Numark 10.04.2005, 12:49 Uhr 39 0

Unsere Eltern sterben

Die Januar-NEON trug das Titelthema „Hilfe! Unsere Eltern werden alt“. Ja, alt werden sie. Und bald sterben sie. Die ersten sind bereits fort.

Als ich noch 8 Jahre jung war, war mein Papa der größte und stärkste Mann, den es gab. Da hätte Hulk Hogan oder Heman kommen können: Mein Papa hätte sie alle besiegt! Schließlich konnte er, wenn wir im Freibad waren, mich superhoch und ganz weit weg ins Wasser werfen. Was soll dagegen, bitte schön, ein Superheld noch ausrichten können? Wenn jemand ein Superheld war, dann nur mein Papa!

Meine Mama war immer die Weise, der Ruhepol und die Ausgeglichenheit in Person. Was sie auch tat, es schien stets richtig zu sein. Und nichts konnte sie ernsthaft beunruhigen. Kein anderer Mensch hat mich besser gelehrt, dass ich nie aufgeben darf, dass ich immer kämpfen soll, dass ich trotz allem die Ruhe bewahren muss und dass alles zumindest einen Funken Positives hat. „Dieser Funke nämlich ist oftmals imstande, ein wahres Freudenfeuer zu entfachen, mein Sohnemann, du hast vieles ganz allein in der Hand. Vergiss das nicht!“

Mit den Jahren aber musste irgendetwas passiert sein, dachte ich. Im pubertierenden Alter änderte sich entweder das Bild meiner Eltern oder sie änderten sich, ich wusste es nicht. Ich fand sie beide immer noch klasse, keine Frage. Aber es war anders als sieben Jahre zuvor. Allmählich reichte ich von der Größe fast an die meines Vaters und war natürlich zu groß und zu schwer, als dass er mich noch werfen konnte – wenn ich überhaupt noch mit ihm hätte schwimmen gehen wollen, wie uncool!

Und meine Mutter war wegen Lappalien gleich sauer. Was war schon dabei, wenn ich erst um vier Uhr morgens nach Hause komme, selbst wenn mir meine Mutter sagte, ich solle um zwei Uhr spätestens da sein? „Mir passiert doch nichts!“
Zu diesem Zeitpunkt war klar, meine Eltern sind nicht unbesiegbar. Trotzdem waren sie immer sicherer Zufluchtsort, wenn ich Sorgen oder Ängste hatte. Der Deutschlehrer war ungerecht in der Notenverteilung: Mama tröstet mich. Manuel aus der Parallelklasse bewirft jeden in der Pausenhalle mit Bananenschalenstücken: Papa gibt Rat.

Heute bin ich erwachsen. Und das Bild ist wiederum anders als damals. Noch weniger naiv, eben näher an der Realität. Unbesiegbar sind sie schon lange nicht mehr. Sie sind alt geworden. Geradezu zerbrechlich und beschützenswert.

Doch wie hätte zum Beispiel Sergio*, der Partner meiner besten Freundin (das ist sie seit der ersten Schulklasse), seinen Vater beschützen sollen, als dieser letztes Jahr einen Herzinfarkt bekam? Vor allem, weil sein Vater im Heimatland Venezuela war und Sergio hier? Sein Vater war erst Mitte 50. Dagegen habe ich schon viel mehr von meinem gehabt, der wird nämlich immerhin schon 62.

Genau wie Jennys* Vater. Jenny ist, so lange ich denken kann, die Spielkameradin für mich und meinen Bruder gewesen. Ihre Oma lebt noch heute und ist die Nachbarin meiner Eltern – also quasi bei mir zuhause. Noch heute haben wir Kontakt, obwohl sie ganz woanders studiert. Ja, Jennys Papa war nur unwesentlich älter als meiner, vielleicht 63 Jahre. Er starb vergangenen Januar an Krebs. Ich war erschüttert. Es war das erste Mal, dass in meiner unmittelbaren Nähe ein Vater starb. Mein Papa hatte auch schon mal Krebs, konnte jedoch herausoperiert werden. Heute ist er leidenschaftlicher Pfeifenraucher und meine Mutter qualmt eine Zigarette nach der anderen.

Und der Stiefvater von Hendrik*? Okay, er ist „nur“ Stiefvater gewesen und Hendrik hatte nie den super Draht zu ihm. Aber immerhin zeugte sein Stiefvater mit Hendriks Mutter eine Tochter. Sie war Hendriks ein und alles, er verbrachte jede mögliche Minute mit ihr, fuhr mit ihr ans Meer, ins Kino und holte sie nachts von den ersten Jugend-Partys ab. Heute ist sie 14 Jahre. Und vor zwei Wochen fand sie nach der Schule ihren Vater mit der Hundeleine erhängt im Eingangsbereich des Hauses.

Heute weiß ich, Mama, du warst nur besorgt. Nun bin ich es. Ihr seid alt, Ihr seid Raucher, Ihr habt hohe Geldschulden. Das war nicht immer so, trotzdem weiß ich jetzt, dass sich nur mein Bild verändert hat, meine Wahrnehmung. In Wirklichkeit ward Ihr schon immer verletzlich, doch heute seid Ihr geradezu zerbrechlich wie Porzellan. Ihr ward immer stark für mich, heute muss ich es für Euch sein.

Mama, Du hast Recht, ich habe vieles selbst in der Hand, aber ich werde Euren Tod nicht vermeiden können. Und am wenigsten werde ich Euch beide vergessen können. Welchen positiven Funken soll Euer Ableben haben? Sag es mir, Mama, und ich werde damit eine Kerze anzünden, die mich immer an Euch und an das, was Ihr mir auf den Lebensweg mitgegeben habt, erinnert.

(*Die Namen sind abgeändert)

39 Antworten

Kommentare

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    ich bin bald 23 und daher denke ich, alt genug, um zu begreifen, dass meine eltern nicht ewig leben werden, trotzdem geht man nicht davon aus, dass die eltern von einem tag auf den anderen nicht mehr da sein werden. so dachte ich bis zum 4. april, denn an dem tag kam mein vater ins krankenhaus, ein tag später musste er ins künstliche koma versetzt werden und gerade mal fünf tage später war er wirklich nicht mehr da. seit dem stehe ich wie neben mir, weil ich davon ausgegangen bin, dass ich noch viel zeit haben würde, gemeinsamkeiten mit meinem vater zu finden oder ihn besser zu verstehen, denn ich habe ihn zum größten teil "vernachlässigt". ich habe auch seitdem die größte angst, dass meiner mutter was passieren könnte, zumal sie öfters krank wird. das ist auch so etwas, was nicht in mein kopf will, um meine mutter hatte ich mir immer sorgen gemacht, aber um meinen vater fast nie, weil er so stark wirkte und jetzt ist er weg.

    verbringt so viel zeit, mit euren eltern, wie es nur geht und auch wenn sie manchmal schwierig sind, mit uns (ihren kindern) ist es während unserer kindheit, pubertät und jetzt als erwachsene, in ihren augen, nicht leichter auszukommen.

    24.05.2005, 16:18 von mel82
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    Der Text hat mich sehr berührt.

    24.04.2005, 23:16 von Backyardrose
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    Danke, der Artikel war mir direkt aus dem Herz geschrieben. Auch ich sehe, wie meine Eltern immer verletzlicher werden und älter - natürlich.
    Meinen Weg, wie ich mit dem Alter und dem absehbaren Tod meiner Eltern umgehe, habe ich gefunden. Nochmals: Danke.

    21.04.2005, 12:06 von SonYnoS
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    Ein Prof hat mal in einem Seminar gesagt: Es gibt zwei wichtige Erfahrungen im Leben eines Menschen, die erste ist, deine Eltern sterben, die zweite ist, du bekommst ein Kind.
    es gibt bestimmt auch andere, genau so wichtige erfahrungen aber irgendwie stimmt das schon...
    ich kenne vier halbwaisen (geschwister)und sehe, wie sie mit dem tod ihrer mama umgehen oder auch nicht. man kann das nicht nachvollziehen, wenn man die erfahrung nicht selber gemacht hat.

    19.04.2005, 10:12 von Lyse
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    Der letzte Satz in Numarks Text is' mir etwas zu Hollywood-beeinflußt...
    Aber was auch bei mir funktioniert hat: sofort Mom anzurufen.
    =o)

    18.04.2005, 20:51 von DNMK
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    Das ist ziemlich doof. a) Weil Eltern sterben, sie das bei dir wohl aber nicht sonderlich akut tun, b) Weil Rauchen noch nicht gleichbedeutend mit Tod ist und c) das Ganze hier deshalb auch ziemlich abgeschmackt und Effektheischerisch ist. Was sollte ich denn da für einen Artikel schreiben: meine Mom ist wirklihc gestorben als ich 10 war.

    18.04.2005, 17:07 von Klawiklawaklawong
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    Menschen werden aelter und sterben.So ist das leben.Die Kindheit war echt klasse aber das leben wird halt immer haerter.Das wichtige ist das man von seinen Eltern was gelernt haben soll..

    17.04.2005, 03:48 von Limp
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