hey_hey_wickie 16.06.2007, 22:24 Uhr 4 2

Typologie eines Gebäudes in Niedersachsen

Es gab zwei Eingänge, einen vorne zur Straße hin und einen zur Deele. Den auf die Deele mochte ich lieber.

Man musste nicht schellen, sondern konnte sich einfach an dem Holzportal zu schaffen machen und dann in die Dunkelheit eintreten. Rechts standen die beiden Schweine, man roch es. Am Ende dann die Tür, die in den kleinen Flur führte. Hier war ein kleines Paradies, denn es stapelten sich Kästen voller Cola, so hoch, dass ich kaum drüber schauen konnte. Rechts die Küche, ein Durchgangsraum, kurzer Blick in die Töpfe, ah, Braten. Ein Blick durch das Fenster in die Weite, bis zur nächsten fernen Baumreihe, die zwei Felder voneinander trennte. Links dann das kleine Wohnzimmer. Staub lag in der Luft und legte sich auf die Zeit, lähmte sie. Dicke Menschen arrangierten sich zwischen viel zu vielen Möbeln. Vielleicht liefen die Kinder aus Bullerbü im Fernsehen, das war ein kleines Glück in diesem schweren Raum. Sonst blieb nur die Fernsehzeitschrift und dieses Rätsel. Ölgemälde, in denen Fehler versteckt waren, die man hoffentlich nicht zu schnell fand. Rote Gesichter lachten sich verlegen an und schwiegen. Im Wohnzimmer gab es noch eine zweite Tür, sie führte nach Sibirien. Sibirien war hellblau gekachelt, schmutzig, von Jahren gezeichnet, kalt und klamm, so fürchterlich klamm. Ich war jedes Mal erleichtert, wenn mich das Klosett nicht verschluckt hatte, dass ich nie in diese Badewanne würde steigen müssen und dass das kleine Waschbecken nicht unter der Last des fließenden Wassers zusammengebrochen war. Dann musste nur noch die weiße, holzgetäfelte Tür mit der wackligen Klinke wieder aufgehen und ich konnte zurück in die zähe Wärme eines Wintersonntags.

Wählte man den anderen Eingang, musste man warten, bis einem geöffnet wurde. Dann stand man im Verkaufsraum mit der dunklen Ladentheke. Dahinter lag eine Treppe, die in ein schwarzes Loch in der Decke gesogen wurde. Neben ihr hing ein unsichtbares Schild; auf dem stand „Betreten streng verboten.“ Niemals habe ich mich auch nur auf die unterste Stufe gewagt. Rechts kam ein schmaler Lichtstreif aus der Küche in den Flur, ein Stück weiter ging es in die gute Stube. Hier konnte man im 19. Jahrhundert dinieren. Landschaften waren in schweren Rahmen neben schweren Gardinen um einen Tisch gruppiert, der mir viel zu groß war. Auf dem Tisch stand weißes Porzellan mit aufgetupften Blumen in blau. Am Anfang gab es immer eine Suppe, die ich nicht mochte. Der Eierstich darin versprach, dass ich irgendwann den Boden meines Tellers erreichen würde. Danach kam endlich der Braten herein, vom dritten Schwein, das früher mal im Raum nebenan gewohnt hatte. Kartoffeln und dickflüssige Soße, genau richtig, dazu ließ ich mir diplomatisches Gemüse aufschwatzen.

Manchmal gab es da auch noch diesen Raum auf der anderen Seite der Ladentheke. Irgendjemand schob mich hier rein, karge Stühle, Männer, die auf Platt derbe Scherze machten, Herrengedecke. Wenn ich wieder raus kam, verwirrt, war ich um ein paar Münzen reicher. Irgendwann wurde es dunkel und Zeit aufzubrechen. Vor der Tür sagten mir die achtziger Jahre ein leises „Willkommen zurück.“

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Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    sensationell
    es trifft's einfach genau
    wie bei oma...

    17.11.2007, 11:30 von nick_valensi
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    hui... man wird richtig reingezogen!
    schön geschrieben!

    15.08.2007, 19:24 von hanako
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    Solche gebäude habe ich noch nie entdeckt. Aber wie du es beschreibst würde ich es gerne kennen lernen...

    Irgendwie wirkt es etwas wie aus einer vergangenen zeit.

    16.06.2007, 23:29 von kate_net
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