Tantchens letzter Tanz
...und mein Faible für Kirschlikör.
Wir Kinder mochten Großtante Liesbeth nicht besonders. Eigentlich gruselte es uns sogar vor ihr. Liesbeth gehörte noch zu der Generation Frauen aus gutem Hause, die in der Öffentlichkeit nie ihre Contenance verloren und sich so steif gaben, wie der gestärkte Kragen ihrer weißen Bluse, die sie passend zu dem kratzigen Pfeffer & Salz Kostüm trug, wenn sie uns besuchte. Tantchen legte großen Wert auf gutes Benehmen und wir, dass sie möglichst schnell wieder verschwand, was sie allerdings zu unserem Leidwesen in der Regel nicht gedachte zu tun. Ihre Besuche lösten bei uns immer Albträume aus und ich vermute, dass Liesbeth einen nicht unerheblichen Anteil an meinem frühzeitigen Haarausfall hatte, so, wie mir selbige zu Berge standen, wenn sie uns scheuchte, die Gute.
„Tu dies, tu jenes, mach mal brav Diener, teil dir die Limonade gut ein, vor dem Abendessen gibt’s nichts mehr und hol mal den Likör aus dem Keller, aber heute noch!“.
Tantchens zartes Äußeres hielt sie nicht davon ab, ihre Kommandos scharf-zackig mit funkelnden Augen und nasaler Stimme von sich zu schnarren, Frl. Rottenmeier aus „Heidi“ war dagegen ein unschuldiges Lamm, wenn sie uns stramm stehen ließ und mit ihrem Gehstock vor unseren Nasen rumfuchtelte, während wir bemüht waren, auf ihr Geheiß Schillers „Glocke“ aufzusagen. Ich konnte Glocken schon damals nicht ausstehen und Herrn Schiller erst recht nicht. Für uns war es jedes Mal wie Weihnachten und Ostern zusammen, wenn Tante Liesbeth nach 2, 3 Tagen wieder ihr Reiseköfferchen schnappte und die Haustür von draußen schloss.
Ende der Siebziger fiel unsere Haustür das letzte Mal hinter ihr ins Schloss und sie starb kurz darauf, wie sie gelebt hatte. Mit Contenance und einem Glas Kirschlikör in der einen Hand und mit ihrem geliebten Stock in der anderen, stocksteif im Ohrensessel. Typisch Tantchen.
Meine Schwestern und ich sind bis zu Liesbeths Tod noch nie auf einer Beerdigung gewesen, da wir zu klein waren, als unsere Omas und Opas starben und man uns solch traurige Anlässe ersparen wollte. Dementsprechend aufgeregt fieberten wir Tantchens letztem Auftritt entgegen und konnten es kaum erwarten, mal so eine Kapelle von innen zu sehen. Nun, Tantchen wäre nicht Tantchen gewesen, wenn sie sich nicht für ihre Beerdigung etwas besonderes ausgedacht hätte. Sie war immer sehr auf ihr akkurates Aussehen bedacht und hasste den Gedanken, 3 Meter tief in einem Sarg langsam zu vermodern, also wollte sie ganz modern verbrannt und später in alle Winde verstreut werden.
Ich erinnere mich noch gut daran, als wir die Kapelle betraten und meine Eltern erstaunt waren, dass sich neben der Familie so viele weitere Trauergäste eingefunden hatten, um Tante Liesbeth die letzte Ehre zu erweisen, denn beliebt ist der kauzige Besen nicht gerade gewesen und sie vermuteten, dass die Meisten scharf auf den geselligen Leichenschmaus danach waren, der übrigens zur vorgerückten Stunde zu einem partyähnlichen Saufgelage ausartete, was wiederum Tantchen sicher nicht zugesagt hätte. Aber die konnte schließlich ihren Stock nicht mehr schwingen.
Da saßen wir nun.
Meine Schwestern, ich, die Eltern, verbliebene Tanten und Onkel, nebst Cousinen und Cousins und starrten ehrfürchtig auf Tante Liesbeth. Besser gesagt, auf ihren Mahagonisarg, der über und über mit weißen und roten Nelken bedeckt war und deren schwerer Duft mir das erste Mal das Gefühl von einem unangenehmen Rausch vermittelte und mich beschließen ließ, dass ich Nelken auch nicht leiden kann. Neben Liesbeths Sarg stand eine Staffelei auf der ein Portrait von ihr wachsam auf die Trauerschar schaute und ich rechnete jeden Moment damit, Hacken zusammenschlagend Herrn Schiller geben zu müssen, so lebendig erschien mir das Funkeln ihrer Augen. Außer einem leisen Hüsteln hier und einigen Seufzern dort, war es Mucksmäuschen still, als der Pastor mit seiner Trauerrede begann und Tantchen in den höchsten Tönen lobte.
Er sprach über ihr Engagement für die Kirche, ihr gutes, großzügiges Herz, von dem Verlust ihres über alles geliebten Mannes Otto, der sich schon vor etlichen Jahren verabschiedet und dessen Tod sie nie ganz überwunden hatte, als sich plötzlich die betörend duftenden Nelken bewegten. Nur ganz kurz aber dennoch nicht unbemerkt und alle, die es mitbekamen, starrten ehrfürchtig auf den Sarg. „Tantchen?“. Irritiert schaute ich fragend meine Mutter an, die beruhigend meine Hand tätschelte und bemüht war, den Worten des Pastors zu folgen. Dieser ergoss sich zunehmend in Lobeshymnen für Liesbeth, als sich das weiß-rote Nelkenarrangement erneut bewegte und sich Tante Liesbeth samt Blumen und Sarg aufmachte, im Boden zu versinken. Amen.
Jetzt war es wirklich absolut still.
Kein Hüsteln, kein leises Schluchzen mehr.
Die gesamte Trauergemeinde stierte auf das makabre Szenario, während sich der Pastor unermüdlich und vor allem unbemerkt von dem Geschehen hinter ihm, in Rage formulierte und Tantchen verschwand. Weg war sie. Verwirrt und ein wenig ratlos blinzelte ich meine Mutter an, deren Nasenflügel verdächtig bebten, registrierte die ungläubig offenen Münder meiner Schwestern und Onkel Friedrich auf der gegenüberliegenden Bank, der eine merkwürdige Gesichtsfarbe bekam, als aus der Öffnung des Bodens die ersten Nelkenköpfe samt Liesbeth und Sarg wieder auftauchten. „Klack“, da war sie wieder. Etwas abgelenkt drehte sich der Pastor kurz um und fuhr unwissend leidenschaftlich mit seiner Ansprache fort.
So leidenschaftlich, dass Tante Liesbeth ergriffen entschied, erneut zu verschwinden. Meine Mutter nestelte nervös an ihrem guten Stöffchen, nahm Onkel Friedrichs Gesichtsfarbe an, kniff krampfhaft ihre Lippen zusammen und drückte meine Hand so feste, dass ich vor Schmerz leicht aufquiekte. Ein unterdrücktes Raunen ging durch die Trauergäste, was den Pastor dazu veranlasste, den engagierten Hymnen auf Liesbeth noch mehr Nachdruck zu verleihen, in der Annahme, man huldigte seinen einzigartigen Worten, denen im Grunde keine Sau mehr zuhörte. Alle waren von gebanntem Interesse, ob Tantchen denn nun weiterhin gewillt sei, lustig Karussell zu fahren. Sie war. Als Liesbeth das vierte Mal aus dem Boden auftauchte und kurz klackte, war Muttern nicht mehr zu halten, und erfüllte die Kapelle mit ihrem schönsten, dreckigsten Lachen, welchem sich alle anderen nur brüllend anschließen konnten. Der Laden rockte und Tantchen gab den Takt an.
Völlig hilflos gestikulierend und endlos um Verzeihung bittend, schoss ein Mitarbeiter des Krematoriums auf den bedauernswerten und ebenso hilflosen Pfaffen zu und brabbelte etwas von einem technischen Defekt, während Tantchen unermüdlich munter rauf und runter klackte. Irgendwie habe ich seitdem ein anderes Bild von ihr und bin überzeugt, dass ich mit Tantchen Liesbeth den Faible für Kirschlikör teile.
Allerdings ohne „Klack“.


Kommentare
@[Benutzer gelöscht] Ich bemerke, du magst auch keine Nelken...
28.09.2008, 23:26 von Kiyan;-)
Ich hatte Frollein Rottenmeier im Sinn noch bevor ich zum entsprechenden Absatz kam...
19.03.2008, 10:37 von AnnaEcke...da tun sich Erinnerungen auf! Meine Eltern haben mir - wenn wir in den Urlaub fahren wollten und mitten in den Vorbereitungen steckten - jedes Mal, wenn ich sie genervt habe ("Wann faaaahren wie ääändlich lohooos?") mitgeteilt, dass sie über Frankfurt fahren würden, um mich bei Frollein Rottenmeier abzusetzen, wenn ich weiter nerven sollte...
...und was soll ich sagen: Ganze Ewigkeiten lang habe ich das felsenfest geglaubt!
Schöner Text! Klack!
schöne geschichte, gut, dass du sie hervorgekramt hast.
11.12.2007, 22:58 von ira.gold"Der Laden rockte und Tantchen gab den Takt an."
- und merci für diesen satz :)
@ira.gold ....heheheee, gerngeschehen und Tantchen schwingt dankend ihren Rock drauf, im Takt, versteht sich.
11.12.2007, 23:44 von Kiyan;-)
Was für eine geile Beerdigung. Ich hatte so zwischendurch den Gedanken, dass die im Jenseits das Tantchen auch nicht haben wollten. Köstlich erzählt. Gott hab Liesbeth selig und darauf ein Schnäpschen! ^^
10.12.2007, 14:39 von suppentasseich liebe artikel, über die man lachen kann. Dankeschön für diesen!
10.12.2007, 13:07 von EisaugeBei uns gab es übrigens mal eine ähnliche geschichte.... der sarg meiner großtante verschwand elegant im Boden, um dem feuer übergeben zu werden, als meine oma (ihre schwester) laut und vernehmlich ein "Nu isse wech!" von sich gab... es gab kein halten mehr :)
@Eisauge ...heheheheee, DAS ist auch ein Brüller! Herrlich...
10.12.2007, 13:16 von Kiyan;-)
Klackend?
10.12.2007, 00:16 von the_actressMa gut, dass ich keinen Kirschlikör mag .... ;)
@the_actress Vielleicht Eierlikör? Mit Brause?
10.12.2007, 00:17 von Kiyan;-)
schön geschrieben. schön zu lesen. mein herr.
09.12.2007, 22:29 von iananderson