Vermutlich
Als das Telefon klingelt, weiß ich genau, dass es Frau Mälzer ist, denn sie guckt jeden Morgen nach meiner Mutter.
Ihre Stimme zittert, sie hat geweint, "Herr Haak, Ihre Mutter ist tot," da versagt ihr kurz die Stimme, "ich hab sie im Wohnzimmer gefunden, die Polizei kommt gleich, können Sie bitte kommen?"
Erstaunlich gefasst bin ich, als ich meine Jacke von der Garderobe nehme, aus dem Haus gehe und ins Auto steige. Die Kinder sind in der Schule, meine Frau nach einer Bandscheiben-OP in der Reha. Sie fehlt mir sehr.
Mutter war immer herrisch und kontrolliert. Sie wurde laut, manchmal cholerisch, da hat man dann besser zugesehen, dass man sich verzieht. Nach Vaters Tod hat sie eine Darmerkrankung erlitten, Krebs war es nicht, da rechnet man ja irgendwann mit einer solch brutalen Unberechenbarkeit. Ich habe es nie richtig begriffen. Sie hatte etwas Neues zum kontrollieren - ihre Ernährung, den Ablauf des Stuhlgangs in den Stomabeutel, die Hautversorgung und so weiter. Ihr Darm hat Vater ersetzt und der Darm hat Mutter zersetzt. Jedes Jahr haben sie ihr ein weiteres Stück entfernt, es war nicht mehr viel davon übrig. Mutter wurde darüber depressiv.
Es war die Hölle mit Mutter. Täglich fuhr ich zu ihr. Kam ich schon um sechzehn Uhr, verdächtigte sie mich, meine Arbeit zu vernachlässigen, kam ich um siebzehn Uhr, blaffte sie mich an, wo ich denn bliebe. Ich legte die Wäsche falsch zusammen und benutzte das falsche Spülmittel. Ich war auch als erwachsener Mann und Familienvater der reinste Verlierer. Wenn sie nicht zeterte, dann heulte sie. In zunehmendem Maße. Erst schimpfte sie herum, dann wollte sie Trost.
Sie tat mir leid und gleichzeitig wollte ich ihr den Hals umdrehen.
Jedes Mal im Krankenhaus machte Mutter dem Pflegepersonal die Hölle heiß, indem sie auch dort schimpfte, heulte und zeterte. "Die jungen Dinger wissen doch gar nicht, was sie da tun!" schrie sie, wenn der Stomabeutel nicht in dem Winkel hing, wie sie es gerne haben wollte. Nachts verlor sie die Orientierung und schlug nach jedem, der ihr zur Hilfe eilen wollte.
Zu jeder Entlassung brachten meine Frau und ich kiloweise Schokolade für die Belegschaft der Station mit, ich schämte mich entsetzlich für diese herrische Kuh.
Einen Pflegedienst wollte Mutter nicht, "willst du deine Mutter in die Hände fremder Menschen abgeben?!" keifte sie mich an, als ich das Gespräch darauf brachte (die Nacht davor hatte ich äußerst schlecht geschlafen). Ich war wie der kleine Junge früher, ich gab klein bei, ich war ein Hosenscheißer mit einem Bauch voller Wut.
Also fuhr ich täglich zu ihr hin und ließ mich von ihr rund machen. "Warum lässt du dir das bieten?" fragte mich meine Frau mehrfach.
"Bei Mutter kann man nicht erwachsen werden," sagte ich und fing das Rauchen wieder an. "Man". Ich.
"Ihre Mutter darf die nächsten Wochen vorerst keine feste Nahrung zu sich nehmen," sagte Doktor Roth. "Der Darm ist mehrfach übernäht, schon ein Stück Knäckebrot kann alles zunichte machen. Die Ernährungsberaterin war da, leider hat Ihre Mutter sie vor die Tür gesetzt. Ich bin mir nicht sicher, wie lange das gut geht." Ich zuckte die Schultern, "Herr Doktor, ich weiß das auch nicht. Meine Mutter fährt schon bei guten Ratschlägen aus der Haut. Bei Verordnungen ist Feierabend. Ich kann sie ja nicht entmündigen." "Nee," sagte Doktor Roth und wünschte mir alles Gute. Mir.
Abends fuhr ich zu Mutter. Die Kinder wollten nicht mit, der Kleine sagte "Oma stinkt!", das war fies, aber wahr. Die Große hatte keine Lust auf das Gefühl zu stören. Ich hatte es schon richtig gemacht, geheiratet, Kinder und ein kleines Haus, Mutter fand das richtig, aber sie interessierte sich nicht dafür.
Sie saß auf dem Sofa und aß Zwieback. Ich fiel fast hintenüber. "Mutter, du kannst doch jetzt keinen Zwieback essen, dein Darm..." und weiter kam ich nicht, Mutter keifte, "ich esse, was ich für richtig halte!" und so verzog ich mich mit den Einkäufen in die Küche. "Wo rennst du denn jetzt hin?!" hörte ich sie aus dem Wohnzimmer rufen, "ich räume deine Einkäufe ein!" rief ich zurück und schob ein leises "du undankbare Vettel" hinterher.
Sie thronte auf dem Sofa, den Mund zusammengekniffen wie eh und je, ach, was ihr nicht alles weh täte und wie man sie dort wieder behandelt hätte, wie ein Stück Fleisch und dann käme ich daher und wolle ihr sagen, was sie essen dürfe, sie hielte es kaum noch aus und dann verzog sich ihr Mund wieder nach unten, sie sah aus wie diese Fastnachtsfiguren aus der Schweiz, verzerrt und monströs, heulte los und ließ kaum noch verständliche Vorhaltungen vom Stapel und ich stand da in der muffigen und leicht kotigen Luft und kämpfte um Fassung. "...und du machst nicht und du kannst nicht..." heulte sie "... meine Familie lässt mich im Stich, deine Frau bedeutet dir mehr als deine Mutter...", der Sabber lief ihr übers Kinn vom Heulen, wirklich, es war Heulen, gespenstisch, sie glitt theatralisch vom Sofa mit ihren mickrigen achtunddreißig Kilo, sie greinte, "wäre ich doch gestorben im OP, dann wäre ich keine Last mehr für dich, ich merk' das doch" - jetzt schrie sie fast - mir wurde heiß, ich schwitzte wie ein Schwein und ich weiß nicht, was mir einfiel, als ich meine Hand auf Mutters Hinterkopf legte, auf ihre weichen Locken, und plötzlich ihren Schädel mit Wucht an die Kante des Wohnzimmertisches schlug. Sie sank zur Seite.
Endlich hielt sie den Mund.
Ich war ganz ruhig. Ich nahm meine Jacke und ging.
"Vermutlich ist sie ohnmächtig geworden und dann mit der Stirn auf dem
Wohnzimmertisch aufgeschlagen," sagt die Notärztin. "Außerdem ist der
Bauch ganz prall und hart, vielleicht hat sie eine Darmblutung
erlitten," scheint sie laut nachzudenken, denn ich fühle mich in
keinster Weise angesprochen. Ich lege der weinenden Frau Mälzer meine Hand auf den Arm und schenke ihr ein Glas Wasser ein. Dann rufe ich meine Frau an.



Kommentare
solche zwischenmenschlichen situationen in der familie (mal abgesehen von dem part mit dem kopf auf der kante) gibts leider viel zu oft und hut ab vor den menschen, welche diesen zustand sehr lange aushalten.
06.02.2012, 19:03 von pfeffSprachlosigkeit macht sich auch bei mir breit.
02.02.2012, 11:20 von dieAndereKrass...Ich sitz grad hier und sag kein Wort...gutes Ding!
31.01.2012, 23:40 von WeCouldBePerfectEn' harter Brocken aber irgendwie mit nem wahren Kern. Ne ohne "irgendwie". Bestimmt bringt nicht jeder (in dieser Situation) jemanden um, aber alle die das in irgendeiner Form kennen, werden vermutlich hin und wieder das Gefühl verspüren.
31.01.2012, 20:12 von cloe_randomartandlifeIch find verdammt gut!
Ich dachte letztens noch...wann lavish mal wohl wieder was Neues raushaut ???
31.01.2012, 17:55 von cosmokatzeUnd dann so ein schwerer Brocken...
es war mir leider am anfang schon klar woraufs hinausläuft. deshalb empfehle ich ma nich. habs aber dropsdem gern gelesen^^
31.01.2012, 14:48 von Der_Misanthropähm schaustu mal in den ersten absatz?
"Sie fehlt mir sehr." der letzte satz - kommt ma sowas von unglaubwürdich ums eck - am besten weglassen.
herzlich,
deurich
mich hat der Satz auch gestört.. aber ansonsten mag ich den Text!
31.01.2012, 16:59 von vogelfrei_aber warum stört dieser satz? "sie fehlt mir sehr." klingt gut. einfach mit punkt.
31.01.2012, 20:07 von MiZa.@misi -
31.01.2012, 22:03 von lavishich hab das da hingetan, weil dem typen seine frau ja jetzt gerade ganz besonders fehlt - weil der ja weiß, was er da gemacht hat und vielleicht wär's mit ihr anders gelaufen... als ich's nochmal gelesen hab, fand ich den satz auch immer noch passend. ich lass den da jetzt ma, aber danke für den hinweis:-)
jar eben. eben. man weeß janz jenau warum du den satz da hintatst - und deswegen störter mich so, weiler nich natyrlich des wex kommt, weisst?
01.02.2012, 12:14 von Der_Misanthropaber is ja alles keen prob nich nech? hängmer uns nich an som fitzelkram uff!
schaffmer lieber n bissle.
na.
obwohl.
vleicht doch lieber bissle fitzelkram?
*gugg*
Auweia :O
31.01.2012, 13:42 von schnutopardErinnert mich stark an meine Oma...
ich wollte mal das zu ende spinnen, was sich viele angehörige wünschen zu tun.
31.01.2012, 22:09 von lavishJa, dachte ich mir. Trotzdem finde ich es schauderhaft, auch wenn ich es sehr gut nachvollziehen kann.
31.01.2012, 22:27 von NeverGrowUpich hatte mal bock auf schauderhaft:-)
31.01.2012, 22:28 von lavishTotschlag aus Notwehr?
31.01.2012, 11:53 von Jackie_GreyOder gar Sterbehilfe?
So fiktiv das auch ist, es wirkt wie mitten aus dem Leben.
31.01.2012, 11:37 von CyroNun ja, da regen sich ja alle Fluchtinstinkte. Choleriker sind mir völlig suspekt ... ein höflicher Umgangston und ein Minimum an Respekt ist für mich die Grundlage eines Miteinanders. Nun gut, als Kind hat man keine Wahl, aber als Erwachsener kann man sich weitgehend aussuchen, mit wem man es zu tun haben will. "Bei Mutter kann man nicht erwachsen werden," schreibst Du. Stimmt, bei Eltern funktioniert das einfach nicht.
Nun denn, ich zögere das „mag ich“ Herz anzuklicken ... ich mag den Text weil er so realitätsnah ist, aber ich mag zuweilen die ganze Realität nicht. Und auch wenn ich mittlerweile jemanden kenne, dessen cholerisches Verhalten ich nicht tolerieren will und kann (drum nimmt er sich in meiner Gegenwart auch fast immer zusammen) , kann ich das Verhalten der Mutter im Text nicht verstehen. Statt froh zu sein dass sich jemand kümmert gibt es Vorwürfe, jede Menge Hass und Aggressionen, wegen nichts und wieder nicht. Kommt man zu früh zu Besuch ist’s nicht recht, zu spät ist’s nicht recht, man kann es nicht recht machen. In den Augen des Cholerikers sind die kleinsten Nichtigkeiten Anlass durchzudrehen, und egal was man tut oder nicht tut, es ist immer eine Tat aus Sicht des Ausrastenden um ihn zu ärgern, beleidigen, verletzen, denn er ist doch der Mittelpunkt der Welt und alles was geschieht, geschieht nur um ihn ..... nein, Stopp, ich höre mal auf an der Stelle.
Doch, der Artikel ist gut, Du hast den cholerischen Charakter gut getroffen ... mein Blutdruck steigt gerade enorm bei dem Gedanken an jemanden .. nun ja. Aber es sind nicht die Eltern, nein, es ist schon völlig ausreichend jemanden außerhalb der Familie zu kennen der solche Charakterzüge hat.
Leider sind nicht alle mit einem friedfertigem und respektvollem Wesen ausgestattet.
31.01.2012, 11:48 von JoshBlocRealität tut manchmal weh.