AnnaMama93 27.04.2013, 18:02 Uhr 1 2

Über den Egoismus ein Kind zu bekommen

Sie sitzt vor dem Fernseher und streichelt vorsichtig über ihren Bauch. Es soll nur noch acht Wochen dauern, bis zur Geburt.

Noch hat sie keine Angst. Sie freut sich sehr auf das Baby und kann es kaum noch erwarten, den kleinen Knirps in den Armen zu halten. Im TV läuft ein Familienfilm, der die vermeintliche Idylle einer Vorstadt zeigt, in der es offenbar nur lächelnde Menschen gibt. Genau das wünscht sie sich. Liebe, Treue, gute Laune und immer tolles Wetter. So soll es sein, wenn das Kind auf die Welt kommt. Wie auch sonst, in unserer perfekten Welt. Der Film hat ein Happy End. Das tut ihr gut. Sie ist sehr sensibel in den letzten Wochen. Die Emotionen sind unkontrollierbar. Das ist normal hat der Arzt gesagt und trotzdem ist es ihr unangenehm, wenn sie jeden Abend vor dem Fernseher weinen muss. Aber es bekommt keiner mit, denn sie ist alleine. Alleine vor dem Fernseher, einsam in der Wohnung, ohne Unterstützung. Als der Abspann läuft wandert ihr Blick auf das Foto neben dem Fernseher. Es zeigt sie selbst in den Armen eines Mannes. Er sieht gut aus, findet sie und wenn sie ganz lange hinsieht und dann die Augen schließt, kann sie den Duft seines Parfums erahnen. Die Beerdigung war vor vier Monaten. Er durfte nicht einmal mehr wissen, dass er einen Sohn bekommt. Er wollte immer einen Jungen. Später noch ein Mädchen, aber zuerst einen kleinen Fußballbegeisterten Wirbelwind, der sich voller Freude in die Arme seines Vaters warf, wenn dieser von einem Auslandseinsatz zurückkam. Er war Journalist und berichtete über das Grauen in der Welt. Flog immer wieder in Kriegsgebiete um das Geschehen vor Ort zu dokumentieren. Auf seiner letzten Reise hat er es nicht mehr geschafft. Sie wussten, dass es nicht einfach werden würde, wenn er immer weg ist. Doch ihr ging es in den Monaten vor der Schwangerschaft nicht gut. Sie fühlte sich oft alleine und wünschte sich so sehr, dass er wieder mehr Zuhause ist. War es die Leere, die sie versuchte zu füllen indem sie sich für ein Kind entschied? Ihr eigener Egoismus, der ihr sagte: „Du bist nicht so allein, wenn du eine Verantwortung hast, ein Kind, um das du dich kümmern musst. Du bekommst einen Lebenssinn, der nicht nur bedeutet zu warten, bis er wieder Zuhause ist.“ Ein Kind als Lösung der eigenen Probleme? Es geht sicher vielen so, auch wenn keiner in der Lage ist es zuzugeben. Die Welt ist kompliziert geworden, es wird immer schwieriger ein Kind großzuziehen. Das wird sie lernen müssen. Vor allem, wenn sie jetzt alleine ist. Alleine mit einem Baby, dass die vermeintliche Lösung für das Problem der Einsamkeit darstellt.    

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Kommentare

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    Ist er Kriegsberichterstatter?

    29.04.2013, 00:57 von SteveStitches
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