Streit
Es herrscht Krieg an der Front der zerbrochenen Erwartungen
Kraftlos lassen beide die Hände in ihren Schoß fallen. Die Enttäuschung funkelt aus ihren streitlustigen Augen. Sie setzen an, abwechselnd, ausholend, sie wüten in Erinnerungen, die für jeden anders verletzend empfunden werden. Die Vorwürfe schreien aus ihren heiseren Kehlen, prallen an den getünchten Wänden ab und schlagen mit voller Wucht in das Gesicht und das Herz des anderen. Zu lange haben sie sich in Selbstzweifeln und Feindbildern gesuhlt. Sie können nicht abschließen mit der Vergangenheit, weil die Zukunft zu gegenwärtig ist. Je mehr Hass ihnen entgegenschlägt, desto verhärmter wird der Blick durch tränenüberlaufene Augen. Kein Zurück, kein Voran, kein Ausweg. Stillstand.
Man möchte ja, aber erst, wenn der andere
seinen Deckmantel des Hochmutes öffnet und nackt um Vergebung fleht. Jahrelang
haben sie eingesteckt, nicht reflektiert, zu tief wurde an der emotionalen
Mauer des Selbstschutzes gekratzt. Jetzt wollen sie austeilen – mit voller
Härte und dem Gefühl, überlegen zu sein. Es herrscht Krieg an der Front der
zerbrochenen Erwartungen. Wie Sand rieselt die Hoffnung durch die wutverkrampften
Finger. Die Festung der Anmaßung und Rücksichtslosigkeit beginnt zu bröckeln,
leise, kaum vernehmbar. Angsterfüllt versuchen sie die Steine der
Selbstgerechtigkeit zurückzuschieben, zurück ins Mauerwerk der Geborgenheit.
Mithilfe einer Armee an Speichelleckern haben sie ihre Burg gebaut und nicht
gesehen, dass ein Tor fehlt. Nun sitzen sie in ihrem heimeligen Nest, das mit Strohhalmen
der eigens kreierten Wahrheit ausstaffiert wurde, und wachen wie Harpyien auf
den Türmen, die durch die bittere Realität einzustürzen drohen. Der Blick nach
hinten ist ihnen wichtiger, als der Schritt ins Ungewisse. Daher verharren sie
stunden-, monate-, jahrelang mit wirr verdrehten Köpfen in ihrer Abwehrhaltung und
legen jedes Wort auf die Goldwaage, die aufgrund der Last des Geschehenen
auseinanderzubrechen droht.
Man könnte es ändern, von Neuem beginnen. Eine Festung mit Zugbrücke errichten. Dafür müssten sie aber ihr Nest verlassen, ihre Flügel über die Vergangenheit ausbreiten und verzeihen. Doch ihnen fehlt die Kraft, der Mut, die Rationalität. Also bleiben sie in ihrer warmen bequemen Festung und brennen alles nieder, was sich außerhalb befindet.





Kommentare
Für Mediatoren ist dieser Text interessant - aber dort für die Schublade bestimmt, da er auch Vorwurfshaltungen beinhaltet.
13.09.2012, 10:44 von LudwigMartinUnd diese braucht ein Konflitkpartner gerade nicht.
Er braucht Verständnis und Interesse für die Bedürfnisse hinter den Burgmauern. Verständnis ohne Parteinahme (also keine Speichellecker).
Mediatoren sind dann die, welche die Burgmauern überwinden können.
Kenn ich aus eigener Erfahrung. Bin allerdings Zuschauer und versuche mich als Mittler.... ich hoffe mit Erfolg
08.09.2012, 00:11 von acjs22767Wenn es nicht deinen Geschmack trifft, ist das für mich in Ordnung.
05.09.2012, 12:14 von Bender018Doch leider muss ich dir widersprechen: Es gibt Menschen, die sich so streiten.
Erinnernt mich jedenfalls sehr stark an Episoden aus meinem Leben.
Meine Eigenerfahrung sagt, so streiten Menschen, die sich sehr nahe stehen und die eigentlich viel verbindet.
Das ist ja eigentlich schon eine Grundvoraussetzung, für so viel verletzte Gefühle und Eitelkeiten.
Traurig natürlich, wenn zwischenmenschliche Beziehungen an so einen Punkt kommen, passiert aber leider oft genug.
Um so besser, wenn man dazu keinen persönlichen Bezug herstellen kann.
Ich find den Text richtig gut. Ist für mich auch kein bisschen zu unkonkret, zu methapherig oder pathetisch.
Genau richtig so.
05.09.2012, 15:37 von Pixie_DestructoIch fand's gut geschrieben. Irgendwie auch interessant, einen Text, der quasi ins metapherische "übersetzt" wurde, zu lesen, musste kurz am Ende noch mal nach oben luschern, um was es in echt ging. Ich mochte dieses kurze streitiöse Episödchen.
05.09.2012, 19:44 von topfbluemchen.. genau so könnte man es bei "wikipedia" einstellen. grausam treffend ausformuliert ..
05.09.2012, 11:05 von ilofiMh, für mich sind das auch ein paar sprachliche Bilder und Metaphern zu viel. Verwirrt mich, so dass ich den eigentlichen Inhalt gar nicht recht fassen kann.
Mag deine anderen Texte lieber.
05.09.2012, 09:13 von MarvbaerIch will nie so enden.
04.09.2012, 20:42 von Igel75Deine Worte machen deutlich welch graue, einsame Sackgasse das wäre.
So habt euch doch alle lieb..Mensch, das kann doch nicht so schwer sein ;0)
Leider ist es aber für mache so schwer, oder noch schwerer, sogar unmöglich. Einige, (ich befürchte: viele) werden vermutlich Menschen kennen, auf die die Beschreibung im Text zutrifft.
05.09.2012, 15:08 von CyroIch weiß, mein Kommentar hört sich naiv an.
05.09.2012, 21:19 von Igel75War aber im Grunde als Apell gemeint, nichts schwerer zu machen als es eh schon ist.
Könnte man doch immer Kind sein, da ist Lieben so einfach.
Das klatscht mir so fürchterlich in mein Gesicht. Schön gewaltig geschrieben.
In meinen Kopf bernnen aber auch die Mauern nieder, sowie letztlich auch der Inhalt, da ja keiner flüchten will/kann.
04.09.2012, 20:11 von jetsamSehr treffende Bilder und eine gute Beschreibung dessen, wie sich der verbitterte Streit aufbaut und verfestigt.
04.09.2012, 14:56 von LudwigMartinHey wow!
03.09.2012, 21:32 von SultanineDu beschreibst einfach erschreckend treffend, wie es sich für mich anfühlt zu streiten. Und wie es ist immer wieder vor dieser Entscheidung zu stehen: Alles abfackeln, oder Neudenken, Neubauen, Brücken schlagen? Bravo, ich bin begeistert. Gänsehaut und Tränchen im Auge!
Wunderschöne Worte (und dafür das Herz), keine Frage, aber die sind so gross, dass sie die Sicht auf den Inhalt verbergen, was ich fast ein bisschen schade finde.
03.09.2012, 18:26 von seiduselbst