hib 07.01.2013, 23:10 Uhr 35 47

Vater

Du bist weg. Aber ich bin noch hier. Und ich erzähle allen von dir.

Machst mich. Und verpisst dich.

Nichts hast du mir erklärt. Niemals. Nicht wie man umgeht mit all dem Gefühl und wohin damit. Was man tut wenn einen nachts ein Gedanke nicht mehr loslässt, wenn das Leben brennt, dass kein Salz es löschen kann. Welche Musik man hört und wie sie einen heilen kann. Zu nichts warst du nutze, nichts hast du mir mitgegeben. Nicht wie man ein Auto fährt, wie man mit Niederlagen umgeht, wie man sich für etwas begeistert, nicht wie man Angst überwindet. Nichts weiß ich von dir. Außer wie man es nicht macht. Aber selbst das musste ich allein rausfinden. Du bist ja fein raus aus der Nummer. Glotzt mich an von irgendwo her, was weiß ich, und lässt mich machen. Ein Elendsspanner bist du. Hör auf mich so anzustarren, du Quälgeist.  

Du hast mir keine Geschichten erzählt über dein Leben. Wann du hingefallen bist, wie du wieder aufgestanden bist oder warum du meine Mutter nicht mehr geliebt hast am Ende oder warum deine Mutter dich nicht mehr geliebt hat. Das wär doch mal interessant gewesen. Aber nein. Geschichten haben nur die anderen erzählt über dich. Die, die du übrig gelassen hast in deinem Weglaufwahn. Alle haben sie ein trauriges Gesicht dabei gemacht. Alle sagen sie, dass du eigentlich nicht verkehrt warst. Die ohne dich weitergelebt haben, weil du einfach gegangen bist. Du bist immer gegangen, das war dein Stil oder was. Weil du Angst bekommen hast vor was weiß ich. Siehst du. Nicht mal das weiß ich. Sogar das muss ich mir denken. Verstehst du? Deine Angst muss ich verstehen, ohne dass du auch nur einen Finger krumm machst dafür. Ich mach mich innen krumm. Das ist das letzte, was ich tun will. Und das erste, was ich tun muss. Damit ich weiter machen kann. Eigentlich ein guter Kerl. Eigentlich. Dieses Wort sollte man dir eigentlich um die Ohren hauen, dass es bis Hamburg kracht in deinen Gebeinen.

Du lebst in mir, kann ich sagen. Wenn ich alte Bilder sehe von dir, dann sehe ich in deinem Gesicht mich oder umgedreht oder wie auch immer. Es bedeutet mir was. Aber was das heißt? Zu sitzen auf einem Haufen Dreck, von dem man nicht weiß, was er einmal war. Tausend Bruchstücke hab ich hier unter mir, voll Blut und Schweiß und billigem Fusel. Scharfe Kanten haben sie alle, es war noch nicht genug Zeit, die Ecken rund zu waschen. Ich schneide mich dauernd an dem Mist und trinke mein Blut kannenweise aber außer Eisen im Mund und einem schweren Klumpen im Bauch entsteht daraus nichts. Ein Puzzle zu bauen, von dem man nicht weiß, welches Bild es ergibt, ist ein Lebenswerk. Darüber sitz ich nun, dank dir. Weil du mir nicht mal eine simple Gebrauchsanleitung für diese Welt dalassen konntest. Nicht mal einen Brief, in dem du was erklärst. Du konntest doch schreiben, oder? Du hast doch studiert. Da schreibt man doch beim Studium. Wie viele Liebesbriefe hast du geschrieben an andere Frauen? Wie viele Zettel auf dem Küchentisch? Fuck. Hättest du doch mal was geschrieben, für mich. Ich bin dein Sohn. Verstehst du diesen Satz überhaupt? Was er bedeutet? Ich schrei ihn dir auch gern ins Gesicht, solltest du noch eins haben. Ich habe jetzt selbst eine Tochter. Ich verstehe ihn, den Satz. Ich würde sie niemals allein lassen. Nicht ohne ein Wort für sie dazulassen. Damit sie weiß, dass sie nicht allein ist, nicht allein war. Niemals. Von dir hab ich nichts. Obwohl du doch schon hättest ahnen müssen, dass du nicht bleibst. So wie du warst, das war doch nichts für mich.

Du hättest mich am liebsten abgetrieben. Sagen die anderen. Es gibt nicht viele Fotos, auf denen wir beide drauf sind. Aber auf einem schaust du mich an. Und ich frage mich, ob es dir da leid getan hat, dass du mich nicht wolltest. Nur nicht mal das kann ich dich fragen. Du musstest dich ja selbst aus dem Leben entfernen. Wie einen Blutfleck aus einer blauen Hose hast du dich rausgewaschen. Das Rot ist weg, was bleibt ist eine fahle braune Stelle, die immer sofort ins Auge sticht. Geschwister sitzen noch irgendwo zur Hälfte, drei oder vier oder fünf, sag du es mir. Opa, Oma, noch eine Mutter, all das hast du mir hiergelassen und doch niemals gesagt, wo genau ich sie finde. Eine Schatzsuche ohne X ist das. Ein Schatz ohne Gold für die Backenzähne. Und dann auch noch einer von den Schätzen, der viel zu lang vergraben war. Aber weißt du, wenn es stimmt, dass du mich nicht wolltest, hier bei dir, dann ist mir alles klar. Einen schlechteren Start kann man eigentlich nicht haben. Das Ruder kriegste im Leben nur schwer rumgerissen, zumindest mit solchen dünnen Armen, wie du sie hattest. Aber weißt du was? Ich bin noch hier. Und du nicht. Ich schreibe jetzt auf, wie ich dich sehe. Und erzähle es allen. Und du kannst nichts dagegen tun. Wie fühlt sich das an. Genau. So weit hätte es niemals kommen dürfen.

Ich hab dich nie gebraucht. Aber irgendwann, als ich älter war, hab ich plötzlich begriffen, dass du mir all die Jahre doch gefehlt hast. Das war als mein Leben plötzlich den Bach runter trieb, der langsam aber sicher zum reißenden Fluss wurde. Und keiner mir einen verdammten Ast in die Strömung hielt, um mich aufzuhalten. Oder mich davon abgehalten hätte, überhaupt in den Fluss vor Durst zu springen. Weil der einzige, der mich verstehen konnte, sich niemals dafür interessiert hat, was mich zum Meer hintreibt. Weil der einzige, der mich hätte verstehen können, nicht mehr da war. Und niemand da war, der so war wie ich.

Machst mich erst und verpisst dich dann. Was hast du anderes erwartet? Und komm mir nicht mit dumm gelaufen. Komm raus aus deinem Grab. Dann kann ich dir vielleicht vergeben.

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35 Antworten

Kommentare

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  • 0

    verdammt dumm von ihm.
    er haette tierisch was zum stolz sein gefunden, wenn es nur ueber die schwelle geschafft haette.

    24.04.2013, 16:58 von Pumpilotta
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  • 0

    "Du hättest mich am liebsten abgetrieben. Sagen die anderen."

    die anderen. warum sagen die anderen was zu dir? diese frage stelle ich mir immer. was denken sich diese menschen, wenn sie so einen satz zum kind sagen. unbegreiflich.

    "Weil der einzige, der mich verstehen konnte, sich niemals dafür interessiert hat, was mich zum Meer hintreibt."

    weißt du es? keiner der eltern vergisst sein kind. niemals.

    "Von dir hab ich nichts. Obwohl du doch schon hättest ahnen müssen, dass du nicht bleibst."

    ja, er hätte schreiben sollen. an dich. aber er hat dich geliebt, das kann ich dir versprechen.

    23.03.2013, 19:52 von Suenje
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  • 0

    mir auch! das ist einfach haargenau meine situation, ich bin sprachlos

    18.01.2013, 20:14 von frontrowfeeling
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  • 1

    du hast mir aus der seele geschrieben und nun sitze ich hier mit tränen in den augen ... !

    15.01.2013, 13:40 von kleinesjulchen
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  • 0

    Salz löscht Feuer? o.O

    10.01.2013, 14:29 von MissesBiscuit
    • 1

      Ja. 

      10.01.2013, 23:43 von augenblicklicht
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  • 1

    Mir hat man beigebracht, auf Tote dürfe man nicht wütend sein oder schlecht über sie reden, sonst finden sie keine Ruhe.


    Ich glaube, dass das nicht stimmt. Und deswegen hat dein Text wirklich mein Herz berührt:

    Weil man manchmal eine Scheißwut hat. Weil es nicht fair ist und nie fair sein wird, dass der Vater nicht da war, um einen das Fahrradfahren beizubringen oder die Sache mit den Mädchen oder wie man seine Zukunft gestaltet. Es macht einen ja nicht nur traurig, sondern die ganzen Wenn, und dann machen einen in stillen Momenten fast wahnsinnig vor Wut. Ich finde, auch Wut hat ihre Berechtigung.

    Ich habe das selbst nie erlebt, in meiner Familie trennt man sich nicht und geht ... Auf welche Art auch immer. Aber ich habe mal einen Menschen geliebt, der auf diese Art regelrecht kaputtgegangen ist. Er konnte die Wut nie loslassen, auch nach fast 10 Jahren nicht. Und immer, wenn ich heute an ihn und seine Geschichte denke, dann auch daran, wie sehr es sich lohnt, das Leben zu feiern. Bei deinem Text habe ich mich ähnlich gefühlt, dafür danke ich dir sehr.

    08.01.2013, 23:52 von Sommerregen03
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  • 4

    Ich schreib mal ganz ehrlich was mir dazu einfällt:
    Ich freu mich grade, dass ich am Leben bin, denn das Leben, in allen seinen Facetten, ist schön.
    Man nehme doch nur mal dein Leben als Beispiel - Der Vater hat massive Probleme, will nicht mehr leben, will alle Verantwortung abstreifen und endlich ein Ende dieses Albtraums das sein Leben ist (ich extrapoliere hier mal den Zustand eines Depressiven anhand der Selbsttötung).
    Da kommt noch eine Schwangerschaft ins Haus geflogen. Noch mehr Verantwortung. Natürlich ist man für eine Abtreibung - solange man noch raus aus der Nummer kann und das Gewissen es einem schlussendlich nicht völlig unmöglich macht.
    Aber irgendwie, aus irgendeinem Grund, den niemand, aber auch absolut niemand kennen kann, bist du am Leben. Trotz absolut schier unwahrscheinlichen Zufällen, und das kannst du mir glauben, das Leben ist ein einziger Zufall (jaja, Gott..), ist es so gekommen, dass du dich hier und heute darüber wunderst warum alles so ist wie es nunmal ist.
    Ich persönlich finde so Geschichten ja faszinierend - damit meine ich unglaublich glückliche Geschichten, aber auch die Herz-zermalmenden Tragödien des Lebens. Da kann ich nix für, so bin ich eben. Anziehungskraft des Morbiden, oder so. Ich bin überzeugt, jeder hat das in sich. Mancher lässt das nur nicht so zu, will sich das nicht so eingestehen, vielleicht. Aber egal.
    Was ich noch sagen könnte, wäre dass sich mein Vater nach einer Scheidung als ich so zwölf war aus meinem Leben verabschiedet hat. Ich weiß, das ist nicht annähernd vergleichbar, weil ich meinen Vater ja kennenlernen durfte und er ja auch nicht aus der Welt ist. Aber worum es mir geht ist, dass ich seine Entscheidung - die Entscheidung ein anderes, neues Leben zu beginnen - nachvollziehen kann und sie ihm nicht nachtrage. Ich hätte vielleicht das gleiche getan.
    Gott bewahre, ich will hier keinen Suizid rechtfertigen, oder dir sagen, dass du deinem Vater vergeben sollst. Ich hab eh grade den Faden verloren...
    Nur so viel: Wir sind alle nur Menschen, die versuchen das Leben zu meistern.
    Also mach nie den gleichen Fehler wie dein Vater und erinner dich immer daran, dass das Leben im Grunde schön ist.

    08.01.2013, 23:22 von Dalek
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  • 1

    Wie aus meiner Seele geschrieben...
    Danke!


    08.01.2013, 23:09 von withoutwings
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  • 0

    Du hättest mich am liebsten abgetrieben.

    - Unter solchen Kommentaren und dem sinnlos abwertenden Angebot von Geld leiden erst die betroffenen Frauen, später die Kinder!


    Dein Text gibt mir aus deiner Perspektive her als "Kind" sehr zu denken! Danke!...

    08.01.2013, 22:58 von XeNia79
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  • 0

    ich mag deine Texte, dieser jedoch ist mir ein wenig zu verbittert.
    vielleicht auch nur deswegen, weil ich nicht mitleiden kann, weil unbekanntes Gefühl...
    Aber geschrieben natürlich wieder 1A.
    würde mich über neue Texte weiterhin freuen.

    08.01.2013, 22:57 von Surecamp
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