Jimmy_D. 23.01.2013, 14:42 Uhr 67 30

Tension

Farblos buckelte sich ihre Kehrseite in Richtung Spüle.

Nach fünf elendig hinausgezögerten Jahren hatte ich es endlich geschafft, meine Eier festzuzurren und die schlaffen Arschbacken zusammenzukneifen, um ihn zu besuchen. Beißende Erinnerungen, die sich tief in jede Faser meines Gemüts und in jede meiner Handlungen gebrannt hatten, waren mir Grenze und Schutz gewesen. Wo ich stand, schlief er, wo ich lief, saß er, was ich anfasste, beschwerte er. So viele Jahre lang versperrte mir sein Gewicht den Weg hierher.

Jetzt saß ich auf der auberginefarbenen Kücheneckbank; zerschlissen, ölbefleckt, aber noch immer dieselbe. Seine Augen brannten sich in meine Stirn, die ich ihm bot, damit ich auf meine Fingerkuppen starren und die dünne Pisse trinken konnte. Sicherlich zweiter Aufguss. Sah ihm ähnlich.

Sein Unterhemd war fadenscheiniger, der Blick milder, die Mimik weicher geworden; die Küche noch immer ein Ort der Trübsal und des Kummers. Bleiern hing das Joch der Jugend an der altersdunklen, blechernen Lampe über dem Esstisch. Ich zählte die vielen Narben und Schnitte – Strafen und Gerichte hatten sie in das brüchige Holz gebrannt. Alles Kummer und Leid war diesem Quell entsprungen. Ich erinnerte mich an jeden Hieb, an jedes schwere Wort. Ein stinkender, abgestandener Tümpel voll Pein. Doch der alte Mann schien milde geworden zu sein.

„Habe ich richtig gehört? Mein guter, guter Junge ist gekommen? Mein Bester!“, schluchzte sie im Gehen, mit ausgebreiteten Armen. Mutter tauchte hinter dem sitzenden Bullen auf. Sie roch nach Senkgrube, soviel und solange hatte sie schon geschluckt. Meine Anwesenheit schien alles zu befreien. Ich sah ihre Gedanken, ihr Elend fliegen. Meine Beine gaben nach, während ich versuchte, die kleine, ausgemergelte Gestalt zu umarmen. Wie sehr ich sie hasste. Wie sehr ich sie bedauerte. Wie sehr ich sie liebte.

Die widerliche Trabantensiedlung, in die sie ihr Mann geschleppt hatte – lange bevor er ihr seinen Samen, und damit mich, in ihren Bauch schoss – passte nicht zu dem, was ich von ihr von vergilbten Fotos und flüchtigen Erinnerungen noch kannte. Er hatte sie ursprünglich hierhergeschleppt, weil er so in der Nähe seiner Arbeitsstätte sein konnte. Doch dort hatte er es nur schwierige anderthalb Jahre ausgehalten. Danach wurde er zu ihrer Lebensmüh.

Stück für Stück war ihre Gestalt und ihr Innerstes abgebröckelt und mit der schäbigen Schlafstadt zu einem grauen, abgestandenem Einerlei verwachsen. Ich hatte eigentlich erwartet, dass sie längst nicht mehr existieren würde. Ich war überrascht, sie fast lebendig vor mir stehen zu sehen. Ihre Umarmung verspeiste meine Rüstung, ließ mich nackt darin versinken. Ich küsste Enttäuschung und Gewicht aus den Mundwinkeln. Dann wurde ich schwach und musste mich setzen. Ich ließ sie los und sie ihre Arme fallen.

Sie lebte. Vielleicht waren meine Erinnerungen an den alten Mann doch schlimmer, als die reale Vorlage hergeben konnte. Oder er war mit fortschreitendem Alter ruhiger geworden. Vielleicht hatte er in der zweisamen Einsamkeit endlich gemerkt, was beständige Liebe – oder auch nur Dasein – einer Frau wert war. So konnte er kosten, sie strahlen und ich vielleicht, eines Tages, verzeihen. Oder verstehen.

Der Alte schlug mit der flachen Hand auf die geplagte Platte. Dieselbe traf hart Mutters Hinterbacken. Wie ein geöltes Uhrwerk nahm sie daraufhin ihren alten Lauf. Drei Schritte bis zum Kühlschrank, ein schneller Griff zum Bier, zwei Schritte zum Tisch, sanft platziertes Gesöff, das es nicht verdient hatte, von ihren Händen berührt zu werden. Ein Nicken in meine Richtung. Sie bediente Männer mit Ewigkeitsklausel. Der trübe Blick zeigte ihren alten Modus. Farblos buckelte sich ihre Kehrseite in Richtung Spüle.

In Sekundenschnelle befreite sich ihr Elend aus meinem Magen und weihte speiend ein allerletztes Mal den Tisch. Brocken fielen schmatzend von Vaters Gesicht, tropften stinkend auf seine faltigen Schenkel.

Eine letzte Pfütze für Mutters Tücher. Ein letzter stinkender Kuss ihres Sohnes. Ein letzter Eintrag in ihre Hagiographie.

Ganz ohne Wunder.

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67 Antworten

Kommentare

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  • 1

    geb da gambit schon recht. es wäre egal worüber du schreibst. deine sprache allein trägt mich da schon überwältigt durch. umso besser, dass auch der inhalt noch viel kann.
    pipifein!

    05.03.2013, 13:15 von pocket
    • 1

      Das freut mich.

      05.03.2013, 15:26 von Jimmy_D.
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  • 1

    Metzgerherzen. Der Tod kommt schleichend. 

    24.01.2013, 20:32 von kissou
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  • 1

    Wen soll ich nur am stärksten bemitleiden frage ich mich.
    Hab eine Tendenz zur Mutter, der Sohn kann wenigstens wieder gehen.
    Die Stimmung kommt glasklar bei mir an.
    Gefällt.

    24.01.2013, 19:58 von Igel75
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  • 2

    Großartig !!!!

    Ein starker Abgang:

    Ein letzter Eintrag in ihre Hagiographie.

    Ganz ohne Wunder.


    Das paraphrasiert sehr schön das Wesen der Mutter.

    24.01.2013, 19:16 von mirror87
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  • 1

    Sehr gut.

    Der Teaser ist schon großartig.

    24.01.2013, 13:34 von Pixie_Destructo
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  • 1

    Das hat mich gerade mitgerissen...

    24.01.2013, 13:28 von AlwaysLucky
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  • 1

    smillike

    24.01.2013, 11:36 von frl_smilla
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  • 1

    Wie sehr ich sie hasste. Wie sehr ich sie bedauerte. Wie sehr ich sie liebte.

    Schlimme Gefühle, so auf einmal... Dieser Text weckt auch bei mir Würgereiz, es ist dir ziemlich gut gelungen, die Stimmung zu transportieren.

    24.01.2013, 06:11 von Mrs.McH
    • 0

      Das freut mich besonders.

      24.01.2013, 07:52 von Jimmy_D.
    • 1

      Du freust dich also mich zum Würgen zu bringen! eijeijei...

      24.01.2013, 20:22 von Mrs.McH
    • 0

      Nein, die Sache mit dem Transportieren und so... aber falls du besonders elegant beim Würgen aussiehst, na vielleicht habe ich dann auch das gemeint :D.

      24.01.2013, 22:56 von Jimmy_D.
    • 1

      Elegant? Hah, ich kotze graziös wie ein Elfe!

      24.01.2013, 23:16 von Mrs.McH
    • 0

      Uh, kotzende Elfen sind besonders hübsch. Foto!

      24.01.2013, 23:35 von Jimmy_D.
    • 0

      o-o! Herausforderung :) okay...

      25.01.2013, 07:04 von Mrs.McH
    • 1

      seufz... Googlebildersuche hat mich schändlich im Stick gelassen. Jetzt muss ich wohl selber ran. Brauche aber Hilfe: jemand, der mir dir Haare aus dem Gesicht hält und natürlich jemand, der knipst. Ich mache das mal zu meinem Projekt und mache eine Ausschreibung. Das wird einen Moment dauern, derweil fühle ich dich gut unterhalten mit diesem Bild. Eine hübsche Elfe beim Baden :)

      25.01.2013, 07:09 von Mrs.McH
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  • 1

    Mich erschütterte was du schreibst, ich kann mich ganz gut mit dem Protagonisten identifizieren.
    Was tun, mit solch einer Situation, du hast es drastisch aber einfach treffend auf den Punkt gebracht:

    Ein letzter Eintrag in ihre Hagiographie.
    Ganz ohne Wunder.


    Dafür war sie geschaffen, das war ihr Lebensinhalt, das war ihre Bedeutung. Wer mag da richten, was erfülltes Leben heißt?
    Da muss man zusehen, wie sich geleibte Menschen zugrunde richten. Oder man guckt weg. Tragisch ist es trotzdem.

    24.01.2013, 00:34 von Sultanine
    • 0

      Absolut.

      24.01.2013, 07:52 von Jimmy_D.
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  • 1

    Thank you, Jimboy.

    23.01.2013, 21:50 von cosmokatze
    • 1

      Gern geschehen.

      23.01.2013, 22:02 von Jimmy_D.
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