Tracht
Der Grat zwischen Ekel und Morbidität ist sehr, sehr schmal. Ich stolpere.
Nein, behaglich sah es wahrlich nicht aus, wie sie da im flackernden Rotlicht am Straßenrand stand.
Noch dazu in solch einem verrufenen Viertel. Es wunderte P. gar nicht, dass die meisten Autofahrer sich in eine Zwickmühle manövrierten. Entweder erlagen sie den anrüchigen Avancen der Straße oder aber sie quittierten die Entscheidung dagegen mit einem Lächeln auf dem Zielfoto.
Beide Varianten waren nicht unbedingt schonend zum Geldbeutel und riskant für die Gesundheit obendrein. Trotzdem wählte ein Gros der Autofahrer den Weg weg vom Tripper, durch die Lichtschranke.
Immerhin verliehen sie dem Bezirk seine charakteristische Färbung.
Und auch P. wäre es niemals in den Sinn gekommen, getrieben von ursprünglichen Gelüsten hier an diesem Straßenrand zu halten, aber die Wunde unter seinem Fuß zwang ihn nun einmal von Zeit zu Zeit zu einem Zwischenstopp.
Nicht etwa eine Scherbe, wie man vielleicht hätte vermuten können, hatte ihm die Fußsohle ruiniert, vielmehr war er mit voller Wucht in den Holzpfropfen seines nicht wirklich vollendeten Ikea-Regals getreten.
Der nicht eben spitze Stumpf hatte seinen Fuß von unten mehr aufplatzen lassen denn zerschnitten und eine tiefe Furche gerissen.
Die Wunde klaffte nun schon eine ganze Weile und P. mühte sich auch redlich, sie nicht weiter aufreißen zu lassen.
Aber er war ein überaus sparsamer Mensch und so hatte es ihn bisher noch nicht in eine Ambulanz verschlagen. Lieber fing er das Blut in einem Gefrierbeutel um seinen Fuß herum auf.
Damit nicht laufend neue Beutel in Anbruch gerieten war P. dazu übergegangen, das Gemisch aus Blut und Wundsekret in regelmäßigen Abständen zu trinken um den Verlust an Flüssigkeit und Mineralien abzufedern.
Und in gewisser Weise schien es auch zu wirken, seine Zähne jedenfalls hatten schon eine gesunde Farbe angenommen und kontrastierten gekonnt mit seinem aschfahlen Gesicht. Das war auch bitter nötig, ließ doch der Rest seiner Erscheinung weniger auf Stilsicherheit denn auf Rübezahl schließen.
P. griff also zu seinen Füßen, hob seinen Fuß aus dem prallgefüllten Beutel und setzte zu einem tiefen Schluck an. Vielleicht etwas zu ungestüm, der Vorfreude wegen, jedenfalls schwappte ein guter Teil über die Mundwinkel hinaus und lief gottlob nicht in die Nase, dafür aber seinen Bart hinunter. Mit dem Handrücken wischte er sich den benetzenden Rest von den Lippen und grunzte zufrieden.
Für ein Bäuerchen reichte die Kohlensäure nicht und die geronnenen Klumpen auf entgegen gesetztem Wege wieder in seinem Mund zu spüren, mochte für Wiederkäuer verlockend sein, aber P. ekelte sich dann doch ein wenig.
So beließ er es bei einem kehligen Laut und beobachtete lieber die Bordsteinschwalbe, die sich langsam und bemüht aufreizend seinem Wagen näherte.
Ein Vorhaben, das, sicherlich auch der Kälte geschuldet nicht besonders galant umgesetzt wurde. Schlagartig wurde P. bewusst, dass diese Dame ihn unmöglich in dieser Situation im Auto vorfinden durfte. So öffnete er die Türen und entstieg reichlich ungelenk seinem Fahrzeug.
Die Straßendirne verlangsamte prompt ihren Gang und nestelte mit steifen Fingern nach einer Zigarette und einem Feuerzeug, das bei dieser Kälte aber unmöglich funktionieren konnte.
Hilfsbereit, wie P. nun einmal war, griff er flugs in seine Hosentasche und holte sein Sturmfeuerzeug hervor.
Um die Dame in seinem Sichtfeld nicht unnötig warten zu lassen, schritt er forsch in ihre Richtung. Beim zweiten Schritt rächte sich, dass er doch einem seiner Triebe nachgegeben hatte. Ein unsagbarer Schmerz schoss von seinem Fuß bis in jede Faser des Körpers und ein Stöhnen entfuhr seinen Lippen.
Aus dem Gleichgewicht geraten taumelte P. nur noch grob in Richtung des leichten Mädchens. Kaum hatte er sie erreicht, machte sie ihrem Namen alle Ehre und fiel mit ihm unsanft in den Schnee.
Sicherlich, für Außenstehende mochte die Situation bedrohlich wirken, aber der spitze Schrei um Hilfe war nun wirklich überflüssig, rief er doch den zugehörigen Zuhälter auf den Plan, der ansatzlos aus seinem Benz gesprungen kam. Mit geübtem Blick konnte er zwischen Nuttenprellern und harmlosen Verwirrten unterscheiden, lud durch und schoss P. ohne Vorwarnung in den Kopf.
Für diesen war die Situation unglaublich unangenehm und peinlich, sodass er sich nichts lieber wünschte als, weit weg zu fliegen. Sein Kopfinhalt jedenfalls tat ihm den Gefallen prompt.


Kommentare
Wie widerlich göttlich!
20.05.2012, 09:05 von Mrs.McHKurzzeitig hat mich das etwas an Charlotte Roches Buch "Feuchtgebiete" erinnert...aber nur kurz. Igitt >.<
23.02.2012, 11:36 von Pfirsichtoertchenhihihihihihiiiieeeh....gitt.
18.02.2012, 23:36 von DalekMerkwürdige Geschichte und versteh auch nicht, was sie aussagen soll...
18.02.2012, 23:16 von TahinaIch konnte deinen Gedanken folgen.
18.02.2012, 23:03 von LIEBEMACHEN.Ich komm grad nicht mehr aus'm Lachen raus ...
10.02.2012, 15:41 von BlackendBääääääääh... Pfui....
08.02.2012, 19:06 von Raeubertochter13herrlich bildlich geschrieben, nicht schlecht!
brrr. widerlich! eklig!
08.02.2012, 09:10 von SommerscheinSehr anschaulich geschrieben. Jetzt muss ich bestimmt den ganzen Tag an diesen Wundsekret-Gefrierbeutel denken. Bah!
08.02.2012, 08:56 von lalinaam ende hab ich mich lachend geekelt. eine interessante kombination.
08.02.2012, 07:21 von mo_chroi