belladonna 12.11.2004, 23:19 Uhr 10 0

Und manchmal wünsche ich mir, es wäre wie früher.

Nicht so wie vor zwei Jahren, dann lieber wie jetzt. Aber am liebsten, da hätte ich es wie damals, als ich klein war...

Ich habe fast jeden Abend mit Dir zusammen gebadet. Das Wasser war immer verdammt heiß für meine sensible Haut damals. Und auch heute noch, wenn ich bei Dir dusche, muss ich die Temperatur runter drehen um mich nicht zu verbrühen.
Mama meinte damals, ich solle nicht so oft baden, weil das meine Haut austrocknen würde. Dann hat sie mich oft eingecremt und gesagt "merkst Du, wie durstig Deine Haut ist?" und ganz schmatzende Geräusche gemacht.
Ich weiß auch noch, dass Du abends beim Fern sehen fast jedes Mal auf dem Sofa eingeschlafen bist. Dein Kopf ist dann immer nach hinten gekippt, davon bist Du aufgewacht. Oft hatte ich Angst, Du könntest Dir das Genick brechen.
Zum Abendbrot hast Du immer vier, fünf Scheiben Brot gegessen, was erstaunlich für mich war. Ich habe mich gewundert und gefragt, wie man so viel essen kann.
Noch heute halte ich kurz inne ehe ich weiter schalte, wenn auf einem Sender eine Übertragung vom Springreiten kommt. Das erinnert mich an die unzähligen Sonntagnachmittage, an denen wir alle vor dem Fernseher saßen, Kuchen aßen und Reiten anschauten. Der Sonntag war immer besonders schön, weil Du dann bei uns warst und nicht erst abends von der Arbeit kamst.
Ich kann mich sogar noch daran erinnernm wie es war, wenn Du früher mit uns Flugzeug gespielt hast. Du hast uns hochgehoben und den gesamten Flur entlang fliegen lassen. Oder Du hast unsere Nase geklaut. Im Zoo durfte immer einer von uns auf Deinen Schultern reiten. Und beim Spazierengehen haben wir so oft "eins, zwei, hopp!" gemacht, einer von uns zwischen Mama und Dir, Hand-in-Hand.
Wenn ich in der Nacht Angst hatte, weil es so dunkel war, bist Du gekommen und hast mit in meinem Bett geschlafen. Oder wie oft habe ich Dich geweckt, weil Du die Mücken in meinem Zimmer zur Strecke bringen musstest. Und das alles ohne einmal zu schimpfen.

Es ist komisch, denn ich kann mich nur an ein einziges Mal erinnern, dass Du mich umarmt hast. Das war, als Du ausgezogen bist. Zwar nur ein paar Häuser weiter, aber dennoch aus meinem Leben.
Es tut mir so leid, dass es von da an keine Beziehung mehr zwischen uns gab. Ich habe die Besuche alle 2 Wochen genauso gehasst wie meine Geschwister. Ich war enttäuscht und wollte nicht verstehen, warum das Leben so wie es war enden sollte. Da meine Mutter Dir die Schuld gab, war es leicht für mich, das genau so zu sehen. Erst mit der Zeit wurde mir klar, wie ungerecht das von mir war. Ich habe nur auf sie gehört, während Du nie ein schlechtes Wort über sie verloren hast. Und das rechne ich Dir hoch an, dass Du nicht wie sie gelästert hast. Denn die Dinge, die sie sagte waren nicht schön und so etwas hätte sie mir auch nicht sagen sollen.

Vielleicht bist Du jetzt mehr Vater für mich als Du es sonst geworden wärst. Hättest Du Dich nicht bemüht um uns, dann wäre ich sicher nicht dahinter gekommen, wie falsch ich lag. Ich weiß, ich habe Dir viel zu verdanken und was Du schon alles für mich getan hast ist wirklich großartig. Es ist zwar nicht mehr so, wie es als Kind war. Mir ist es undenkbar, Dir zu sagen, dass ich Dich lieb habe, oder das von Dir zu hören. Aber ich weiß, dass es so ist und es ist gar nicht nötig das auszusprechen.

Aber am liebsten, da hätte ich es wie früher. Wie an den Sonntagnachmittagen. Ich wünschte, Ihr würdet Euch noch lieben und ich hätte mich nicht entscheiden müssen. Oder ich hätte mich dafür entschieden, mit Dir zu gehen. Gefragt hat mich eigentlich keiner, was ich wollte. Ich hätte es wohl ohnehin nicht gewusst. Aber ich weiß, was ich jetzt will. Ich möchte Dir danken, dass Du bist wie Du bist. Für die unzähligen Flugstunden und Rettungen vor den Mücken. Für das, was Du getan hast, als ich noch klein war und Du mein Papa warst. Und dafür, was Du mir jetzt für ein Vater bist. Denn ich weiß, egal was passieren würde, auf Dich könnte ich immer zählen. Und das ist ein schönes Gefühl.

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Kommentare

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    ... dieses Gefühl, etwas zu vermissen - da ein ungeahnt großes Loch in der Erinnerung, im Leben zu haben - kenne ich. Bei mir gibt es nicht einmal dieses Früher - dafür aber das Jetzt.

    Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich zwei war. Gut es gibt ein paar Erinnerungen - da gehen meine Schwester und ich mit meinem Vati im Park spazieren - aber das waren mir verhasste Wochenend-Termine. Zunächst einmal habe ich voll und ganz zu meiner Mama gehalten: er hat sie verlassen - allein gelassen mit drei Kindern, die Abmachung gebrochen, dass erst er studieren kann - dann aber sie u.s.w. (Was meine Mutti dann allein trotzdem alles geschafft hat, sogar ihren Dr. - aber das ist ein anderes Thema. Sie ist die tollste Frau, die ich kenne.)
    Zurück zum Thema: irgendwann war meine Neugier einfach zu groß. Als Einzige sehe ich nämlich meinem Vati ähnlich - falle auf jedem Familienbild wie eine Fremde heraus (Größe, Haarfarbe, Augen). Und da war sie die Frage: habe ich auch Talente, Eigenschaften, die nur von ihm stammen? Wer ist er? Und zu guter letzt lernt man ja aus eigenen Beziehungen, dass zu einer Trennung immer zwei Menschen gehören. Also war ich super mutig, bin vor ein paar Jahren zur Weihnachtszeit zu meinem Vati gefahren, habe tatsächlich dort geklingelt, zu einer Fremden irgendwas gestammt wie 'kann ich meinen Vati, ich meine Herrn ... sprechen'! Stunden später bin ich gefahren. Was ich nie vergessen werde: mein Vati hatte Tränen in den Augen. Ein großer, stattlicher Mann - Tränen.

    Eng wird unsere Beziehung nie werden. Aber: wir versuchen mehr über den anderen zu erfahren. Ich glaube, auch er hat unheimlich gelitten damals - und jetzt jedes Mal, wenn er mich sieht. Für die Kinder meiner Schwester aber ist er ganz unkompliziert der Opa. Und das ist gut so. Für alle Seiten. Auch für meine Mama.

    24.11.2005, 07:49 von Maxel
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    also heulen muss ich jetzt nicht...
    aber die späte erkenntnis, warum die erwachsenereren manches tun... die kennt wohl jeder.
    und väter sind verschieden. jeder.

    21.11.2005, 23:07 von owambo
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    Ich bin noch nicht so weit, so zu denken. Aber ich merke, dass meine absolute Loyalität meiner Mutter gegenüber nicht gut war. Auch wenn mein Verhältnis zu meinem Vater nie innig werden wird. Es muss eine andere Ebene geben. Die such ich grade.

    20.11.2005, 16:57 von juhulia
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    Wunderschöner Text!
    Ich kenn es auch,mit dem Unterschied das meine Mutter und nicht mein Vater gegangen ist...

    08.10.2005, 19:10 von Obscht
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    Schicks ihm, er sollte das wissen....
    Gruss Klaehrchen

    07.10.2005, 17:49 von klaehrchen
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    Du hast einen wirklich sehr schönen Text geschrieben. Auch mein Vater hat mich verlassen. Ich erinnere mich an die Zeit zurück, jedoch nicht gern. Ich habe leider keine schöne Zeit mit meinem Vater gehabt, leider habe ich sie auch jetzt noch nicht...
    Alle die einen Vater haben, der sie liebt, wissen es nicht zu schätzen.

    06.06.2005, 21:00 von Revolutiongirl
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    Ich musste bei den letzten Sätzen fast weinen. Ich kann nämlich mit meinem Papa scherzen, lachen, diskutieren. Ich kann ihm von meinen Sorgen erzählen, aber eins kann ich nicht. Ihm sagen, wie sehr ich ihn liebe. Und er kann das auch nicht. Aber vielleicht hast du recht. Vielleicht ist das ja auch gar nicht notwendig.

    06.03.2005, 00:42 von petitefille
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    Bei mir wird's auch gerade ein bisschen wässrig. Kann das leider aus eigener Erfahrung nachvollziehen Schön, dass du deinem Vater jetzt wieder näher bist, klappt ja doch eher seltener.

    06.01.2005, 21:07 von Yann
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    der text treibt mir tränen in die augen... ja, ich kenne das irgendwie auch.. schöner text!

    14.11.2004, 13:02 von lalala2205
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