Tschüß Dieter!
Der weiße Rauschebart juckt mir in der Nase und die ersten Schweißtropfen rollen mir die Schläfen hinunter.
"Opa Dieter feiert dieses Jahr Weihnachten mit den Engeln. Er schaut uns zu, freut sich ganz sicher mit uns und hat dafür gesorgt, dass ich mir beim Geschenke verteilen keinen Bruch heben musste," sagt der Weihnachtsmann.
Ein bitteres Gefühl zwickt mich in der Brust. Es sitzt unsicher in einer kleinen Nussschale eingezwängt und schaukelt mit extremer Schlagseite irgendwo auf meinem Meer der Emotionen. Während das Weihnachtsfest noch wie ein teuer ausgeschmücktes Kreuzfahrtschiff daran vorbei zieht, kündigt sich schon unter den schwarzen Wogen in Form der ungreifbaren Datumslinie ganz still die Jahreswende an.
Der Weihnachtsmann umarmt die ganze Familie und stößt mit einem Glas Sekt auf das Ereignis und die Familie an. Nina und Jago sind vor Ehrfurcht erstarrt und doch diebisch beglückt, liegen doch unter der wunderschön geschmückten Tanne so viele Geschenke.
Beinahe ausnahmslos für die Kleinen. Unsere Entscheidung für dieses Jahr.
Es ist irgendwie wie jedes Jahr zu Heiligabend. Dieter ist nicht da. Dieter war seit vielen Jahren zu Heiligabend nicht im Kreis dieser Familie.
Er war ein Großvater, ein Vater und ein Ex-Mann. Dieter war geschieden. Der Kontakt auf ein Minimum eingeschränkt. Gründe nicht relevant. Wenn zwei Menschen nicht mehr zusammen leben können müssen sie sich trennen. Daß seine Töchter auch keinen regen Kontakt mit ihm hatten, ist kompliziert aber verständlich.
Dann schaltete sich das Wunder der Geburt ein. Die Familie wuchs. Erst Enkeltochter, dann Enkelsohn und schliesslich noch einer.
Dieter war gerührt. Kehrte immer öfter in die Familie zurück. Die Enkelkinder schlossen auch diesen Opa in ihr Herz. Aber einen Einblick in sein Leben erhielten wir nicht. Er kam zu uns. Zu ihm gehen war unmöglich.
Der Weihnachtsmann verspricht sich bei seiner Rede im Bayerischen Dialekt. Er verwechselt die Namen der Großväter. Mir ist es peinlich. Der eine ist tot. Der andere hat vor Jahren seinen Platz eingenommen. Es ist alles in Ordnung. Es gibt keine Schuld, keine Rechenschaften, keine Berührungsängste. Thomas ist und war der Ehemann, Vater und Großvater. Dennoch klumpt sich ein Unbehagen tief in der Magengrube zusammen, als ich die Namen vertausche.
Als die Diagnose kam, wurde Juri geboren. Im selben Krankenhaus. Dieter war der erste, der ihn sehen konnte. Juri ist wohlauf und Dieter muss zur Chemotherapie. Bronchialkarzinom. Lungenkrebs. Entdeckt nach einer Ohmacht. Geschwulst im Hirn. Er spricht enorm gut auf die Therapie an. Kann entlassen werden und fängt wieder an zu arbeiten.
Als der Weihnachtsmann in sein großes Buch schauen und zu pädagogischen Hilfestellungen überleiten möchte, huscht mir der Ausdruck „höchste Mortalitätsrate“ durch den Kopf. Ich muss eine Pause machen, weil ich nicht im selben Moment den Namen von Dieters Enkeltochter aussprechen möchte. Am Nachmittag hat mir Marcus gesagt, dass Nina die Nachricht gut verkraftet hat. Offensichtlich kann sie das Wegbleiben des Großvaters mit einem Verlustschmerz noch nicht übereinbringen. Den dritten Opa im Bunde, den Vater von Marcus, besuchen sie regelmäßig auf dem Friedhof. Das werden sie in Zukunft auch für Opa Dieter machen.
Mein Blick durch die weißen Haarlocken fällt auf die beiden Schwestern. Ihnen stehen viele Wochen voller Formalitäten bevor. Wohnungs- und Kontoauflösungen, Vertragsaufhebungen, Bestattungsplanungen. Enorm viele qualvolle Entdeckungen. Dieter war einsam. Dieter war etwas sonderbar. Es wird schwer werden, durch sein Lebensgerüst durchzusteigen und sein Leben aufzuräumen. Das wird auch der Grund gewesen sein, warum er immer zu uns kam. Wir nie zu Ihm.
Der 55jährige Großvater hatte seine Liebe wieder entdeckt. Die Töchter auch. Die Mutter hatte vollstes Verständnis. Jetzt ist er wieder weg. Für immer. Aber er wird in unseren Herzen bleiben. Auch noch rechtzeitig."Wichtige Links zu diesem Text"
Deutsche Krebshilfe


Kommentare
du solltest mal kritisch überprüfen ob es für deinen inhalt nicht sinn machen würde, nebensätze zu verwenden, damit dem inhalt auch eine angemessene form gefunden wird.
30.12.2008, 01:25 von MisterGambit@MisterGambit ich werde das mal kritisch prüfen ;-)
31.12.2008, 10:46 von YokoTsuno