Storchenkind 03.01.2013, 13:59 Uhr 9 5

Thanks for being my unbiological sister

Dass du in der Nacht zwischen den Jahren starbst, passierte nicht ohne Grund. Etwas neues wird geboren werden. Aus dem, was du hinterlassen hast.

Vor fast genau einem Jahr sind wir uns das erste Mal begegnet. Ich stand am Flughafen und versuchte mich in dem ganzen Durcheinander so zu platzieren, dass du mich gleich sehen würdest. Can hatte dir ein Bild von mir gezeigt. Irgendwie war es schwer eins zu finden, wo ich mir mit mir einig war, dass ich dort so aussehe, wie ich es fernab von der Welt der Bilder tue. Schließlich hatte ich eins gefunden, wo ich im Sommer am Strand war. Sand klebte in meinem Gesicht und meine Haare hingen in dicken Strähnen an meinem Kopf, zusammengepappt vom Salzwasser. Ein Lächeln zeichnete sich um meinen Mund ab. Ich weiß noch, wie ich diesen Geschmack liebte, der auf der Zunge lag, wenn ich durch die Wellen tauchte und das Salz schmecken wollte. Mit den Wellen spielen und dem Lichtspiel von Sonne und Wasser zusehen.

Anscheinend war für dich kein großer Unterschied zwischen dem Bild und mir in der Realität zu erkennen, denn du kamst geradewegs auf mich zu. Deine rötlichen Locken wippten um deinen Kopf und du sahst so voller Leben aus, wie du da so lachend und Arme ausstreckend zu mir liefst. Ich wusste nicht so richtig, wie ich mich verhalten sollte. Ich war aufgeregt. Bevor ich überlegen konnte, wie ich dich begrüße, spürte ich deine Arme, wie sie mich fest und liebevoll umarmten. Ich dachte, dass ich selten eine so feste Umarmung von einem Mädchen bekommen hatte.

„ Hey, ich bin Shereen“

„Endlich hören wir uns mal nicht nur aus Erzählungen !Ich bin Anna“

Du haktest dich bei mir ein, zeigtest kurz mit der Hand auf eine der ganzen Ausgangstüren und steuertest dann direkt auf sie zu, ohne aufzuhören zu reden. Ich war ein bisschen überfordert, weil mich die Menge am Flughafen faszinierte und deine Worte gleichzeitig so erfüllend waren.

Das Auto, mit dem du gekommen warst war genau so, wie ich mir immer eines gewünscht habe. Klein, alt, wackelig und der Lack an manchen Stellen ungleichmäßig übergemalt.

„ Dein Auto ist so wahnsinnig toll !“ sagte ich mit einem staunenden Lächeln.

Du lachtest dein herzhaftes Lachen und lehntest dich gegen die Fahrertür.

„ Dieses Auto besteht im Grunde nur aus Erinnerungen und Erlebnissen. Der Rest ist mehr eine Hülle, damit all die wertvollen Dinge darin, die man weder sehen noch berühren kann, nicht einfach davon fliegen oder irgendwo auf der Straße liegenbleiben.“

Mit diesen Worten setztest du dich schwungvoll auf deinen Platz, beugtest dich zu mir rüber und öffnetest die Tür. Genau wie ich meinen Vorstellungen von meinem Traumauto. Dass die Beifahrertür nur aufgeht, wenn sich der Fahrer rüberbeugt und den Knopf hochzieht.

„So Anna, wohin solls denn gehen ?“

„Mhh, irgendwohin, wo es Wasser gibt und der Boden warm von der Sonne ist.“

Dieser kurze Wortwechsel löste von dir ausgehende Sympathie in mir aus. Du wirktest so frei und lebendig. Wie ich es hasste, wenn man mich als erste fragte, wie meine Fahrt gewesen war und ohne auf die Antwort zu warten gleich erzählte, was für die restliche Zeit noch anstand und was es zum Essen geben würde.

Der Parkplatz wirkte noch voller als die Ankunftshalle. Überall hektische Menschen zwischen den Autos und andere, die sich soviel Zeit ließen, als würden sie gerade zu einem gemütlichen Sonntags-Spaziergang aufbrechen.

Genervt wühltest du im Handschuhfach, auf der Suche nach einer wohl ganz bestimmten Kassette. Kurze Zeit später erklangen die ersten Töne von ‚The Boxer’ von Simon&Garfunkel. Die Falte auf deiner Stirn wich und deine Zähne kamen in Zusammenhang mit einem breiten Lächeln zum Vorschein. Leise sangst du mit und klopftest dabei leicht mit den Fingern auf der Kupplung.

Was mir gleich auffiel war, dass du einen alten Wecker mit einem Faden an den Rückspiegel gehängt hattest, der ruhig vor sich hintickte. Nach einem Blick auf das Feld, wo eigentlich die digitale Zeitanzeige sein sollte wurde mir klar, wieso der Wecker dort hing. Das Feld war schwarz und von einer Zeitangabe war weit und breit keine Spur.

Ich lehnte mich ans Fenster und schaute den vorbeirauschenden Dingen zu.
Can war in Deutschland geblieben, da er sich nicht hatte freinehmen können. Ich hatte ihn auf dem Flug vermisst. Wir können uns stundenlang über alles und jeden unterhalten.
Er ist der beste Stiefvater, den ich mir vorstellen kann.

Desto weiter ich mich von ihm entfernte, desto glücklicher war ich, hier bei dir zu sein. Er redet viel von dir. Ich blickte dich von der Seite an und versuchte dich mit seinen Erzählungen in ein Sinnerfülltes Bild zu bauen. Früher hatte es mich nicht besonders interessiert, dass ich eine Stiefschwester habe. Ich war glücklich mit dem was ich hatte und eine Stiefschwester war etwas befremdlich. Für einen kurzen Moment dachte ich, dass ich vielleicht schon viel früher hätte hier sein sollen. Dann wären wir wie Schwester aufgewachsen, hätten zusammen in die Ferien fahren können und etwas haben, was nur uns verbindet. Trotz der Entfernung zwischen England und Deutschland.

Wir ließen die Stadt hinter uns und es wurde ruhiger. Ländlicher. Eine ältere Frau, die vorbeikam grüßtest du herzlich und ich fragte mich, ob das hier so ein Dorf sei, wo jeder jeden kennt und alte Menschen hinter den Gardinen sitzen und das Geschehen draußen Tag ein Tag aus beobachten.

Vor einem Haus, das von außen so aussah, als würde es durch und durch aus Holz bestehen, hieltest du an und dein Auto gab abschließend noch ein paar brummige Töne von sich.

Im Flur duftete es nach Honig und Zimt. Die Wände waren voll mit Fotografien, die in weinroten Rahmen gehalten wurden. Nur an den Rändern der ganzen Teppiche auf dem Boden konnte man erahnen, dass darunter auch Holz war. Wie überall hier. Es löste sofort ein warmes und wohlfühlendes Gefühl in mir aus. In diesem Haus könnte ich mich Stunden mit dicken Wollsocken, Tee und guter Musik aufhalten. Mich ans Fenster setzen und das Leben im Garten beobachten.

Shereen zeigt mir das Zimmer, das sie für mich hergerichtet hatte und auch hier war nicht an Holz gespart worden. Das Bett glich einem alten Bauernbett und die dicke Bettwäsche darin lud gleich dazu ein, sich in sie zu kuscheln.

Während ich meine Sachen auspackte rief sie von unten hoch, welchen Tee ich am liebsten mögen würde. Ich mochte viele Sorten Tee. Ich überlegte kurz und rief dann „Schwarzer Tee mit Milch und Zucker wäre toll.“

Als ich runterkam, hatte sie auf den kleinen Tisch vor dem Sofa eine Schale mit Keksen gestellt. Darum standen mehrere Kerzen und als ich mich umdrehte und sie fragen wollte, ob ich ihr bei irgendetwas helfen könne, kam sie mit zwei dampfenden Tassen aus der Küche und stellte sie auf den Tisch, der sich beim aufsetzen der beiden Tassen etwas zur Seite beugte.

Ich hatte das Gefühl, dass wir in den nächsten Stunden und Tagen das nachholten, was wir in den letzten Jahren nicht getan hatten. Uns kennenlernen.
Irgendwann fragte sie mich, ob ich einen Freund hätte.

„Nein. Wir haben uns getrennt. Ich war drei Monate weg und in der Zeit haben wir uns auseinandergelebt. Ich habe in der Zeit, wo ich weg war mit einem anderen geschlafen. Er weiß es nicht. Es weiß kaum jemand. Das war aber nicht der Grund, wieso wir uns getrennt haben. Wir waren fast zwei Jahren zusammen und es ging nicht mehr. Es hat vor einiger Zeit schon einmal gestockt in unserer Beziehung und innerlich hatte ich da schon etwas abgeschlossen mit uns. Ich liebte ihn. Und trotzdem war ich mir unserer nicht mehr sicher.
Und dann nach diesen drei Monaten ging es gar nicht mehr.

Es ist komisch. Weißt du…zwei Jahre mit jemandem über alles reden können und zu wissen, da ist jemand, der ist an deiner Seite. Und dann trennt man sich und an der Seite ist Leere. Und man liebt diese Leere. Zwei Jahre Gefühle abstellen, weil man sich getrennt hat geht nicht. Leere zu lieben, die leer ist. Das ist ein Gefühl, dass kann man nicht umschreiben. Das muss man fühlen.“

Ein bisschen hatte ich mich darauf eingestellt, dass du mir als Antwort eine Reihe an Sätzen, ohne Punkt und Komma geben und alles in gefühlt einem Atemzug aussprechen würdest.
Stattdessen nahmst du meine Hand in deine und mit deinem Daumen strichst du leicht über meinen Handrücken. Kein einziges Wort gabst du in diesem Moment von dir. Keine verbalen Worte. Ich hörte trotzdem, was du mir sagen wolltest.

In diesem Moment auf dem Sofa spürte ich zum ersten Mal, wie tief unsere Verbindung eigentlich ist. Wie durchströmt und ehrlich sie zwischen uns fließt.

 

__

 

Ein Jahr ist seitdem vergangen. Unser Kontakt hat sich stark aufgebaut und etwas ist entstanden, was fester Bestandteil von mir geworden ist.

Vor einer Woche kam der Anruf aus England. Es war deine Mutter, die anrief und fragte, ob Can da sei. Er war arbeiten und ich gab ihr die Telefonnummer seines Büros. Auf eine vorsichtige Nachfrage hin, ob etwas passiert war bekam ich als Antwort ein trockenes „Ich melde mich wieder“ und dann ein Tuten.

Ich wartete einige Minuten, bevor ich bei Can anrufen wollte, weil er wahrscheinlich gerade mit deiner Mutter sprach. Damit die Zeit nicht so langsam vor sich hin schlich setze ich Tee auf und legte die Zeitung ordentlich zusammen.

Dann wählte ich mit klopfendem Herzen Cans Nummer. Seine Sekretärin ging dran

„Hallo Anna, wie schön mal wieder von dir zu hören !...nein, dein Vater ist nicht hier……kann ich ihm was ausrichten ?.....wo er ist ?Er hat eben das Büro verlassen. Er sagte, er müsse dringend weg.“

Ich beendete das Gespräch und setze mich hin. Was war hier los…wieso konnte mir niemand helfen. Und wo zum Teufel steckte jetzt mein Vater.

Mitten in meinen Gedanken hörte ich, wie jemand wild im Türschluss rumdrehte und ich schaute wie gebannt hin. Es konnte nur Can sein. Mein Bruder war in der Schule und meine Mutter hatte ein Vorstellungsgespräch.

Als er zur Tür reinkam, konnte ich auf seiner dunklen Haut Tränen erkennen.
Als er vor mir stand sah ich, dass sein ganzes Gesicht tränen überströmt war.

Er kniete sich hin, legte seinen Kopf auf meinen Schoß und klammerte sich in meine Beine. Er weinte so stark, dass ich mich nicht traute zu fragen, was los sei.
Can blickte hoch, rieb sich die Augen und ich musste mich konzentrieren seine Worte zu verstehen.

„Shereen…Shereen…Shere….sie ist, heute Morgen ist sie Zusammengebrochen.

Sie hat geschrien vor Schmerzen und hatte Krämpfe. Ihre Mutter hat sie gleich ins Krankenhaus gebracht, wo sie künstlich beatmet wird. Sie liegt im Koma. Keiner weiß, wann und ob sie wieder aufwacht.
Die Ärzte haben mehrere Gehirnblutungen bei ihr festgestellt.“

Ich versuchte etwas zu sagen, bekam aber kein Wort raus. Als wäre ich verstummt. Ich konnte das, was ich eben gehört hatte nicht realisieren. Meine Schwester. Gehirnblutungen. Krankenhaus. Koma. Ich sah den Ernst dieser Wörter vor mir, konnte ihn aber nicht spüren.

Can war mitlerweile nach oben gegangen. Er suchte nach Flügen, die ihn auf dem schnellsten Wege zu seiner Tochter bringen würden.

Eine Träne rollte über meine Wange und ich wischte sie mit meinem Ärmel weg. Ich krallte mich mit den Händen in meine Ärmel und ich vergrub mein Gesicht darin.
Es brach aus mir heraus. Ich warf mich auf den Boden, rollte mich zusammen, ging gleich danach wieder aus mir heraus und schlug mit meinen Fäusten gegen die Wand. Ich merkte nicht, dass sie anfingen zu bluten. Erst, als ich die roten Spuren auf der Wand sah wurde mir klar, dass ich mich nicht mehr unter Kontrolle hatte. Wieso….dieses Wort nistete sich überall in meinem Kopf ein. Wieso. Wieso. Wieso.

Ich lag auf dem Boden, zitterte und fror. Rollte mich zusammen wie ein Embryo und versuchte innerlich etwas ruhiger zu werden.

Als ich aufwachte, schien die Sonne durch das Fenster. Ich lag immer noch auf dem Boden, jemand hatte aber eine Decke über mich gelegt.

Es war der Sylvester-Tag.

Ich legte mich in die heiße Badewanne und dachte an dich. Ich betete für dich. Für dein Leben, welches auf dich zukommt. Versuchte mir vorzustellen, wie so ein Leben ist und was man da fühlt.

Ich schaute auf die Uhr und stellte fest, dass es Zeit war, dass ich mich fertig machte. Ich hatte erst überlegt, ob ich die Feier ausfallen ließe, entschied mich dann aber dagegen, weil etwas Ablenkung von Freunden sicher nicht schaden könnte.

Es war halb zwölf, als wir am Hafen ankamen. Menschen standen überall. Kaum ein Platz war noch frei und wir kämpften uns durch die Massen zu einem kleinen Fleck, der noch leer war.

Ich blickte zum Himmel und du warst ganz nah. Ich nahm es nicht richtig war, als es 00:00 war und die Menschen noch mehr feierten als vorher und der Himmel nicht mehr aufhörte zu leuchten. Das einzige was ich fühlte warst du. Du und alles was uns zu dem gemacht hat, was wir sind.

Mein Handy leuchtete. Cans Name stand ich Großbuchstaben auf dem Display.

Vier Worte.

„Sie ist eben gestorben“

 

 

__

 

Ich zurrte das Band, mit welchem ich mein Gepäck auf deinem Auto befestigt hatte so fest es ging, vergewisserte mich, dass der Kofferraum gut verschlossen war und setze mich dann ins Auto. Bevor ich losfuhr schloss ich die Augen und atmete bewusst tief ein und aus. Mit den beruhigenden Tönen von Simon&Garfunkel fuhr ich los. Ohne Ziel. Rein ins Ungewisse.

Mit dem Auto, welches im Grunde nur aus Erinnerungen und Erlebnissen besteht. Der Rest ist mehr eine Hülle, damit all die wertvollen Dinge darin, die man weder sehen noch berühren kann, nicht einfach davon fliegen oder irgendwo auf der Straße liegenbleiben.

 

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9 Antworten

Kommentare

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  • 1

    auch wenn die geschichte tragisch ist - schön geschrieben, unsentimental und einfach.
    ich hoffe dabei, dass sich nicht alles so zugetragen hat.

    liebe grüsse.

    03.01.2013, 21:40 von magnus
    • 0

      Vielen Dank !

      Diese Hoffnung muss ich leider zerstören. Der Hintergrund der Geschichte hat sich so zugetragen. Nur das drumherum war anders.

      03.01.2013, 21:44 von Storchenkind
    • 0

      schlimm, tut mir leid für dich. da wünsch ich dir doch mal ein gutes, für das kommende.
      vielleicht hat es dir ja geholfen, das ganze niedergeschrieben zu verarbeiten.

      03.01.2013, 21:50 von magnus
    • 0

      aber den titel finde ich vielleicht ein wenig unterkühlt,
      zumal es in englisch noch weniger zum rest passt.
      :)

      03.01.2013, 21:55 von magnus
    • 0

      Der Titel kam ganz spontan und gerade weil es so spontan war und dann auch noch treffend, stand es für mich nicht zur Frage da noch was zu drehen. 

      Danke, das hat es :-)!

      05.01.2013, 12:37 von Storchenkind
    • 1

      ja, auch okay. :)

      musik?
      http://www.youtube.com/watch?v=CiEDt5B_7pc

      05.01.2013, 13:00 von magnus
    • 0

      Das finde ich total toll, das Lied !


      05.01.2013, 13:19 von Storchenkind
    • 0

      ja, schön, ne? dacht ich´s mir doch.
      das hier aber auch:
      http://www.youtube.com/watch?v=4R-QHVfEdtU

      05.01.2013, 13:25 von magnus
    • 0

      Oh ja :-)

      Hast du nicht Lust ne ganze Liste an schönen Liedern zusammenzustellen für mich ? :D

      05.01.2013, 13:29 von Storchenkind
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