ilofi 30.11.-0001, 00:00 Uhr 5 5

Telefon - Askese

Kurz und knapp. Rein und raus, fertig - eine Kurzgeschichte.

Sie ist schnell erzählt, aber sie schlummert unter Schichten voller Erinnerungen, die oft übereinander liegen oder sich vermischen.

Rico ist 21 Jahre alt – er ist allein, und er ist am Ende. Es hat nichts mit Geld zu tun, nichts mit der Liebe, auch nicht mit seiner Schule. Es ist eine Art – ja was ist es eigentlich? Eine Art von Aversion, von Ekel vor allem und jedem, vor der Welt und vor sich selbst.

Er hat genug Geld zum Leben – mehr nicht, aber es genügt. Monotoner Alltag – aber nicht anstrengend. Mit einem Wort: Es läuft alles, wenn nicht gut, so doch auch nicht schlecht, eigentlich ganz normal. Nur ein kleines  seelisches Tief vielleicht ..? Aber es dauert schon ziemlich lange, dieses „kleine seelische Tief“ – mehrere Monate. Und nach und nach, ganz heimtückisch, hat sich eine immer tiefere Depression in Ricos Leben ausgebreitet.

Und Rico - 21 Jahre alt – bereitet alles vor, die große Dummheit zu begehen: Er betritt den Balkon im 4 Stock, stellt den Hocker an die Brüstung. Ganz ruhig, sehr gefasst, als ginge es ihm nichts an. Er überlegt, ob er noch jemanden anruft – und lässt es.

Sein bester Freund entdeckt ihn 15 Minuten später.

5 Jahre zuvor.

Michael ist 43 Jahre alt – er ist allein, und er ist am Ende. Vielleicht hat es was mit Geld zu tun, mit seiner Arbeitslosigkeit – aber nicht mit der Liebe. Nicht mehr, das liegt Jahrzehnte zurück. Ist es Einsamkeit? Er weiß es nicht. Er hasst sich und sein Leben.

Verächtlich betrachtet er die Spritzen, die er sich mittlerweile 2x täglich als Diabetiker setzt. Er sieht sich im Spiegel und betrachtet seinen Körper, der früher in Form gewesen war, nun aber unausweichlich zu viele Geburtstage zeigt. Verfall.

Michael wohnt immer noch in der Wohnung seiner verstorbenen Eltern, er hat keinen Kontakt zu ehemaligen Kollegen und nur sporadisch zum großen Bruder.  Er denkt an seinen Sohn Rico, den er das letzte Mal als Kleinkind gesehen hat. Besonders jetzt -  an den Tagen zwischen den Jahren.

Und Michael – 43 Jahre alt – bereitet alles vor, die größte Dummheit zu begehen: Sorgfältig prüft er die Insulindosis und nimmt die Spritze in die Hand. Er überlegt, ob er noch seinen Bruder anrufen soll – und lässt es.

Todeszeitpunkt ungenau - von seinem Bruder entdeckt.

Heute.            

Ilka ist allein, sie ist nicht einsam - und sie ist froh. Endlich wieder Zeit für sich und ihre Gedanken nach all dem Trubel mit Familie und Freunden am Wochenende, vom Kongress in der letzten Woche und die lärmenden Bauprojekte im Haus.

Sie denkt an Rico und jetzt auch an Michael. Traurig betrachtet sie Ricos Foto an der Wand. Hinterhältig greift diese tiefe Niedergeschlagenheit nach ihr – und sie hat Angst davor. Sie weiß, dass diese Ruhe, die Zeit, die sie jetzt hat, den Druck, der sich immer wieder aufbaut, nichts entgegenzusetzten hat. Er fängt im Herzen an und breitet sich von dort bis ins Innere aus. Er wird immer größer, bis sie ihn nicht mehr unter Kontrolle halten kann, bis er sich einen Weg nach draußen sucht, in der Regel in Tränen.

Das Erlebte ist immer da, war nie wirklich gebannt, ist aber auch noch nicht aus den Fugen geraten. Denkt sie. Und wenn doch? Wenn es sie erdrückt? Was dann? Verliert sie den Halt? Kippt sie um und fällt, für immer? 

Es  war passiert, und es ist vorbei, und das Leben geht weiter. Sie wird weiter atmen, essen, schlafen, bis irgendwas sie zwingen wird, damit aufzuhören.  Das ist die abgekürzte Geschichte, und daran hält sie fest, überall, nur nicht vor sich selbst. Alles andere wäre eine verdammte Lüge.

Ilka greift zum Telefon.


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5 Antworten

Kommentare

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  • 0

    mmh. War  mir sicher, ich hätte zu dem schonmal was geschrieben?

    07.11.2012, 14:34 von Tanea
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      nö .. da stand noch nix. ich lösche auch nichts.

      12.11.2012, 08:44 von ilofi
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  • 1

    Ilofi. Ich habe den Text eben nochmal mit großer Ruhe und Konzentration gelesen. Großartiger Stil. Extrem tragisch der Inhalt. Traurig und trostlos.

    Deine Erzählweise ist genauso bedächtig, sorgfältig und überlegt "geplant", wie die Handlungen der beiden männlichen Protagonisten. Das empfinde ich als echte Schreibkunst.

    Und wenn Ilka in dunklen Stunden zum Telefon greift, dann hoffe ich sehr für sie, dass am anderen Ende auch jemand den Hörer abnimmt.... und mit ihr spricht.

    Toll geschrieben.
    Vlg Jackie

    18.06.2012, 00:19 von Jackie_Grey
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