Und manchmal braucht's nur eine Uhr
Gestern am Bahnsteig...
„Schau doch mal Fabi, da hängen ja zwei Uhren! Bei der einen sind es noch 10 Minuten, bei der Anderen noch 11 Minuten bis der Zug kommt. Mal sehen welche Uhr richtig geht. Schau doch Fabi, wie sich der Zeiger vor bewegt, schau doch mal schau!“
Die Richtigkeit einer Uhr daran festzumachen, wann der Zug kommt, scheint mir eine sehr abstruse Theorie - als wäre die Deutsche Bahn immer pünktlich.
Ich sitze am Bahnhof, auf einer stilvoll verdreckten Bank, hinter mir eine Frau, mit zwei engelsgleichen Kindern, und warte auf den Zug. Vorsichtig dreh ich mich um, in der Hoffnung ein Kinderlächeln zu ergattern und schaue doch nur in das griesgrämige Gesicht der Mutter, die wie eine Glucke über ihre Täubchen wacht. Schnell nehme ich meine alte Position wieder ein und lausche den Dingen, die da kommen mögen.
Immer noch tauschen sich Fabi und seine Schwester über die Bahnhofsuhren aus. Bei einem Blick auf eben diese, stelle ich fest, dass der Ein-Minuten-Unterschied durch die unterschiedliche Perspektive hervorgerufen wird, aber das müssen die Kinder ja nicht wissen. Sie haben es sich ja schließlich zur Aufgabe gemacht, die Verlässlichkeit der Bahn zu testen. Ich kann meinen Blick dennoch nicht von den beiden Uhren wenden. Total aufgeregt warte ich, wie der Minutenzeiger der Uhr vorspringt. Eine Minute kann soooo lang sein - besonders wenn die Uhr keinen Sekundenzeiger hat. Man denkt, es müsse doch nun endlich mal soweit sein und dann…
„Schau Fabi, schau! Schnell Fabi! Jetzt! Fabi hast du es gesehen?“
Natürlich hat Fabi es nicht gesehen. Er scheint sich schon im Vorschulalter entschlossen zu haben, dass er nicht zu den geduldigen Menschen gehören will, die stundenlang auf eine Uhr schauen, nur um zu sehen, wie sich ein Zeiger vor bewegt. Natürlich akzeptieren wir deine Entscheidung Fabi, aber schau doch mal wie spannend das ist! Schon wieder starrt die kleine Cinderella-Schwester von der Nachbarbank auf die große Uhr, und beginnt zu quicken: „Fabi, du musst schauen! Mama, schau! Ihr müsst den großen Zeiger anschauen!“
Ich bin ganz ihrer Meinung. Die glockenhelle Stimme hat mich so in ihren Bann gezogen, dass ich der vollen Überzeugung bin, es gäbe nichts Wichtigeres auf der Welt, als zu sehen, wie sich der große Zeiger auf die zwölf zu bewegt:
Alle sollen es sehen! Die Welt steht still und wartet auf den großen Zeiger und sein Vorankommen. Noch 10 Sekunden….9…8…7…6…5…4…3…2…1…*klack*. Er ist im Ziel. Der große Zeiger ist im Ziel. Alle haben es gewusst, alle haben auf ihn gewettet und er hat uns nicht enttäuscht! Hoch lebe der große Zeiger!
Doch Fabi interessiert es nicht. Sein Desinteresse ärgert mich und macht das kleine Mädchen unglücklich. Und wie glücklich wäre sie, wenn sie spüren könnte, dass jemand von diesem Uhrenspektakel genauso hingerissen ist, wie sie. Aber leider ist dies nicht der Fall, und so weiß nur ich, dass es auf der Welt einen kleinen Menschen gibt, der in diesem Moment mit mir die Leidenschaft des Zeiger-Vorrückens an Bahnsteigen teilt. Für ein paar Minuten bin ich verzaubert in eine Welt, in der der große Zeiger die Hauptrolle spielt. Allein - denn Cinderella ist schon wieder in der Realität angekommen….
„Schau doch, Fabi schau! Da kommt der Zug. Er wird immer größer! So schau doch, schau mal!“







Kommentare
Wirklich total niedlich! Sehr sympathisch! .
09.01.2010, 23:31 von SusaBa