen?
Sprechen wir mal über was anderes?

Und nun schaue ich in deine Augen, die fast genau so aussehen, wie meine eigenen, eine Mischung aus braun und grün, die haben wir von unserer Mutter.
Ich höre deine Worte, die so klingen, als kämen sie aus meinem eigenen Mund. Ich erinnere mich, dass uns am Telefon nie jemand auseinander halten konnte, nichtmal unser Vater.
Trotzdem verstehe ich dich nicht. Zu fremd sind wir uns geworden. Wo kommen diese Ideen her? Was veranlasst dich, so zu denken? Seit wann benutzt du solche Wörter? Bist du das, oder ist das die "Krankheit"?
Ich kenne dich nicht.
Kannte ich dich jemals?

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14 Antworten

Kommentare

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    sehr nachdenklich. glücklicher weise ist mir sowas nie passiert

    30.11.2011, 00:42 von zwiebelfrisch
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    Danke für deinen Artikel, mir ging es ganz genauso, auch die (fast)selbe Geschichte mit dem Krankenhaus - bei ihr war es eine körperliche Krankheit. Ich dachte bis dato ich steh damit alleine da, aber gut zu wisen dass es anderen auch so ging. Angenähert haben wir uns bisher noch nicht, aber ich glaub da sind auch zuviele Dinge passiert als das dass wieder möglich sein wird.

    Danke.

    28.11.2011, 23:23 von Mle_Ann
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    normal is n scheiß begriff. was ist normal? denk mal drüber nach. das was für dich normal is, ist es für manchen nicht.
    aber is sehr cool geschrieben! *daume hoch*

    28.11.2011, 00:34 von sunbetweenthetrees
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    Toll geschrieben.....
    Erinnert mich sehr an meine Kindheit, in der ich der Sturm war, mit meinem Bruder bin ich aber mittlerweile so zusammengewachsen, das wir uns auch auf die Ferne ohne Worte verstehen.....
    Ich wünsch dir von Herzen das gleiche Gefühl zu erlangen...

    27.11.2011, 22:44 von troublejack
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    Erinnert mich sehr, sehr stark an meine Kindheit. Toll geschrieben!

    27.11.2011, 00:07 von Aimante
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    Du beschreibst etwas womit ich ebenfalls aufgewachsen bin. Zum Glück haben wir uns aneinander aus seiner Krankheit gezogen. Daran sind wir als Geschwister gewachsen. Ich vorher schon unermesslich an seinen stürmischen Zeiten. Ich wünsche Dir, dass irgendwann eure gemeinsame Zeit beginnt. Denn ich empfinde mein Gemeinsam-Sein mit meinem Bruder als absolutes Glück.

    25.11.2011, 22:10 von Zucker-Fee
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    Wow dein Text hat mich ganz schön berührt und obwohl man nicht da ist ist man immer das Hauptthema ja so kann das gehen wow du umschreibst und doch ist klar worum es geht diesen tobenden Sturm kenn ich nur zu gut :(

    25.11.2011, 21:02 von Prinzessin_Faust
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  • 2

    merkwürdig, es mal aus der anderen perspektive zu lesen. würdig, es sich zu merken. berührt mich sehr.

    ich würd dir gern eine antwort geben, woher diese wut eigentlich kommt und wo die grenze zwischen krankheit und persönlichkeit ist. ich glaube eine wirkliche grenze gibt es im grunde nicht wirklich. es ist doch irgendwie eins, eine person, schwarz und weiss. wut macht jemanden grau, denke ich. viell sind die farben dann weg, man sieht sie irgendwie nicht, ich weiss nicht ob sie wirklich weg sind. wut sucht nach schuld, das weiss ich. wut weist schuld zu, und wut macht vorwürfe. der fehler liegt in der suche, der suche nach der schuld.

    ein tobender sturm, ich würde es mit einem tornado vergleichen, vorraussetzungen sind bedingte labilitäten, charakteristisch ist der starke Innendruck und dort ist es auch irgendwie windstill denke ich, da ist es, naja, leer, taub. Tja und er richtet viel schaden an, das weisst du ja sicherlich selbst. er versucht alles in sich reinzusaugen, nur um diese leere zu füllen. und vielleicht versucht er auch alles kaputt zu machen, viell will er dass es allen anderen auch schlecht geht. aber eigentlich will er dass ihr diese leere füllt. Ich denke, das ist so nicht möglich.

    manchmal löst sich der tornado von selbst auf, weil die farben auf einmal da sind. es ist nicht mehr grau und auch nicht leer. so war das bei mir. und dann baut man zusammen alles wieder auf. das dauert jahre. 

    wikipedia:

    Die Entstehung von Tornados ist sehr komplex und bis heute ein aktueller
    Forschungsgegenstand. Trotz offener Fragen in Bezug auf Details sind
    die Voraussetzungen und die prinzipiellen Mechanismen der Tornadogenese
    recht gut bekannt.

    ich denke das trifft es ganz gut. Die "Tornadogenesung" ist ein langer Prozess, ich weiss nicht ob jeder genesen kann. Man brauch Geduld. Man muss viel einstecken können, so ein Tornado macht viel kaputt. Und jeder hat auch seine Grenzen. Und niemand hat Schuld. Ich glaub wenn man das versteht, kann man die Leere füllen.

    25.11.2011, 18:23 von milaja
    • 0

      und er wütet leider meist bei denen besonders stark, die es am wenigsten verdient haben.

      25.11.2011, 18:31 von milaja
    • 0

      Mir gefällt der Kommentar sehr.

      25.11.2011, 20:12 von topfbluemchen
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  • 0

    "Obwohl ich nicht mit dir redete, musste ich doch über dich reden. Wir sprachen immer über dich."
    "Wir"?  Ich vermute, du meinst dich und deine Eltern.

    Das ist furchtbar.

    25.11.2011, 14:49 von Jackie_Grey
    • 0

      ...aber auch menschlich.

      25.11.2011, 20:13 von topfbluemchen
    • 0

      Ja, furchtbar menschlich eben. Der Text lässt ja unglaublich viele Fragen offen. Er ist geheimnisvoll und sehr traurig. Er lässt vieles unerwähnt. Fast, als hätte der Schreiber Bedenken, diesen Text zu veröffentlichen. Handelt es sich um Schwester oder Bruder? Jünger oder älter? War denn jemals Geschwisterliebe vorhanden? Gegenseitig? Mir scheint es nicht so; was ich nicht wertend meine. Das kranke Kind ist der "Problemfall". Das Dauerthema der Familie. Der Text lässt viel Spielraum für eigene Interpretationen. Ich "verstehe" ihn so: Wenn ein Geschwisterteil krank ist, seelisch oder körperlich, oder auch beides - leidet die ganze Familie extrem. Es gibt Fronten(!) zwischen den Gesunden (in der Überzahl) und dem einen kranken Familienmitglied (Außenseiter, ungewollt!). Wenn im Text die Frage aufkommt, ob es dem Kranken erst gutgehen kann, wenn der gesunde Geschwisterteil endlich auch mal leiden muss "Muss es mir schlecht gehen, damit es dir besser geht?" - dann ist das schrecklich. Keiner wird seines Lebens richtig froh in dieser Familie (und Familien sind Schicksalsgemeinschaften). Die Eltern werden gar nicht erwähnt, was mich wundert. Vieles ist sehr verhalten u. undurchschaubar geschrieben. Darum kann man eben nur mutmaßen.


       


       

      26.11.2011, 14:12 von Jackie_Grey
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    Schuldzuweisungen mögen zwar menschlich sein, aber am liebsten würde ich „Schuld“ aus dem Sprachgebrauch streichen.

    „Als wir älter wurden, passte dir ständig irgendetwas nicht, du wurdest zunehmend unerträglicher. Tyrannisch, laut, aggressiv, wütend. Du warst der tobende Sturm, der über uns hineinbrach. Jeden Tag, auch ohne Anlass, zumindest ohne einen ersichtlichen.“

    Zunächst gilt es zwar nach den Ursachen zu forschen, vielleicht gibt es ja konkrete Gründe für dieses Verhalten,  beispielsweise psychische und/oder physische Misshandlungen.
    Doch hier scheint es sich ja um eine psychische Erkrankung zu handeln, deren Ursachen für niemanden nachvollziehbar sind. Warum also diese Selbstvorwürfe, wenn Du nichts getan hast ? Nur, weil Du es nicht verhindert hast ? Doch wie solltest du es verhindern ? Schon als gleichaltriges Kind / heranwachsender ?
    Was ich sagen will bzw. nicht verstehen will, ist dss du Dir nun das Leben schwer machst.  Der Spruch, dass jeder selbst für sein Leben ab einem gewissen Alter verantwortlich ist, mag grausam und hart sein, und von Eltern, die Mist gebaut haben, gern und ohne Unrechtsbewusstsein hinausposaunt werden, aber hier, wo kein Verantwortlicher ausgemacht werden kann, trifft der Satz zu.  Nein, den Zusammenhang, dass es dir schlecht gehen muss damit es dem anderen gut geht, halte ich für schlicht falsch, von der Idee gilt es sich zu verabschieden.
    Im Übrigen kann ich seit ein paar Jahren auch jemanden, der das oben zitierte Verhalten an den Tag legt ... allerdings ist der schon weit über 70, und seine Tabletten, die ihn ruhiger machen, nimmt er nur sporadisch, weil ja angeblich alle Ärzte nichts taugen, Arzneimittel Gift sind, und angeblich alle möglichen Leute in seiner Umgebung Schuld an seinem Zustand sind.  Wirklich alle,  ob nun Familie, Freunde (die meisten haben sich eh abgewendet) oder zufällige Fremde auf der Straße.  Oh ja, und wie ich in seinen Augen Schuld bin an allem möglichen .. z.B. dass er sich krank fühlt, und was weiss ich noch alles.  Allein durch meine bloße Existenz. Doch, wie gesagt, sein Hass richtet sich auf im Grunde alles was lebt und sich bewegt.  Sein liebstes Hobby ist hingegen, sich hinter dem Rücken andere über jene auszulassen, die Schwächen anderer hinauszuposaunen, auszuschmücken, reichlich dazudichten.
    ‚Schuld’ ist sein liebstes Wort, das er mehrfach täglich in die Welt brüllt, fast so oft wie er herumbrüllt dass er das Opfer ist,  ... nach ein paar Jahren. in denen er keinerlei Hilfe annehmen mag und nichts ändern will, mag ich auch nicht friedlich bleiben, und so kann er sich, wenn es nach mir geht, mittlerweile das Wort „Schuld“ in Beton gießen lassen und selber quer an einen Ort stecken, wo die Sonne nie scheint.

    25.11.2011, 11:54 von Cyro
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