zzebra 30.11.-0001, 00:00 Uhr 33 0

Tödliches Lächeln

Sie kam heraus und grinste. So ein freches, erhabenes Grinsen, das einen unbesiegbar macht. Damals liebte ich sie. Heute weiß ich nicht mehr warum.

Die Wände weiß, wie in jedem Wartezimmer, das Reinlichkeit verspricht. Oder Unschuld. Unschuldig sind Opfer angeblich immer, ich fühlte mich auch als Opfer. Ein Opfer schicksalhafter Wendung; aus dieser Angelegenheit hätte viel werden können, so denke ich heute, 25 Jahre danach, ein Ereignis, für das es keine Verjährung gegen sollte. Zumindest nicht in den Herzen der Betroffenen. Dabei war ich Täter, nicht Opfer.

Man bildet sich eine widerstandsfähige Schale im Laufe eines Lebens, je härter, desto überlebensfähiger. Das hat nichts mit Unbeugsamkeit oder Rücksichtslosigkeit zu tun, das ist nur ein Schutzwall gegen zu viel Empfindung, gegen zu gewaltige Inszenierungen, gegen Schmerz. In jungen Jahren war die Schale noch relativ nachgiebig, durchlässig. Ein wunderbares Gefühl, überhaupt: Gefühle waren wichtig, nicht Vernunft, Pflichtbewusstsein, Problemmakeln. Ein jeder ein großer kleiner Held, eine jede eine bezaubernde schlichte Fee, zusammen ein scheinbar unbesiegbares Paar. Eine groteske, skurrile, aber fantastische Zeit.

Paarläufe waren das wichtigste, das schönste. Sie waren Ziel, kein blöder Weg, einhergehendes Verlangen ein wundersames Spiel und dessen Erfüllung die Aufnahme in den Olymp des Erwachsenseins. Als ich auf dem Olymp das erste Mal richtig die Augen öffnete, tat ich es nicht von selbst, sie wurden mir jählings aufgerissen: Mit den verlängerten Armen meiner Begierde: zwei glühenden Zangen aus Wahrheit, Konsequenz, Verantwortung. Alles was bisher Augenöffner waren, gehörten zum Spiel, zum Paartanz, zum Liebesreigen. Was ich geöffneten Auges sah, war: Ihr feistes Lächeln. Das ich niemals vergessen werde.

Eingerahmt von Leuten, die ich nicht kannte, die anscheinend ähnliche Probleme herumtrugen, aber mit meinem nur insofern zu tun hatten, da sie den Rahmen bildeten: Siehe, es ist alles gut, du bist nicht allein. Es ist nicht böse, dein Tun. Nicht wirklich. Nach der Behandlung schritt sie aus, als wäre sie kerngesund. Sie war auch äußerlich kerngesund. Ich sah ihre wahre Krankheit nicht, denn dies war der Tag, an dem ich verlernte, in ihre Seele zu blicken, ihr Herz zu spüren.

Vorher saß ich da und hörte und sah nichts bis wenig. Noch am Tag darauf erinnerte ich mich nur an gesichtslose Gesichter, weiß gekalkte Wände, helle Stühle, blenden weiße Gardinen, Vorhänge. Nur dieses eine Geräusch habe ich heute noch im Ohr: Wenn jemand die Klospülung betätigte. Ein Rauschen schräg vor mir hinter der Wand, leicht erhöht. Ich saß da und dachte daran, dass bei jedem Wasserrauschen etwas hinuntergespült wurde. Etwas, das zu mir gehörte, das unwiderruflich verloren war, auf Nimmerwiedersehen. Niemals. Ich malte mir es in meiner halbstündigen Verzweiflung in den schrägsten Wahnideen aus, mit all meiner Vorstellungskraft: Beinchen, die hinweggegurgelt wurden, zerrissene Leiber, Innereien, die durch den Strudel fetzten, hilflose, ungehörte Schreie. Nun wusste ich, was "niemals" bedeutete.

Als sie in den großen Wartesaal trat: ihr Grinsen. Das gemeinste daran war, dass es auch hätte mein Grinsen sein müssen, denn ich war einverstanden gewesen, es gehören schließlich immer zwei dazu.

Als wir, wieder zu Hause angekommen, am nächsten Abend und zur Zerstreuung, die nichts zerstreuen konnte, einen Kinofilm ansahen, fand ich danach diesen Flyer unter dem Schiebenwischer meiner Karre: aus einer Männerfaust sahen zwischen Daumen und Zeigfinger nur zwei winzige Füßchen eines neunwöchigen Embryos heraus. Es sah aus, als hätte diese Faust einen kleinen Menschen zerquetscht.

Ich habe noch nach Jahren bei jeder geballten Faust an dieses Bild gedacht. Außerdem hasse ich es, wenn eine Frau grinst.

33 Antworten

Kommentare

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    total guter text über ein krasses thema.. trifft einen sehr wenn man selbst erfahrung hat..
    aber deine texte sind überhaupt verdammt gut geschrieben..

    20.01.2006, 21:57 von fairy.tales
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    gänsehaut...

    13.01.2006, 20:53 von Revolutiongirl
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    wow

    28.12.2005, 21:22 von Knatterbaer
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    Alter Junge was soll ich dazu noch sagen, deine Texte hab ich schon immer gerne gelesen...

    26.11.2005, 00:56 von SirMCPedta
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      @[Benutzer gelöscht]
      Ich weiß ja nicht, ob Du Dir das vorstellen kannst, aber der "christliche Dogmatismus" hat seine Ursprünge gerade in jenen Gedanken und Empfindungen, die hier wiedergegeben worden sind.

      Soll erst jeder diese Erfahrung, die zzebra und kopfkrach beispielweise gemacht haben, erst selber machen, um zu merken, daß es irgendwie scheiße ist?

      Der sog. Dogmatismus ist kein Feind, sondern ein Freund des Menschen, indem er sie vor solchen Erfahrungen bewahrt. Das Christentum hat die Sünde nicht erfunden, die gab es schon und wird es immer geben. Das Christentum schlägt lediglich einen bestimmten Umgang damit vor.

      25.11.2005, 15:01 von LudwigMartin
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      @LudwigMartin
      Das gefällt mir sehr, was du gesagt hast, LudMin. Liebe, Güte, Moral sind frei von jeglicher Religion, die sich diese schönen Werte nur auch zu eigen macht, warum nicht...
      Sie erscheinen in verschiedenen Formen, für jeden hoffentlich eine für ihn passende. Ein diesen Werten folgender Atheist ist mir lieber als alle Zeremonien aller Religionen zusammen.
      :-)
      zz.


      21.12.2005, 11:31 von zzebra
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    Die Tussi ist krank einfach nur krank, klar hat die absichtlich gegrinst, so 'ne abartige Schlange, sowas zerstört das Weltbild von Menschen.
    Hey nee, wie konntest du auf so 'ne H*re reinfallen?

    18.11.2005, 20:44 von Steal
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    Der Artikel ist ein Argument mehr, ungewollte Kinder zur Adoption freizugeben.

    18.11.2005, 13:03 von ulf
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