Karenin 19.04.2005, 10:23 Uhr 8 0

Vater, wer bist du eigentlich?

Es gibt Vieles, was ich dir schon immer mal sagen wollte und viele Fragen auf die ich gerne eine Antwort von dir hätte.

Lieber Papa!
Es gibt Vieles, was ich dir schon immer mal sagen wollte und viele Fragen auf die ich gerne eine Antwort von dir hätte. Aber ich habe Angst davor dich direkt zu fragen. Angst vor deiner Reaktion und deinen Antworten, deswegen bin ich zu feige dich persönlich zu fragen. Ich wüsste auch nicht wie du reagieren würdest, denn leider bist du mir so fremd, dass es mir schwer fällt das einzuschätzen. Bis jetzt haben mich Situationen in denen es um dich und uns ging immer sehr wütend gemacht und unheimlich traurig, denn für dich scheint es kein Problem zu sein, dass wir dir genauso fremd sind, wie du uns. Wir wohnen in einer Stadt, aber sehen uns nie. Du rufst nicht an, es sei denn du hast ein Anliegen, eine Aufgabe die wir doch bitte für dich mal eben erledigen sollen. Ich frage mich ganz oft warum das so ist. Keiner hält uns davon ab uns zu sehen, außer vielleicht deine Arbeit, die du immer in übermäßigem Maße zu bewältigen hast. Wenn wir uns doch mal sehen, muss die Aktivität immer genau geplant sein und in deinen Terminkalender passen. Außerdem sollte es möglichst Geld kosten und unsere Beschäftigung garantieren, damit du dir keine Gedanken machen , nicht den Unterhalter spielen musst. Macht dich das nicht traurig? Ist das deine Vorstellung von Familie? Eine richtige Familie sind wir ja sowieso nicht, aber das wäre ja nicht schlimm, wenn wir trotzdem eine Beziehung zu dir hätten. Warum rufst du nie mal einfach so an, um zu fragen wie es uns geht? Ganz oft habe ich das Gefühl, das es dich einfach nicht interessiert, was wir machen, dass es dir völlig gleichgültig ist, was aus uns wird. Aufregen kannst du dich, wenn wir dann irgendwas nicht so machen, wie du es für richtig hälst und dann ist es immer Mamas Schuld, weil sie uns falsch erzogen hat. Wann hast du dir eigentlich das letzte Mal mein Zeugnis angeschaut oder eine meiner Theateraufführungen besucht? Du weißt nicht wer meine Freunde sind, was ich für Musik höre, dass ich mich für Kunst interessiere und schlecht in Mathe bin. Aber du hast mir ein Auto geschenkt. Deswegen bin ich dir nun zu ewigem Dank verpflichtet. Wenn du siehst, dass ich ein Loch in der Jeans habe, willst du mir eine neue Kaufen. Hast du dich schon mal gefragt, ob ich das eigentlich will? Was soll ich denn mit tausend schönen Dingen, wenn es nichts daran ändert, dass wir in zwei Welten leben? Aber für dich ist das ja alles so wichtig. Du musst teure Autos fahren, ständig chic Essen gehen, in neuen Designer-Anzügen herumlaufen und mit wichtigen Leuten verkehren. Und wer bezahlt unsere Stromrechnung? Das und warum du Mama verlassen hast, wäre ja nicht so schlimm, wenn du trotzdem für uns da wärst. Manchmal wüsste ich gerne warum du so viele Kinder in die Welt gesetzt hast, wenn sie dir doch so egal sind. Ich hatte nie das Gefühl, dass es dir irgendetwas ausmacht, dass du rein gar nichts von uns weißt. Das einzige Mal als wir über unsere Beziehung zueinander geredet haben, das war als Oma gestorben ist, erinnerst du dich? Da hast du gesagt, dass deine Freundin Priorität vor uns hat und das wir das verstehen müssten. Ich kann dich nicht verstehen, versuche es zwar immer wieder, aber scheitere jedes Mal kläglich. Ich habe nichts gegen deine Freundin, auch wenn es nervt, dass es alle paar Monate eine Neue ist und ich mittlerweile einfach keine Lust mehr habe mich mit deinen Modepüppchen auseinander zu setzen, die einem immer erzählen, sie könnte verstehen wie schwer das für uns ist. Ich wünsche mir, dass du eine Familie für dich findest, in der du Leben kannst, denn vielleicht würde sich dann etwas ändern. Ich kann nicht nachvollziehen, wie die eigenen Kinder nicht Priorität im Leben sein können. Wozu bekommt man dann Kinder? Ich will kein Geld, keine materiellen Dinge von dir. Ich möchte einen Vater von dem ich weiß wer er ist. Bis jetzt bist du nicht viel mehr als mein Erzeuger. Ich möchte einmal das Gefühl haben, dass dich interessiert was wir machen, dass du dich freust, wenn wir uns über etwas freuen. Ich möchte , dass du stolz auf uns bist. Möchte einmal Anerkennung bekommen und nicht wie sonst immer nur ein unbedeutendes „Schön..“ hören. Ich möchte wissen wer du bist. Möchte dir nicht mehr zufällig auf der Straße begegnen und nicht wissen was ich sagen soll, weil ich kein Thema habe über das ich mit dir reden könnte. Ich werde dich nie völlig verstehen können, weil du in einer anderen Welt lebst, andere Ziele im Leben hast, andere Werte verfolgst, aber wäre es nicht möglich trotzdem eine Basis zu finden auf der man sich versteht? Weißt du eigentlich, wie es ist dein Kind zu sein? Ständig von allen zu hören, wie nett du bist, aber die Meinung nicht teilen zu können, weil du zu mir nicht nett bist. Weißt du, wie oft ich geweint habe, weil ich mir auch einen Vater gewünscht habe, den es interessiert, was ich tue? Ich hoffe, dass du über diesen Brief nachdenken wirst, bevor oder nachdem du einen Wutanfall hattest. Ein Freund von dir hat mir gesagt, dass das nur an mir liegt. Dass du nicht fähig bist Gefühle zu äußern oder dich darum zu bemühen, dass unsere Beziehung besser wird. Wenn ich dich kennen lernen will, sollte ich mich darum bemühen. Ich weiß nicht, ob ich dazu zu stolz bin, aber ich bin doch deine Tochter und sehe nicht ganz ein warum nur ich alleine die Kraft aufbringen muss dich zu verstehen. Ich weiß nicht, ob ich noch Hoffnung hegen sollte, dass sich an unserer Beziehung jemals etwas ändert. Ich befürchte beinahe, dass es zu spät ist, denn du bist zu alt, um dich zu ändern und scheinst es ja auch nicht zu wollen. Aber vielleicht wachst du ja doch eines Tages auf und stellst fest, dass du etwas falsch gemacht hast, siehst deine Fehler ein. Ich wünsche mir, dass das bald ist und ich dann die Hoffnung noch nicht aufgegeben habe, dass es dann noch nicht zu spät ist, um einiges nachzuholen.
Deine Tochter

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    Ich weiß grad nicht, ob ich es gut finden soll, dass es auch noch anderen so geht, auch andere so einen Papa haben, aber es sei Dir gesagt, der Tip, dass Du Dich einbringen musst, ist gar nicht so schlecht!
    Ich habe es gemacht, hab mein Ego und meine Verletztheit für einen Moment ausser acht gelassen und habe zumindest rausgefunden, warum ich bin wie ich bin!
    Ich denke, dieser Mensch "Papa" ist vor allem wichtig für die Erklärung seiner eigenen Hälfte.
    Heute weiß ich, dass mein Papa mich lieb hat, es war ein langer Weg, und es gibt keine Sicherheit, dass er nicht wieder irgendwelche Kapriolen schlägt. Aber er ist und bleibt nun mal mein Papa...

    05.10.2005, 13:44 von Nimbus
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    Ja da kann ich mich den meisten anschliessen. So aehnlich ist auch der Brief den ich geschrieben hab, nur das mein Vater auch noch geizig ist. Vielleicht ist er ja bald hier zu lesen.
    Warum Vaeter wohl nie sagen koennen das sie einen lieb haben...

    17.09.2005, 12:04 von Shanghai_Baby
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    Sitze hier und versuche mich zusammen zu reißen. Ist ein guter Brief und ich kann wirklich verstehen, warum du diesen Weg wählst und kein Gespräch. Der Brief könnte von mir sein. 100%-ig. Danke. ZU mehr fehlen mir die Worte...

    09.05.2005, 20:05 von Sophie-Marie
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    juhuuuu!
    den brief könnte ich geschrieben haben. nur, dass ich mittlerweile alle hoffnung aufgegeben habe... c'est la vie

    28.04.2005, 23:06 von die.asti
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    Ich schließe mich klaehrchen an. Ich drück dir die Daumen, dass er dieses Mal versteht worum es dir geht, denn schließlich war er doch auch mal jung und brauchte seinen Vater. Irgendwie habe ich manchmal das Gefühl, dass Erwachsene nicht mehr viel an ihre eigene Kindheit denken bzw. es verdrängen und einfach nur 'erwachsen' und ohne viele Gefühl handeln wollen. Schade eigentlich....! Aber nun ja - ein Versuch ist es Wert - ich hoffe wir hören in den nächsten etwas Positives von dir. - Ganz Ganz Viel Glück

    28.04.2005, 21:55 von Sniker
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    genau diesselbe frage stelle ich mir auch immer und immer wieder. leider bleibt sie auch fuer mich unbeantwortet. vieler deiner saetze koennten aus meinem leben stammen und machen mir meine verzweiflung wieder bewusst. bin so hilflos. jegliche versuche ihn wachzuruetteln sind vergebens. all die jahre kaempfte ich um seine aufmerksamkeit und seine liebe. nimm mich endlich war papa und kuemmere dich. ich brauche dich!!!

    28.04.2005, 21:46 von moosrose
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    wow, lass es raus und sorge dafuer das dein vater den brief auch zu lesen kriegt...
    ich wuensch dir viel glueck und nie die hoffnung verlieren,...
    Klaehrchen

    27.04.2005, 14:13 von klaehrchen
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      @klaehrchen bin mir nicht sicher ob es eine gute Idee ist ihm den Brief zu schicken. Finde es feige nicht direkt mit ihm zu reden und habe andererseits angst davor, kann nicht argumentieren, wenn er trotzig reagiert und wieder irgendwelche verletztenden Dinge sagt..., Aber bald bin ich weg von hier, dann gibt es die Chance wohl nie wieder...

      29.04.2005, 10:09 von Karenin
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