Maibowle 06.05.2008, 12:35 Uhr 3 3

Umzug der Kuscheltiere

oder: Wie ich an einem langen Wochenende ein ganzes Stück erwachsener werden musste

Wie hab ich mich Anfang des Jahres gefreut, als mein Chef mir von sich aus einen der hart umämpften Brückentage anbot. Dass dann G., die Mutter meines Freundes, nach einem Oberschenkelhalsbruch und einigen anderen Katastrophen so bald wie möglich in eine Anlage für betreutes Wohnen umziehen musste, gab dem ersehnten verlängerten Wochenende eine etwas andere Struktur als erwartet...


1. Tag

Strahlender Sonnenschein. Wie schön hätten wir heute radfahren gehen können. Aber es hilft nichts. G. empfängt uns einigermaßen gut gelaunt, immerhin. Erstmals darf ich ihre Wohnung betreten. R. betont, dass er hier in letzter Zeit ein wenig aufgeräumt hat. Ich möchte nicht wissen, wie es dann wohl vorher aussah. Aber das Schlimmste ist der Mief nach Hund, der einem schon in der Tür entgegenschlägt. Darüber hinaus ist es dunkel - in der ganzen Wohnung sind die Rollos unten, "damit die Nachbarn nicht reinschauen können". Im Lampenlicht blinzeln uns ihre Mitbewohner an: Schnauzermischling Happy ebenso wie eine ganze Armee von weiteren Gesellen: Tiere aus Plüsch, Filz und Wolle, groß, klein, winzig, Figürchen aus Porzellan, Keramik und Steingut, aus bemaltem Holz, poliertem Metall und mit Draht umwickeltem Heu, sie sind überall, belagern jede freie Fläche, Sofa, Sessel, Fensterbretter, Kommode, Vitrine, Anrichte. Wer in dieser Wohnung lebt, muss sein Essen im Stehen einnehmen.

Als die ersten 10 Umzugskartons gefüllt sind, ist der Wohnzimmerschrank nicht mal zur Hälfte leer. 30 Kartons wollte die Umzugsfirma ursprünglich liefern, lieber 40, hat R. gesagt, aber schnell wird klar, dass wir damit nicht hinkommen werden. Er beginnt zu telefonieren und treibt tatsächlich Freunde auf, die am Feiertag zu Hause sind und ihm weitere 25 Kartons zur Verfügung stellen können. Während er diese abholt, packe ich weiter. Die Küche geht am schnellsten, hier scheint G. sich selten aufzuhalten. Ihre paar Töpfe und Pfannen sind rasch verstaut, dafür füllen sich zwei Kartons allein mit Tassen. Aussortieren dürfen wir eigentlich nichts. In einem extra Karton verschwinden dann doch einige Dinge, bevorzugt Plastiktüten, die sie leidenschaftlich sammelt. Während sie darin herumwühlt und das meiste wieder auspackt ("Das könnt ihr doch nicht einfach wegschmeißen!"), ist sie wenigstens beschäftigt.

Das Schlafzimmer ist ein Schlachtfeld und riecht auch so. Offensichtlich hat sie über Monate hinweg hier ihre Schmutzwäsche gesammelt und sich, wenn nichts mehr anzuziehen da war, einfach was Neues gekauft. Allerdings finde ich weder auf den Textilienbergen noch im Schrank auch nur eine einzige saubere Unterhose. Da keine Zeit mehr zum Waschen bleibt, wird alles so gut es geht verstaut. Sie kommt hinzu, als ich eine Kiste mit "Röcke" beschrifte und teilt mir mit, dass sie eigentlich Röcke überhaupt nicht mag und nur Hosen trägt. Ich schlage ihr vor, die Röcke beim Auspacken zu entsorgen und bin überrascht, dass sie mir zustimmt.

Um zwei Uhr nachts schließen wir den letzten Karton und verlassen die Wohnung.

2. Tag

Nach vier Stunden Schlaf sind wir wieder da. Unser bemüht freundliches "Guten Morgen!" wird mit einem grantigen Brummeln erwidert. Sie ist noch nicht angezogen, und in einer halben Stunde kommen die Umzugsleute. Während sie sich fertig macht, packen wir ihr Bettzeug und die letzten Kleinigkeiten ein. Im Bad finde ich noch mehrere Gefäße mit undefinierbaren Dingen, die in schmutzigem Wasser schwimmen. Ich schütte das Wasser so gut es geht ab und werfe die Gefäße in einen Müllbeutel. Nein, ich will lieber nicht wissen, was das mal war.

Die Umzugsleute sind da und fangen an, Kartons rauszutragen. 65 Stück? Ungläubiges Staunen, wie soviel Zeug in eine Zweizimmerwohnung passen kann. Aber es hilft nichts. Zum Glück müssen wir nicht selbst schleppen. R. koordiniert, während es mir zufällt, dafür zu sorgen, dass G. auf dem Sofa sitzen bleibt und den Möbelpackern nicht im Weg herumläuft.

Dann fällt ihr ein, dass sie heute den Hund noch nicht "saubergemacht" hat. Sie holt einen feuchten Lappen und fängt an, das Tier von oben bis unten abzurubbeln. Keine Stelle wird ausgelassen. Wirklich keine. Derselbe Lappen wird anschließend benutzt, um einen imaginären Fleck vom Sofa abzuwischen. Weil der brave Happy so geduldig seine Reinigungszeremonie über sich hat ergehen lassen, nimmt G. ihn anschließend wie ein Baby auf den Arm und er wird geknuddelt. Dabei stellt sie fest, dass er ja immer noch Flöhe hat. Auf meine Frage, ob sie ihm nicht ein Flohhalsband anlegen will, entgegnet sie, das würde nichts bringen, denn die Flöhe säßen ja nicht am Hals, sondern zwischen den Hinterbeinen. Ihre Methode ist, die Flöhe einzeln zu suchen und zwischen den Fingern zu zerquetschen. Das führt sie mir gleich mal vor und reibt sich anschließend müde die Augen. Ich habe das dringende Bedürfnis, mich am ganzen Körper zu kratzen.

Nach viereinhalb Stunden ist die Wohnung leer und wir brechen zur Anlage für betreutes Wohnen auf. Dort fällt G. ein, dass sie gerne Kaffee trinken würde. R. schickt ein stilles Dankgebet gen Himmel und mich mit ihr los, mit dem Hinweis, dass wir uns ruhig Zeit lassen können. Wir gehen lange spazieren und hinterher ins Café. Ein paar Stunden später ruft R. an und fragt, ob wir verloren gegangen sind. Alle Möbel stehen in der neuen Wohnung, die Umzugsleute sind weg. Er holt uns ab. Um zur Wohnungstür zu gelangen, müssen wir an einer vier Meter langen und zwei Meter hohen Wand aus Umzugskisten vorbei. Es ist mittlerweile Abend geworden, mit dem Auspacken brauchen wir heute nicht mehr anzufangen. Wir zeigen G., wo ihre notwendigsten Utensilien für die Nacht untergebracht sind und verabschieden uns für heute.

3. Tag

Wir kommen zu spät, da wir erst noch Lebensmittel eingekauft und G.s Telefonanschluss umgemeldet haben. G. hat schlecht geschlafen und ist ungehalten über unsere Verspätung. Sie hat noch nicht gefrühstückt und war auch nicht mit dem Hund draußen. R. geht Gassi, ich mache Frühstück. Während sie isst, erzählt sie mir von der Hundefriseuse, zu der sie mit Happy fahren will. Ich sitze wie auf Kohlen. 65 Kartons wollen ausgepackt werden, und die Zeit ist knapp.

Da klar ist, dass wir an einem Tag niemals alles schaffen, versuchen wir, so gut es geht nach Dringlichkeit zu sortieren. Bad, Küche, Garderobe, Vorräte, Hundefutter. Zwischendurch werfe ich die Waschmaschine an. G. folgt mir ins Bad und sagt, ich solle nicht so heiß waschen. Ich sage dazu nichts und stelle auf 65 Grad.

Als mir die Kiste mit den Röcken in die Hände fällt, rufe ich G. und bitte sie, den Inhalt mit mir gemeinsam durchzugehen und zu schauen, ob sie vielleicht einen oder zwei der Röcke behalten und den Rest aussortieren will. (R. meint, es müsse ca. 10 Jahre her sein, seit sie zuletzt einen Rock getragen hat). Der Vorschlag gefällt ihr nicht. Die Röcke seien noch so gut wie neu, sagt sie, die könne man doch nicht wegwerfen. Ich schlage vor, dass wir sie zur Altkleidersammlung geben. Sie sagt, das bringe nichts, die armen Leute, für die gesammelt wird, würden die Sachen sowieso nie erhalten. R. fragt, ob es denn mehr bringen würde, wenn die Röcke bei ihr im Schrank hängen und nie getragen werden. Sie schließt sich beleidigt im Bad ein. Ich hänge die Röcke in den Schrank. R. trägt währenddessen mehrere Kisten zum Müll.

Am Abend sind noch ca. 30 Kartons übrig, gefüllt hauptsächlich mit Kuscheltieren und Nippes. Wohnzimmer- und Schlafzimmerschrank sind voll, ebenso Kommode, Garderobenschrank und Küche.

4. Tag

Heute werden wir überhaupt nicht begrüßt. G ist im Bad und weigert sich, herauszukommen. Von drinnen beschwert sie sich darüber, dass sie nichts mehr wiederfindet. Wir versuchen ihr zu erklären, dass das nun mal so ist, wenn man umzieht, mit der Zeit aber wieder besser wird, und bitten um Geduld. Sie will im Bad bleiben. Wir bereiten ihr ein Frühstück, gehen mit dem Hund raus und lassen sie erst mal schmollen. Wenn sie erst gegessen hat, geht es meistens wieder etwas besser. Wir nutzen die Gunst der Stunde und legen Happy das Flohhalsband an, das wir gestern gekauft haben.

Als G. das Bad verlässt, muss ich mir anhören, ich hätte ihre ganze Wäsche zu heiß gewaschen und damit komplett verdorben. Ich kann nicht feststellen, was mit der Wäsche nicht stimmen soll. Alles hat noch seine ursprüngliche Größe und Farbe, und das meiste ist sogar sauber geworden, womit ich nicht unbedingt gerechnet hatte. R. sagt, ich solle mir ihr Gemecker nicht zu Herzen nehmen, und lässt den letzten Karton mit Schmutzwäsche heimlich verschwinden. Der Schrank ist ja sowieso voll.

Am Nachmittag gehen wir in der Seniorenwohnanlage Kaffee trinken. G. plaudert gut gelaunt mit den anderen Leuten am Tisch, und ich frage mich, ob das dieselbe Person ist, die uns am Morgen angekeift hat. R. versucht, das Gespräch auf die letzten übrig gebliebenen Kartons zu lenken und schlägt einen Kompromiss vor: Sie soll nur die Kuscheltiere behalten, die einen Namen haben. Damit kann sie leben, denn jedes Tier hat einen Namen, und sie kennt sie alle. Blöder Trick.

Wir gehen noch mal mit ihr durch die Anlage, zeigen ihr, wo die Verwaltung und der Speisesaal, die Bücherei und der Andachtsraum sind. Sie findet alles toll und freut sich schon darauf, am nächsten Tag zum ersten mal hier zu Mittag zu essen und sich ein paar Bücher auszuleihen. Sie ist bereits bestens informiert, wann der nächste Bastelnachmittag und der Flohmarkt stattfinden. Vielleicht kann sie sich da ja ein paar neue Kuscheltiere kaufen.



Am Abend lassen wir zu zweit im Biergarten das vergangene Wochenende nochmals Revue passieren. Wir erzählen uns Anekdoten: Wie ich in der Aufzugtür versehentlich beinahe den Hund geköpft hätte. Wie sie beim Kaffee mit den anderen Alten Sprüche geklopft hat: "Schwierig? Ein Stachelschwein aufs Arschloch zu küssen, das ist schwierig!" Wie wir abwechselnd viel öfter als notwendig mit dem Hund Gassi gegangen sind, um wenigstens für einen Moment den Kopf frei zu kriegen und nicht die Beherrschung zu verlieren.

Wir lachen, weil's zum Weinen noch nicht ganz reicht.

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3 Antworten

Kommentare

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    G. hat Glück, dass sie euch hat.
    Ich hab sowas schon mal bei Fremden gemacht, die niemanden hatten, der Ihnen bei ihrem Umzug hilft.
    So etwas gibt es viel öfter als man vermutet.

    28.02.2009, 13:53 von Tanea
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    ...ich feixe.

    07.05.2008, 19:55 von Kiyan
    • 0

      @Kiyan Klar. Du warst ja auch nicht dabei!

      07.05.2008, 21:50 von Maibowle
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    Tolle Geschichte.
    Respekt für dene Geduld mit einer anstrengenden G.
    grüsse

    06.05.2008, 13:23 von ben85
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