LaBrit 30.11.-0001, 00:00 Uhr 16 9

Vertraute Fremde

Und immer wieder kehrt die Sehnsucht nach Vertrautheit in mir ein. Begleitet von der Beklemmung... Ich bin deine Tochter.

Ich weiß, dass du gern die Beatles hörst. Ich weiß, wie herrlich laut du über Siggi und Raner lachst. Bist du glücklich mit deinem Leben? Wünscht du dir manchmal, es wäre anders gelaufen? Ich wüsste gern, was du über mich weißt. Dass ich eine Ausbildung mache. Dass ich in Hannover lebe. Weißt du, warum ich in Therapie bin? Weißt du auch, wovor ich Angst habe?

Die Leute sagen, wir seien uns verdammt ähnlich. So ähnlich, dass man einen von uns ansieht und immer ein bisschen vom anderen in ihm erkennt. Wann immer mal wieder jemand davon anfängt, steigt dieses Gefühl in mir auf und es bringt alle seine Freunde mit. Traurigkeit. Wut. Bedauern. Angst. Wenn du nicht wärst, wäre ich nicht da. Aber du warst so oft nicht da.

Allein in meinem Zimmer, mit der Angst im Bauch, da hätte ich dich gebraucht. Als ich in meiner Wut mit dem Kopf durch die Wand wollte, da hätte ich dich gebraucht. Als ich am Boden war, allein, verlassen, als meine stetigen Begleiter Angst, Schmerz und Trauer hießen, da hätte ich dich am meisten gebraucht. Vielleicht hast du auch mich gebraucht, und ich war nicht da. Aber das weiß ich nicht. Weil wir nie miteinander sprechen.

Einmal hast du mir gesagt, dass du mich lieb hast. Aber du hast mir dabei nicht in die Augen gesehen. Erst einmal sagtest du mir, du seiest stolz auf mich. Und das war nicht etwa, als ich nach einem jahrelangen Kampf mit mir selbst wieder aufstand und leben wollte...nein, das war, als ich meinen Job bekam. Trotzdem hab ich vor Rührung geweint. Weil du das noch nie gesagt hast. Weil ich es mir so lange gewünscht hatte.

Wenn ich dich besuche, reden wir über Politik, das Wetter und die Nachbarn. Während wir das tun, melden sich in mir das Unausgesprochene. Ich würde dir so gerne erzählen, wer ich bin. Ich würde so gerne wissen, wer du bist. Ich habe Angst, dass ich es nie erfahren werde. Ich habe solche Angst. Warum können wir nicht miteinander reden? Warum fühlt sich das so falsch an, obwohl wir es uns doch bestimmt beide wünschen? Ich habe immerhin noch die Hoffnung, dir all das irgendwann sagen zu können. Dass wir reden können, uns in den Arm nehmen können und dass die Beklemmung einfach dahin verschwindet, wo sie vielleicht gebraucht wird. Du fehlst mir, Papa.

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16 Antworten

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    Oh Gott, sind wir Schwestern?  Schon der zweite Text, der aus meinem Leben hätte sein können.

    31.12.2011, 05:02 von des sentiments
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      Vielleicht sind wir das ja. ;)

      31.12.2011, 09:52 von LaBrit
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    Kommt mir sehr bekannt vor - aber ich trau mich auch nicht, was zu sagen. Die Situation ist schon zu verfahren.

    19.03.2007, 21:42 von La_Cerise
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    huhu LaBrit!
    ich hatte/hab auch so ein problem mit meiner mum.mit meinem dad teilweiße.
    ich hab ihnen immer wieder mal einen brief geschrieben,naja dazu muss man sagen,ich bin jetzt seit ca.4jahren nicht richtig zuhause...ständig von einer klinik zur nächsten und letztendlich ganz weit weggezogen...
    aber irgendwann haben sie erstens durch dieses nichtdasein meinerseits und den briefen gemerkt,dass etwas nicht stimmt...
    ich hab auch den wunsch geäußert,einfach mal zu reden...
    gut,das klappt noch nicht so..aber dafür gehts jetzt wenigstens am telefon besser. ich kenn meine eltern noch nicht und sie mich auch nicht,aber ich glaube,es wird stück für stück besser...
    vielleicht hilft dir ein brief?!? da musst du ihn nicht dabei anschaun und du bist nicht direkt dabei,wenn er ihn ließt.schreiben geht ja häufig auch leichter...

    also,ich wünsche dir auf jeden fall alles liebe!
    dass die beziehung doch mehr und mehr nach deinen wünschen verläuft...

    alles gute!

    05.03.2007, 02:48 von Snoopyinlove
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    echt gut geschrieben, muss ich sagen. und ich wünsch euch allen ganz viel kraft, dass ihr das hinkriegt und übersteht

    04.03.2007, 21:05 von Nachbarskatze
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    Sei froh, dass Du es Dir noch wünschst. Wenn selbst dieser Wunsch anfängt zu schwinden, wird es erst richtig vertrackt..
    alles Gute!

    04.03.2007, 10:36 von barcafan
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    sehr toll geschrieben.
    dein text geht mir grad echt nah, weil die beziehung zu meinem papa ähnlich zu beschreiben wäre.
    "..Ich würde dir so gerne erzählen, wer ich bin. Ich würde so gerne wissen, wer du bist....Dass wir reden können, uns in den Arm nehmen können und dass die Beklemmung dahin verschwindet..."
    dito.

    03.03.2007, 21:37 von -Sue-
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    schoen geschrieben. hatte fast das Gefuehl ueber die (nicht wirklich existierende) Beziehung zwischen meinem Papa und mir zu lesen.
    Lg

    03.03.2007, 12:31 von on.the.road.again
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    ich sag dir mal kurz wie es mir geht in meinen (schwierigen ) verhältinissen zu meinem vater.
    vielleicht erkennst du da etwas, vielleicht sagt es dir nix.
    schaden kann es ja nicht...

    ich habe mir "das" gespräch jahrelang gewünscht. gelitten weil es nie ging. denn war ich weg. ganz lang. habe ihn vermisst und die wut und trauer wegen allem was er (oder wir) versäumten hatte wurden immer verschwommener..

    ich sehe ihn einmal im jahr (seit 6 jahren)
    wir reden über politik, kochen und alltag.

    "das" gespräch haben wir nie geführt. aber es ist so eine freude mit ihm über kochen zu reden.
    ich habe gelernt zwischen den sätzen zu hören, dem schweigen zuzulauschen.
    er sagt mir nie dass er mich lieb hat. aber ich weiß es.
    ich brauche es nicht mehr zu hören. ich freue mich unglaublich ihn zu haben, diese momente zu teilen..

    ich sag ihm auch ohne es zu sagen, dass ich ihn liebe.
    ich denke, das hört er genauso!

    03.03.2007, 00:22 von Alf_mile
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    Danke...
    Wie das so ist; ich hätte gar nicht gedacht, dass so viele Menschen dieses Problem kennen.
    Vielleicht schaffe ich es wirklich, ihm das alles mal zu "erklären".
    Ich weiß bloß nicht, ob das auch helfen würde...

    02.03.2007, 22:34 von LaBrit
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