Lou1980 11.01.2015, 21:12 Uhr 11 2

Unverschuldet verschuldet

Ich betrete die Wohnung und möchte schlafen. Doch dann ziehe ich mir die ungebügelte Bluse und die bequemsten Schuhe an.

Es ist Samstag und ich arbeite seit dem frühen Morgen in einem Reformhaus und werde noch die halbe Nacht hinter der Theke einer Bar stehen. Von Montag bis Donnerstag putze ich Treppenhäuser und Wohnungen und freitags arbeite ich als studentische Aushilfe in einem Verlag.  Dieses Job-Hopping ist für Studenten normal, dennoch hoppel ich täglich zwischen vier Nebenjobs und meiner Hauptbeschäftigung, dem Studium, hin und her. Ich habe keine Wahl, denn ich bin seit meinem 18. Lebensjahr hoch verschuldet. Ich war damals so nett, mich für meine Eltern selbständig zu machen, obwohl ich kurz vor dem Abitur stand. Das dies in die Hose geht, war mir schon nach dem Setzen meiner Unterschrift klar, dennoch gab es damals kein Zurück. Mein Vater bringt alle Tageseinnahmen ins Spielcasino und kommt mit leeren Taschen im Morgengrauen heim. Nach einem Jahr gebe ich auf und lasse das Geschäft schließen, da immer wieder Gerichtsvollzieher anstelle von Kunden den Laden betreten. Zeitgleich schnappe ich mir meinen Hund, einen Koffer und einige Bücher und verlasse heimlich mein Elternhaus. Da ich vorher wenig Einblick in die Geschäftskonten hatte, trifft mich fast der Schlag angesichts der horrenden Summe wegen unbezahlter Rechnungen. Ich bin 19 jahre jung, hoch verschuldet, meine Noten im Keller und ich verlasse die Schule, um zu arbeiten. Einige Jahre und viele Arbeitsstunden in einem Logistik-Unternehmen später hole ich mein Abitur nach. Ich beginne mit 27 Jahren ein Studium, während meine Schulfreunde ihres beenden. Meine Gläubiger mögen mich glücklicherweise und legen mir keine Steine in den Weg, so kann ich kleinere Raten abzahlen. Dennoch bleibt mir nicht viel zum Leben. Mein Freund, der heute mein Ehemann ist, studiert auch und so studieren und arbeiten wir uns fleißig durch das Leben. Aber während viele unserer Kommilitonen von ihren Eltern finanziert werden und Auslandssemester und unbezahlte Praktika machen, um ihren Lebenslauf durch praktische Erfahrungen aufzuwerten, arbeite ich, um Geld für die Miete, das Essen und meine Schulden zu verdienen. Geld für eine neue Hose, Friseur oder Bausparverträge ist nicht übrig, dennoch bin ich froh, keine Gerichtsvollzieher  mehr in meine Wohnung lassen zu müssen. Mein Freund und ich fahren spontan einen Tag ans Meer und abends zurück, da wir uns keine Übernachtung leisten können, doch gehört dieser Tag zu einem der schönsten in meinem Leben. Jeden Monat ärgere ich mich über meine Kontoauszüge und meine Naivität. Manchmal bin ich so müde vom vielen Arbeiten, dass ich Hausarbeiten nur satzweise schreiben kann. Eine Lungenentzündung während der Klausurphase gibt mir den Rest, ich falle mehrmals durch und muss ein Semester dranhängen. Geld habe ich in dieser Zeit auch keins verdient. Das Studium ist schön, aber manchmal möchte ich mich ausruhen und dumme Sachen im Fernsehen gucken. Dann gehe ich doch arbeiten und besuche im Anschluss das Praxisseminar. Dennoch bin ich froh, trotz dieser schwierigen Umstände die Uni besucht zu haben. Ich gehe in meiner jetzigen Arbeit auf und mein Mann und ich können uns über kleinere Dinge wie ein Abendessen im Restaurant wochenlang erfreuen.Das Verhältnis zu meinem Vater ist nach wie vor angespannt. Ab und an steckt er mir Geld für den Friseur zu. Ob ich mich darüber freuen soll, weiß ich nicht.

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11 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Wenn authentisch:  Respekt, ich zieh den Hut. Und ich bin überzeugt: Iwann fährst du die Ernte ein, im positiven. Alles gleicht sich aus. 

    13.01.2015, 13:37 von Hattori-Hanzo
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    • 1

      Iwan ja, Iwann nein :-P Und wenn: kein Zeitgenosse, Zukunftsgenosse :-P

      14.01.2015, 10:10 von Hattori-Hanzo
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    • 2

      Danke. Naja, ich sehe das Geld viel lieber auf meinem Kopf als im Spielcasino. Wegen mir könnte er mir ruhig bereits gezahlte Forderungen wiedergeben. Da dies nie geschehen wird, nehme ich, was ich bekommen kann. Natürlich spreche ich ihn regelmäßig auf diese Lage an, damit er es bloß nie vergisst, was er angerichtet hat!

      13.01.2015, 18:08 von Lou1980
  • 5

    Eltern können so scheiße sein.


    Ich könnte dieses Pensum gar nicht wuppen.

    Ich hoffe Deine Kraftreserven halten dem stand und es kommen bald bessere Zeiten.

    13.01.2015, 12:01 von Pixie_Destructo
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  • 3

    Voller Respekt vor Deinen Kraftanstrengungen. Wenn es auch im Moment wenig nützt, sieh es so: Dein Leben ist noch lang und es kommt der Tag, an dem du dir neue Schuhe und eine Woche am Meer leisten kannst.

    13.01.2015, 11:51 von MisterGambit
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  • 1

    Heftig..
    Respekt das du so hart schufftest um den Mist deiner Eltern auszubaden.
    Ich hoffe du schaffst es da raus zu kommen.

    12.01.2015, 17:38 von -Maybellene-
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  • 1

    Puh ... mir fehlen die Worte.  Und finde, dass Dein alter Herr immer noch in der Verantwortung steht, zumindest moralisch. Aber was nützt es ... genauso wenig wie Worte hier nützen. Ich schliesse mich nnoaas Kommentar an.

    12.01.2015, 16:36 von Cyro
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  • 2

    scheiße. viel kraft weiterhin!

    12.01.2015, 16:10 von nnoaa
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