lalina 05.07.2013, 11:38 Uhr 23 46

Und draußen hören wir die Vögel zwitschern.

Wir reden nicht und unser Schweigen lässt Platz für eigene Gedanken.

Ich klingel und warte gefühlte Stunden, bis das Kratzen des Türöffners ertönt. Zwischen Klingeln und Warten spielen sich Dramen in meinem Kopf ab. Das ist erst seit Kurzem so. Seitdem habe ich einen Schlüssel zu seiner Wohnung - nur für alle Fälle.

Unrasiert steht er in der Tür. Aus der winzigen Zweiraumwohnung empfängt mich ein Mief, der selbst Geruchslose nicht kalt lassen würde. Ich gebe ihm einen Kuss auf seine faltige Haut, lege meine Hand dabei auf seine Schulter. Ich kann seine Knochen durch den Stoff seines dreckigen Hemdes spüren. Er lächelt müde und sagt: Schön, dass du da bist.

Ich stelle die volle Tüte mit Lebensmitteln auf die schäbige Küchenzeile, die Makler immer als Pantryküche anpreisen. Ein Blick in den Kühlschrank und auf den Tisch verraten mir, was Sache ist. Bis auf ein halbes Stück Butter, das unordentlich in der fettigen Folie steckt, und ein letzte Scheibe Fleischwurst in der billigen Plastikverpackung ist im Kühlschrank nichts los. Der Tisch hingegen schmückt sich mit den Folgen einer zwanzig Mann starken Party - könnte man meinen. Im Flur stehend folgt er meinem Blick und schaut schuldbewusst zu Boden, als er die Hilflosigkeit in meinen Augen sieht. Ich folge seinem Blick und bleibe wie er an den Brandlöchern hängen, die sich auf dem ungepflegtem Teppichboden breitgemacht haben und er nun mit seinen nackten Füßen zu verdecken versucht.

Ich räume das frische Gemüse, den Aufschnitt, das Brot und die Konserven an die dafür vorgesehenen Plätze und fange an, das wenige Geschirr und Besteck in der Spüle abzuwaschen. Er fragt, ob er helfen kann und ich verneine es. Hinter mir höre ich, wie er den Stuhl zurecht rückt und das Klicken eines Feuerzeugs. Sekunden später kann ich sehen, wie der Qualm aufsteigt und eine feine, nebelige Wand zwischen uns schafft. Ich gehe zum Fenster, öffne es und schaue ihn vorwurfsvoll an: Ich brauche frische Luft.

Er fragt nach Mama, aber ich möchte ihm nicht erzählen müssen, dass es ihr gut geht, seitdem er gegangen ist. Dass sie jemanden kennengelernt hat und sie gerade gemeinsam im Urlaub sind. Ich schaue ihn lange an, schweige dabei und er nickt wissend. Ich räume weiter auf und muss die Tränen dabei unterdrücken. Schließlich setze ich mich zu ihm und lege meine Hand auf seine. Eine Zigarette nach der nächsten steckt er sich an, blickt seltsam nervös zwischen mir, dem geöffneten Fenster und seiner nun wieder sauberen Küche umher.

Wir reden nicht und unser Schweigen lässt Platz für eigene Gedanken. Ich frage mich, wann wir unsere Rollen getauscht haben, ab welchem Zeitpunkt ich Verantwortung für meinen Vater übernommen habe. Ob es damals war, als ich seinen Chef morgens anrufen musste, weil er es nicht zur Arbeit schaffte oder aber erst als meine Mutter ihn verlassen hatte. Aber eigentlich spielt es auch keine Rolle, denn als ich klein war, war er immer für mich da - ein sehr fürsorglicher Vater, halt nur kein guter Ehemann. Und als wir Kinder ausgezogen waren und das Arbeiten wegfiel, wurde der Alkohol zum Ersatz, denn der fragte nicht und war einfach nur da.

Ich kann sehen, wie es auch in ihm arbeitet, dass er immer wieder ansetzt, seine Lippen und Zunge sich zu Wörtern formen, aber stocken, als er den nächsten Zug von seiner Zigarette nimmt. Ich streichel ihm über seinen Arm und sehe wie sich Tränenflüssigkeit in seinen Augenwinkel sammelt, jedoch nicht den Absprung zu einer feinen Bahn schafft, die über seine Wange rinnen könnte.

Ich möchte ihn richtig fest umarmen, bleibe aber sitzen. Das geöffnete Fenster scheint für uns beide ein Ausweg zu sein, denn wir beide starren nun in den Himmel, der davor so sonnig und blau scheint.

Und draußen hören wir die Vögel zwitschern.

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23 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Hab Gänsehaut.

    Sehr schön geschrieben!

    17.07.2013, 20:25 von lemonSurfer
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  • 2

    omg!


    "Ich weiß nicht wann ich angefangen habe Verantwortung für meinen Vater zu übernehmen"


    (kenn ich)


     


    Bitte vergiß Dein eigenes Leben nicht! Alles Gute.

    08.07.2013, 15:27 von Osmanin
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  • 1

    so Geschichten schreibt nur das Leben selbst oder?

    08.07.2013, 10:30 von timlink
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  • 1

    kenn ich nur zu gut. solange, bis eines nachts der anruf kam, wo man mir mitteilte das er gestorben sei. plötzlich und unerwartet aber dennoch nicht überraschend.....

    08.07.2013, 08:01 von SADandBEAUTIFUL
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  • 2

    Sehr viel Liebe zwischen den Zeilen.

    07.07.2013, 17:53 von Sommerregen03
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  • 1

    Ich bin mir unsicher, ob ich es gut finden soll oder nicht. Irgend etwas fehlt mir in dem Text, der ihn bewusster und feinfühliger macht. Er wirkt momentan noch so, als wäre er schnell geschrieben worden, ohne auf die wesentlichen Datails acht zu geben.

    06.07.2013, 15:15 von marco_frohberger
    • 1

      auf mich wirkt er kühl, fast steril. Trotz der vielen emotionalen Augeblicke.

      07.07.2013, 22:55 von Tanea
    • 2

      Ja, aber diese Kühle schreibe ich eher dem Umstand zu, dass sie nichts davon hält dass er Typ sich gehen lässt, die Mutter gehen ließ und dass so manches in der Ehe der Eltern schief lief. Trotzdem ist sie für ihn da, und das finde ich beeindruckend. Sie liebt ihn trotzdem, will jetzt, wo er Hilfe braucht, für ihn da sein, wie er auch für sie sorgte, als sie noch zu Hause wohnte, und ich lese aus den Zeilen gegenseitigen Respekt und Liebe. Da hat der Text mein Herz angesprochen und verdient. 

      08.07.2013, 09:22 von Cyro
    • 3

      Ich versuche Umstände, die mich schwer mitnehmen, von mir abzuspalten, um sie besser ertragen zu können. Deshalb könnte man dem Text auch eine gewisse Kühle unterstellen, die jedoch sehr bewusst gewählt ist.

      08.07.2013, 10:14 von lalina
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  • 0

    Wenn wir die Vögel draußen hören können, ist der Verkehr arg leise geworden . :p

    06.07.2013, 00:37 von Weirdspeech
    • 1

      Nicht unbedingt ... die  Tierwelt passt sich an dem Menschen an. Die sind einfach  nur lauter geworden :)  Sonst könnten sie ja nicht mehr miteinander  kommunizieren bei dem Verkehrslärm.

      06.07.2013, 07:20 von Cyro
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  • 1

    Liebe find ich gut.

    05.07.2013, 23:32 von kirschgruen
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  • 1

    So schön traurig...

    05.07.2013, 20:49 von paint.pastel.princess
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  • 4

    Aber eigentlich spielt es auch keine
    Rolle, den als ich klein war, war er immer für mich da - ein sehr
    fürsorglicher Vater, halt nur kein guter Ehemann.

    --> denn statt den


    Schließlich setze ich mich zum ihm und lege meine Hand auf
    seine.
    --> zu statt zum

    Unrasiert steht er in der
    Tür. Aus der winzigen Zweiraumwohnung entfängt mich ein Mief, der selbst
    Geruchslose nicht kalt lassen würde.

    -->empfängt statt entfängt

    Und draußen hören wir die Vögel zwitschern.

    --> Kein Punkt nach einer Überschrift!

    05.07.2013, 20:24 von Jimmy_D.
    • 2

      Danke.

      05.07.2013, 20:40 von lalina
    • 1

      auf ein halbes Stück Butter, das
      unordentlich in der fettigen Folien

      --->Folie

      Folgen einer zwanig Mann

      ---->zwanzig Mann



      05.07.2013, 20:48 von yuhi
    • 5

      Wie aufmerksam auch von dir, yuhi.

      05.07.2013, 21:10 von lalina
    • 1

      ich schätze, ich muss das ironisch verstehen lalina

      05.07.2013, 21:11 von yuhi
    • 0

      Nö. 

      05.07.2013, 21:15 von lalina
    • 0

      Nein. Ich denke, dass Lalina das Danke ehrlich gemeint hat.

      @lalina: Gern. So kleine Fehlerchen versauen das Gesamtbild. Deswegen schreibe ich so etwas gerne einfach geschwind drunter. Ohne Wertung.

      05.07.2013, 23:20 von Jimmy_D.
    • 1

      bei d i r ja...

      05.07.2013, 23:22 von yuhi
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Seite: 1 2
  • Haben wir sie noch alle?

    Burn-Out, Internetsucht, Depression - immer mehr Deutsche lassen sich therapieren. Braucht es all diese Therapien wirklich?

  • Apokalypse Wow!

    Die Mode ist die Message: Die pro-russischen Kämpfer in der Ukraine sehen mit Macheten, Masken usw. aus wie Figuren aus den »Mad Max«-Filmen.

  • Der Witz geht nicht mehr weg!

    Jeder kennt den Moment, in dem der Send-Balken hochgeht und man noch denkt: Stop! Was würdet Ihr gern aus dem Netz löschen?

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