Anna_Blum 30.11.-0001, 00:00 Uhr 38 17

Vatertöchter

Er ist lange Zeit der wichtigste Mann im Leben einer Frau. Aber er sollte es nie für immer bleiben.

„Dein Vater kotzt mich an, Du glaubst gar nicht, wie sehr er mich ankotzt.“

Ich stürze meinen Wodka Lemon hinunter und stehe auf, gehe an ihm vorbei. „Zufällig liebe ich ihn“, flüstere ich ihm hastig zu und verlasse die Hotelbar, eile zur Tür hinaus, runter zum Meer, an die frische Luft, die ich so kalt erwartet hatte, viel kälter, als sie tatsächlich ist, merkwürdigerweise friere ich gar nicht, wieso friere ich nicht, denke ich, warum weine ich nicht, was ist nur passiert? Er hat meinen Vater beleidigt, er hat sich auf die falsche Seite geschlagen, ist mir plötzlich so fremd. Niemand darf meinen Vater beleidigen, nicht meinen Vater, den ich so liebe, der so tief in meinem Herzen steckt, dass es weh tut. Ich muss Felix verlassen, denke ich, nie wieder wird er mir nah sein können. Und mein Vater? Es hat sich so vieles verändert in den letzten Monaten, seit ich mit Felix zusammen bin, mein Verhältnis zu ihm hat sich verändert, er macht mir das Leben zur Hölle, weil er mich liebt und nicht loslassen kann, weil er ausnutzt, dass auch ich nicht loslassen kann, er kennt mich gut, er weiß, welche Hebel er bewegen muss. Natürlich ist er nicht fair, natürlich hat Felix ein Recht darauf, wütend zu sein. Aber, mein Gott, das ist mein Vater, mein Held, mein Vorbild in Jugendtagen, der Mann, der mich zum Lachen bringt und zu Tränen rührt, der Mann, der seine Kinder nie im Stich lassen würde und sie so sehr liebt, dass er aus Liebe Fehler macht, große Fehler, die für mich so quälend sind. Und trotzdem treffen mich die Worte von Felix mitten ins Herz. Niemand darf meinen Vater beleidigen, schon gar nicht der Mann an meiner Seite. Damit hat er sich wegkatapultiert, ich sehe ihn schon kaum mehr, mein Gott, ich muss mich trennen.

Der Wind frischt auf, nun friere ich ja doch und verliere eine Träne nach der anderen, es schüttelt mich sogar, weil alles durcheinander und verworren ist. Vielleicht sollte ich von dieser Klippe springen, auf der ich stehe, es gibt ohnehin nichts mehr, was mich hält, ich bin völlig wackelig, mein ganzes Dasein wackelt, mein Fundament, auf dem alles fußt.
Das Fundament, gegossen und verziert von ihm, meinem Vater. Wie sehr er mich geprägt hat, wie viel Stärke er mir gegeben hat, wie richtig in meinen Ohren alles war, was er sagte und tat. Erst durch Felix haben ich gelernt, mich zu distanzieren, wenn auch nur in kleinen Schritten, meinen eigenen Kopf zu bewegen. Nicht abhängig zu sein von seiner Liebe, von seiner Zuneigung und seinem Lob. Weil er doch so ein guter Mensch war und ich es nur sein konnte, wenn er mein Tun für richtig befand. „Anna, wir sind erwachsen“, hat erst kürzlich mein Bruder zu mir gesagt. „Es ist nicht mehr wichtig, welche Meinung unsere Eltern von Deinem Leben haben. Die Meinung von Felix sollte Dir wichtiger sein.“ Ja, Du hast ja Recht. Natürlich hat er Recht, mein Bruder, der schon immer sein eigenes Leben gelebt hat, der den Worten meiner Eltern nur wenig Beachtung schenkt, weil er auf seinen eigenen Verstand, seine eigenen Gefühle, sein eigenes Herz hört. Warum sind Jungs besser darin, sich von der Meinung ihrer Eltern frei zu machen?

Ich höre Schritte hinter mir, ich schlinge meine Arme fester um meinen Körper und neige den Kopf nach rechts, es soll deutlich machen, wie sehr ich leide. Dabei steht dort nur ein altes Ehepaar, das schnell wieder von dannen zieht, als es meine Tränen erahnt, schnell gehen, bevor sie springt, denken sie sich, bloß nicht in ihr Elend hineingezogen werden. Felix würde jeden Menschen trösten wollen, der dort steht und weint. Er hat ein großes Herz. Ist es nicht das, was zählt? Mein Vater hatte ihn von Anfang an abgelehnt. Zu alt, zu sehr im Jetset-Leben verhaftet, zu labil. Raucher, kein Mannschaftssportler, ein Mann, der seine Familie verlassen hat. Er wird mich unglücklich machen, davon ist mein Vater überzeugt. Dabei interessiert es ihn nicht, dass ich gerade glücklich bin. „Du bist ja nur wegen des Geldes mit ihm zusammen.“ Whumm, der erste Schlag ins Gesicht. Der Beginn einer langen Reise von ihm fort. Ich hätte ihm hundert Gründe aufzählen können, warum ich Felix liebe, aber ich ließ es bleiben. Ich hätte es unter Tränen tun müssen.

Ein Taschentuch wäre jetzt schön. Ein Drink wäre fein. Ein Mensch, dem ich meine Tränen zeigen kann. Meinem Vater kann ich sie nicht zeigen und Felix auch nicht. Beiden kann ich es nicht recht machen. Der Barkeeper. Ich sollte zu ihm in die Strandbar eilen und um Wodka bitten. Ich sollte saufen und mit ihm nach Hause gehen. Ich sollte bei ihm leben und für immer auf dieser Insel bleiben. Weit weg von Felix und von meinem Vater. Weit weg von allem, was ich mal gewesen war.

Er nähert sich ganz leise, vielleicht bleibt er auch immer wieder stehen, in Hilflosigkeit verharrt. Ich bemerke ihn erst, als er mich sanft von hinten berührt und sich neben mich stellt. „Es tut mir leid“, sagt er und bewegt sich dabei ungeschickt, ein Schritt nach vorn, ein Schritt zurück, mit der Hand streicht er sich durchs Haar. Er weiß nicht, ob er mich umarmen soll, ob es mir recht wäre. Auch ich weiß es nicht. Ich muss jetzt anfangen, es herauszufinden. Ich muss herausfinden, was ich will, was mich glücklich macht. Was ist mir wichtig? Mit meinem Ärmel wische ich die Tränen weg. „Weißt Du was?“, sage ich zu Felix. „Ich mochte die Berge schon immer lieber als das Meer.“

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    Ich finde deine Geschichte absolut treffend.Ich bin selbst Vater einer 27 jährigen Tochter und kenne die Probleme einer Vater Tochter Beziehung.Ich weis nicht woran das liegt immer das Gefühl zu haben den beschützer zu spielen.Wenn man als Vater nicht loslassen kann ist Stress vorprogrammiert.Ein guter verhältnis mit einer gewissen Distans ist die beste Lösung auch wenn es einer oder beiden Seiten schwer fällt.
    Ciao ecke

    26.03.2008, 18:28 von highlife1952
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    was würde ich dafür geben...! sei dankbar für diese grenzenlose liebe, er hat doch nur sorge um sein kleines mädchen.

    25.03.2008, 22:10 von spasskiller
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    Toll geschrieben...ich liebe meinen Vater auch über alles.

    10.02.2008, 16:40 von mellirichter
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    Eine schöne Geschichte die glaube ich (fast) allen Frauen in irgendeinerweise bekannt sein dürfte!

    04.02.2008, 12:26 von Wiejetzt....
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    toller, emotionaler text...;)

    30.01.2008, 16:32 von NoirPassion
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    Sehr, sehr gut geschrieben, keine Frage.
    Aber der Inhalt!!! Ich finde solche Vater-Tochter-Beziehungen total gruselig. Das hat für mich gar nichts mit Eltern-Liebe zu tun, ich finde eine solch intensive Beziehung geht viel zu weit! Hört sich ja an wie eine Liebesbeziehung!!! Bei einem Mann würde ich vom Ödipus-Komplex sprechen (alles Schweine außer Mutti). Guck, dass Du aus der Nummer schnellstmöglichst rauskommst, sonst wirst Du nie eine echte Partnerschaft mit einem Mann leben können.

    28.01.2008, 12:37 von chaosmieze2
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    sehr offen und direkt geschrieben, das gefällt

    wenn es mir doch gelingen könnte, gefühle so intensiv zum ausdruck bringen zu können, aber neee

    22.01.2008, 06:43 von impulsive
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    super geschrieben, hat mich sehr zum denken angeregt. ich bin auch papakind. sehr sogar, aber ich hab mich noch nie mit ihm gestritten. noch nicht. da hab ich jetzt gerade etwas angst vor.
    ich wünsche dir das du dich für das richtige entscheidest.

    19.01.2008, 02:23 von Nimue
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