Unter Brüdern
Tja, was soll ich nun sagen, während ich mit ihm in der Tiefgarage stehe? Er hat den Wagen extra für mich ausgeparkt.
"Na? Naaa? Willste mal fahren? Ist das nicht ein geiler Sound? So klingt nur ein Boxer! Und die Formen! Ein Klassiker. Ich könnt´ ihn mir auch einfach nur ins Wohnzimmer stellen."
Was soll ich antworten? Spontan fallen mir nur Fragen ein, die das Auto in Beziehung zu seinem Geschlechtsteil stellen. Aber nicht nur als kleiner Bruder verbieten sich solche Bemerkungen. Das ist nicht mein Stil. Besser: das soll nicht mein Stil sein. Man bemüht sich ja - gerade unter Brüdern. Außerdem klingt es zu neidisch. Und das wollen große Brüder hören und kleine Brüder nicht (zu)geben. Und bin ich nicht vielleicht sogar ein wenig neidisch? Immerhin steht da neben meinem Bruder dunkel brüllend das Symbol für "Ich hab´s geschafft!", der Traum aller Jungs. Und es ist seins. Ganz neu.
"Ist das der, den du früher schon als Carrera-Auto hattest?" frage ich fast beiläufig.
Autsch. Das war zu ironisch. Das muss er gemerkt haben. Und ich wollte doch nicht wieder diese "the difference between men and boys is the price of their toys" Diskussion mit ihm beginnen. Zumindest nicht so direkt.
"Komm, jetzt tu nicht wieder so, als wenn Du keine Ahnung von Autos hättest. Ja, das ist ein 911er. Und den findest du auch geil. Und bevor wir dieses Spiel anfangen: ich weiss auch, dass du weißt, was Abseits ist und du trotzdem immer wieder danach fragst. Sag` doch einfach mal: geiles Auto, das du da hast, Bruderherz! Du brichst dir dabei keinen ab."
"Geiles Auto, Bruderherz!", antworte ich. "Stehen da im Bordbuch auch die Abseitsregeln?".
Wir müssen beide Grinsen. Gerade noch mal gut gegangen. 1:1. Unentschieden. Beides gute Eröffnungen, gestichelt, aber keine Fleischwunden. Balance unter Brüdern gehalten.
Dabei habe ich wirklich kein Verständnis dafür, dass es allgemein als besonders männlich gilt, sich den Wünschen und Verhaltensweisen der eigenen Kinder wieder anzunähern: da werden Tränen über ein verlorenes Spiel der Lieblings-Fussballmanschaft verloren, Star-Wars-Figuren zu Ikonen erklärt ("Nur die Originalen! 'Natürlich' nicht die, die es jetzt bei Karstadt gibt!") und man kann nicht einfach sportlich Fahrrad fahren - neeeein, man muss dabei ein Trikot tragen, auf dem ein Sponsor zu sehen ist, der einen selbst gar nicht sponsert, sondern nur die Profis, die man dann spielt, selbst zu sein.
"Nein, aber selbst unter Schwulen ist dieses Auto sehr beliebt." kontert er. "Frag doch auch mal eine deiner Frauen. Die finden es auch geil. Wetten?" Er zeigt mir übertrieben die Zähne.
OK. Ich habe angefangen. Ich kann mich nicht beschweren. Und das mit den "Frauen" trifft mich nicht wirklich, sondern ihn. Ich kann nichts dafür, dass er sich nicht vorstellen kann, dass ich mit manchen Frauen auch einfach nur BEFREUNDET bin. Und sind seine "Männerabende", mit denen ich nichts anfangen kann, nicht schlicht nur ein Euphemismus für eine Zeit, in der sich Männer wieder aufführen, als wären sie kleine Jungs? Und das nur, weil keine Frauen (Mütter?) dabei sind, denen gegenüber sie sonst meinen, sich erwachsen geben zu müssen? Bin ich kein Mann, wenn meine Art von ausgelassenem Spaß ein anderer ist?
Da wären wir wieder bei dem Spiel, das wir seit 35 Jahren spielen und das ich wirklich satt habe. Und ich habe auch noch angefangen. Also muss auch ich jetzt einknicken, um es zu beenden.
"Komm, quatsch nich, sondern lass uns endlich mal eine Runde drehen. Lässt Du Deinen kleinen Bruder mal fahren?" .
Das versöhnt ihn. Und mich auch.
Der nächste Morgen ist ein Sonntagmorgen und ich liege mit meinem Sohn im Schlafanzug spielend auf dem Teppich. Bis er fragt, ob wir "nicht mal was anderes spielen können, als immer mit der blöden Holzeisenbahn?!"
Das ist wirklich undankbar! Dabei habe ich doch in den letzten Wochen die schönsten Brio-Eisenbahnteile gekauft. Alles, was mein Vater mir früher nicht gekauft hat, ich aber immer haben wollte: Brücken, Weichen, elektrische Lokomotiven. Superteile!
Natürlich nur für ihn.



Kommentare
Ich kann es nur immer wieder wiederholen: Ich mag es einfach, wie Du über Familienleben schreibst. Es fühlt sich trotz so mancher Probleme immer warm und sonnig an. Und am Ende möchte man laut rufen: "Yeah, lass mich ein Spießer werden und in Klischees ertrinken!" (Das meine ich weder böse noch ironisch)
04.03.2010, 08:35 von T-ASchöner Text. Mir selben sagen Brio-Eisenbahnen auch mehr zu als überteuerte Potenzmultiplikatoren
31.10.2009, 10:53 von runner_chach gott, ein "porsche"... mir ist ein typ bekannt, der seinen porsche extra in die werkstatt gebracht hat, damit da jemand am auspuff herumfuhrwerkt und der wagen beim fahren "mehr röhrt". grund dafür war der porsche einer kollegin (ich glaube, es ist ein "boxter"...), der ergo toller als sein eigener ist. natürlich hat der mechaniker aus der werkstatt das der kollegin erzählt, "ey, der typ wollte, dass sein auto mehr ´röhrt´!" (wie ein hirsch...)
29.10.2009, 11:41 von lavishich persönlich kann der "brio"-eisenbahn nicht ganz soviel abgewinnen, bekomme aber beim babysitten leuchtende augen, wenn der zwerg die "lego"-steine holt. LEGO! zur zeit beschäftigen wir uns mit der statik von dachfirsten.
@lavish
04.03.2010, 10:14 von LudwigMartinWer seinen Porsche per Eingriff zum Röhren bringen will, der hat ihn nicht verdient. Meine Fresse. Luxusmarken brauchen echtmal ein Urheber-Recht, welches jegliches Tunen verbietet.
schön.
28.10.2009, 19:07 von Kocmonabtaber für den unentspannenden (brio brücken)bogen hin zu deinem sohn auf dem teppich kriegste ne kleine abwertung. runder wäre doch der verweis auf die carrera-rennbahn gewesen, die du deinem älteren bruder zur strafe aus dem kreuz leiern wirst...
oder nennt ihr werber sowas "konsistenz qua kontrollierter inkonsistenz"?
ich hab meine brioeisenbahn geliebt! alles aufgehoben um es an meine kinder zu ihrem (?) vergnügen weiterzugeben!
28.10.2009, 13:12 von ma.liedie geschichte gefällt! so nen "schlagabtausch" kenn ich auch mit meiner schwester... wenn auch der inhalt ein anderer ist :)
28.10.2009, 12:05 von zzebraIch mag wie leicht und fair diese Geschichte erzählt ist, bei aller Schwere, die darin liegt. Wie man erkennen kann, die laut brüllen wollenden Gefühle in leisen liebevollen Respekt verwandelt werden. Weil man lebt. Weil man liebt. Weil man ist und jemand sein will, geschätzt, verstanden, akzeptiert. Ich habe „es“ beendet, weil es nicht möglich war bisher. Und jeder weitere Versuch entweder an seiner Arroganz scheiterte oder daran, dass ich mich nicht mehr degradieren lassen wollte. Ich bin schließlich keine fünf bis vierzehn Jahre mehr alt. auf dieser Verhandlungsebene ist eine Koexistenz nicht möglich.
Schöner Text, Tim.
zz.
Mhm ... der Teil mit deinem Bruder ist für mich ein wenig fade ... aber der Schluss gefällt mir wirklich sehr.
28.10.2009, 11:42 von PhilantropIch hab auch eine Eisenbahn und eine Dampfmaschine auf dem Dachboden ;) Gespielt habe ich wenig damit. Für mich musste Spielzeug blinken, Geräusche machen und einen Zweck erfüllen ... hätte ich mit der Bahn die Nachbarsjungen mit Süßigkeiten versorgen können (oder sie mich :) so wäre sie sicherlich interessanter gewesen, als bei mir im Zimmer im Kreis zu fahren ....
Ja, mit der Brio-Eisenbahn, die ich meinem Sohn schenkte, habe ich mir auch einen Kindheitstraum erfüllt. Ich kannte die nur aus dem Kindergarten! Mein Sohn ist schon vor langer Zeit auf Märklin umgestiegen.
26.10.2009, 14:58 von B.tinaUnd der 911 ist der einzig geile Porsche.
@[Benutzer gelöscht] Wieso bringen eigentlich ausschließlich Frauen einen Porsche mit Sex in Verbindung...?
02.11.2009, 10:50 von sailorDas habe ich nie verstanden und werde es nie verstehen.