Bender018 03.09.2012, 10:56 Uhr 25 19

Streit

Es herrscht Krieg an der Front der zerbrochenen Erwartungen

Kraftlos lassen beide die Hände in ihren Schoß fallen. Die Enttäuschung funkelt aus ihren streitlustigen Augen. Sie setzen an, abwechselnd, ausholend, sie wüten in Erinnerungen, die für jeden anders verletzend empfunden werden. Die Vorwürfe schreien aus ihren heiseren Kehlen, prallen an den getünchten Wänden ab und schlagen mit voller Wucht in das Gesicht und das Herz des anderen. Zu lange haben sie sich in Selbstzweifeln und Feindbildern gesuhlt. Sie können nicht abschließen mit der Vergangenheit, weil die Zukunft zu gegenwärtig ist. Je mehr Hass ihnen entgegenschlägt, desto verhärmter wird der Blick durch tränenüberlaufene Augen. Kein Zurück, kein Voran, kein Ausweg. Stillstand.

Man möchte ja, aber erst, wenn der andere seinen Deckmantel des Hochmutes öffnet und nackt um Vergebung fleht. Jahrelang haben sie eingesteckt, nicht reflektiert, zu tief wurde an der emotionalen Mauer des Selbstschutzes gekratzt. Jetzt wollen sie austeilen – mit voller Härte und dem Gefühl, überlegen zu sein. Es herrscht Krieg an der Front der zerbrochenen Erwartungen. Wie Sand rieselt die Hoffnung durch die wutverkrampften Finger. Die Festung der Anmaßung und Rücksichtslosigkeit beginnt zu bröckeln, leise, kaum vernehmbar. Angsterfüllt versuchen sie die Steine der Selbstgerechtigkeit zurückzuschieben, zurück ins Mauerwerk der Geborgenheit.

Mithilfe einer Armee an Speichelleckern haben sie ihre Burg gebaut und nicht gesehen, dass ein Tor fehlt. Nun sitzen sie in ihrem heimeligen Nest, das mit Strohhalmen der eigens kreierten Wahrheit ausstaffiert wurde, und wachen wie Harpyien auf den Türmen, die durch die bittere Realität einzustürzen drohen. Der Blick nach hinten ist ihnen wichtiger, als der Schritt ins Ungewisse. Daher verharren sie stunden-, monate-, jahrelang mit wirr verdrehten Köpfen in ihrer Abwehrhaltung und legen jedes Wort auf die Goldwaage, die aufgrund der Last des Geschehenen auseinanderzubrechen droht.

Man könnte es ändern, von Neuem beginnen. Eine Festung mit Zugbrücke errichten. Dafür müssten sie aber ihr Nest verlassen, ihre Flügel über die Vergangenheit ausbreiten und verzeihen. Doch ihnen fehlt die Kraft, der Mut, die Rationalität. Also bleiben sie in ihrer warmen bequemen Festung und brennen alles nieder, was sich außerhalb befindet.

19

Diesen Text mochten auch

25 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Für Mediatoren ist dieser Text interessant - aber dort für die Schublade bestimmt, da er auch Vorwurfshaltungen beinhaltet.

    Und diese braucht ein Konflitkpartner gerade nicht.

    Er braucht Verständnis und Interesse für die Bedürfnisse hinter den Burgmauern. Verständnis ohne Parteinahme (also keine Speichellecker).

    Mediatoren sind dann die, welche die Burgmauern überwinden können.

    13.09.2012, 10:44 von LudwigMartin
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Kenn ich aus eigener Erfahrung. Bin allerdings Zuschauer und versuche mich als Mittler.... ich hoffe mit Erfolg

    08.09.2012, 00:11 von acjs22767
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Wenn es nicht deinen Geschmack trifft, ist das für mich in Ordnung.

      Doch leider muss ich dir widersprechen: Es gibt Menschen, die sich so streiten.

      05.09.2012, 12:14 von Bender018
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 1

      Erinnernt mich jedenfalls sehr stark an Episoden aus meinem Leben.

       

      Meine Eigenerfahrung sagt, so streiten Menschen, die sich sehr nahe stehen und die eigentlich viel verbindet.

      Das ist ja eigentlich schon eine Grundvoraussetzung, für so viel verletzte Gefühle und Eitelkeiten.

       

      Traurig natürlich, wenn zwischenmenschliche Beziehungen an so einen Punkt kommen, passiert aber leider oft genug.

      Um so besser, wenn man dazu keinen persönlichen Bezug herstellen kann.

       

      Ich find den Text richtig gut. Ist für mich auch kein bisschen zu unkonkret, zu methapherig oder pathetisch.

       

      Genau richtig so.

      05.09.2012, 15:37 von Pixie_Destructo
    • 1

      Ich fand's gut geschrieben. Irgendwie auch interessant, einen Text, der quasi ins metapherische "übersetzt" wurde, zu lesen, musste kurz am Ende noch mal nach oben luschern, um was es in echt ging. Ich mochte dieses kurze streitiöse Episödchen.

      05.09.2012, 19:44 von topfbluemchen
  • 1

    .. genau so könnte man es bei "wikipedia" einstellen. grausam treffend ausformuliert ..

    05.09.2012, 11:05 von ilofi
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Mh, für mich sind das auch ein paar sprachliche Bilder und Metaphern zu viel. Verwirrt mich, so dass ich den eigentlichen Inhalt gar nicht recht fassen kann.


    Mag deine anderen Texte lieber.

    05.09.2012, 09:13 von Marvbaer
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Ich will nie so enden.
    Deine Worte machen deutlich welch graue, einsame Sackgasse das wäre.
    So habt euch doch alle lieb..Mensch, das kann doch nicht so schwer sein ;0)

    04.09.2012, 20:42 von Igel75
    • 0

      05.09.2012, 15:04 von Cyro
    • 2

      Leider ist es aber für mache so schwer, oder noch schwerer,  sogar  unmöglich. Einige, (ich befürchte: viele) werden vermutlich Menschen kennen, auf die die Beschreibung im Text zutrifft. 


      05.09.2012, 15:08 von Cyro
    • 1

      Ich weiß, mein Kommentar hört sich naiv an.
      War aber im Grunde als Apell gemeint, nichts schwerer zu machen als es eh schon ist.
      Könnte man doch immer Kind sein, da ist Lieben so einfach.

      05.09.2012, 21:19 von Igel75
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Das klatscht mir so fürchterlich in mein Gesicht. Schön gewaltig geschrieben.


    In meinen Kopf bernnen aber auch die Mauern nieder, sowie letztlich auch der Inhalt, da ja keiner flüchten will/kann.

    04.09.2012, 20:11 von jetsam
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Sehr treffende Bilder und eine gute Beschreibung dessen, wie sich der verbitterte Streit aufbaut und verfestigt.

    04.09.2012, 14:56 von LudwigMartin
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Hey wow!
    Du beschreibst einfach erschreckend treffend, wie es sich für mich anfühlt zu streiten. Und wie es ist immer wieder vor dieser Entscheidung zu stehen: Alles abfackeln, oder Neudenken, Neubauen, Brücken schlagen? Bravo, ich bin begeistert. Gänsehaut und Tränchen im Auge!

    03.09.2012, 21:32 von Sultanine
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Wunderschöne Worte (und dafür das Herz), keine Frage, aber die sind so gross, dass sie die Sicht auf den Inhalt verbergen, was ich fast ein bisschen schade finde.

    03.09.2012, 18:26 von seiduselbst
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
13. Mai 2013

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android