and-why 30.11.-0001, 00:00 Uhr 23 10

Stolz sein und sich einreihen?

Du wirst gelobt, weil du es weiter gebracht hast als viele andere - mir tust du leid.

Es ist erst ein paar Tage her, seit ich den Artikel im Internet gefunden habe. Er wird angepriesen, als habe er es geschafft, als habe er im Leben alles richtig gemacht. Er wird als Gewinner dargestellt, nur weil er momentan im Führungskreis eines großen deutschen Unternehmens sitzt. Ich sollte stolz auf ihn sein, doch alles, was ich für ihn empfinde, ist Mitleid. Warum wird in diesem Artikel nicht einmal gefragt, welche Einbußen er machen musste, um das zu erreichen? Hat er vielleicht in dem Interview erwähnt, dass er seine Familie opfern musste und sich heute nur noch selten an die Geburtstage seiner Kinder erinnert - von denen seiner Enkelkindern ganz zu schweigen?

Ich bin mittlerweile in einem Alter, in dem ich es verkraften kann, wenn seine Sekretärin ihn mal nicht an meinen Geburstag erinnert und in dem ich die überteuerten Geschenke schmunzelnd als einen verzweifelten Kompensationsversuch annehme. Meinen Kindern aber will ich sowas später nicht antun müssen. In einem Video, das nach einer weiteren Beförderung bei der Abschiedsfeier seiner alten Abteilung gemacht wurde, hat er erwähnt, dass er zurückblickend alles, was er für seinen Job opfern musste, gern geopfert hat.

Es fällt mir schwer, das nicht als Beleidigung aufzufassen. Das Unternehmen steht unter den Top Ten der attraktivsten Arbeitgeber, bietet Studienabsolventen perfekte Einstiegsmöglichkeiten und eine große Zukunft, aber was ist das für eine Zukunft, in der man das komplette Wochenende im Büro verbringt, Urlaube frühzeitig abbricht, den Ehepartner vernachlässigt bis zur Trennung und erst in sechs Monaten einen Termin findet, um sein neues Enkelkind zu sehen? Ist sowas heutzutage attraktiv? Ist das Deutschland? Ihr macht mich krank.

- Cut -

Ich hab mich ertappt. Seit fast vier Jahren studiere ich das gleiche Fach wie mein Vater damals. Auch mein Interesse gilt der gleichen Thematik. Meine größte Angst ist es, in die gleiche karrieregeile Schiene zu geraten und es selbst nichtmal zu merken. Du bist für mich ein Warnschild wie "Rauchen verursacht Krebs." Du tust mir leid.

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23 Antworten

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    Wahre Geschichte: Vater steht Sonntag Morgen in der Küche seines Hauses und kocht Kaffee - seine Dreijährige kommt rein, sieht ihn, rennt zur Mutter und fragt "Mama, wer ist der fremde Mann in der Küche?"

    Für diesen Vater war das ein heilsamer Schock. Er reagierte, indem er seine Wochenarbeitszeit extrem kürzte, damit er auch mal zu Hause sein konnte, wenn die Kleine noch wach war.
    Natürlich war damit dem unaufhaltsamen Aufstieg erstmal ein Ende gesetzt. Aber er hat diese Entscheidung trotzdem nicht bereut.

    20.04.2007, 18:38 von Issues
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    das seh ich genau so. toller text!

    28.03.2007, 20:01 von yesterday
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    vergiss die guten Vorsätze! Entweder Du reihst Dich ein (um es mal auf den Titel Deines Textes zu beziehen) oder Du gehst unter. Es gibt nur Gewinner und Verlierer! Dazwischen ist nichts.
    Ich kann Dir nur raten: Guck nicht nach links und nicht nach rechts, sondern zieh Dein Ding durch, auch wenn andere Sachen auf der Strecke bleiben. Karriere ist gar nicht so schlecht, im Gegenteil: es ist geil und in gewisser Weise sogar erotisch!

    28.03.2007, 13:02 von Haferschleim
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    Ohne harte Arbeit, viel Schweiss und Opfer wuerde ich heute in einer Stadt wohnen die halb so gross und zur haelfte noch in Ruinen laege.

    Ich danke deinem Vater dafuer das er die Deutsche Konjunktur voran treibt, auf dass dieses Land weiter blueht im glanze unsere Glueckes.

    27.03.2007, 05:18 von mr
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    kommt mir von meinem vater auch sehr bekannt vor.aber er hat grade so rechtzeitig umgedreht.nicht alles geopfert was famile und freunde heisst. ohne verluste ist das allerdings nicht gegangen. trotzdem gut.
    wünsch dir, dass das warnschild für dich stehen bleibt. schöner text.

    27.03.2007, 02:53 von Shigatse
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    Das er nach eigenen Angaben alles gerne geopfert hat ist wirklich bitter. Ich frage mich ob so ein Mensch den Titel Vater verdient, Erzeuger erscheint mir da passender. Vielleicht will er aber auch nicht zugeben das sein Erfolg sein größter Fehler war, daß er nichts ist außer dem Chefsessel den er füllt. Hat ihn schonmal jemand gefragt worauf er sich freut wenn sein Arbeitstag zu Ende ist? wo er gerne im Urlaub hinfährt, sofern er welchen macht? welche Pläne er hat wenn er im Ruhestand geht? Vielleicht ist seine Position und die Rolle in der er steckt nur ein Schild um sich vor der Wahrheit zu verstecken. Schau einem "Karrieremenschen" in die Augen, und versuch zu sehen daß er glücklich ist, ich habe das noch bei keinem geschafft. Arbeit kann Spaß machen, aber sie erfüllt nicht das Herz.

    26.03.2007, 23:37 von Spacedog
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    Ja tatsächlich, das kann es nicht sein, nur immer an der Karriere feilen und darüber die eigene Familie vergessen. Wer hätte schon jemals davon gehört, dass jemand auf dem Totenbett gehaucht hätte "Ich hätte doch mehr Zeit im Büro verbringen sollen ..."
    Aber: Reicht das schon als Programm, auf keinen Fall so werden zu wollen wie dein Vater? Aus deinen Worten spricht nicht Mitleid (wie du schreibst), denn anstatt mit ihm (der sicher nicht glücklich ist) zu leiden, verurteilst du ihn. Wie aber sieht dein Gegenentwurf aus? Was fällt die ausser der Alternative "arbeitslos" im Ernst noch ein? Dein Vater ist wie er ist und wird sich nicht ändern, geh' einfach(?) raus in die Welt und mach's besser.

    26.03.2007, 21:10 von pepewe
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    Genau dieses Empfinden macht mich krank.
    Das Gefühl zu bekommen für einen guten Lebenslauf leben und arbeiten zu müssen um später überhaupt einen Arbeitsplatz zu bekommen. So gesehen sagt mein Lebenslauf gerade der Gesellschaft ich bin nicht karriereförderlich und sollte den langweiligsten
    Billigjob bekommen mit einem super geringem Gehalt. Also zur Zeit Scheiß ich drauf , da ich mich persönlich weiterentwickelt habe und ich werde später wohl entweder mit Pauken und Trompeten untergehen oder vielleicht doch glücklich werden, weil ich mich in Nischen quetschen und meine Leidenschaft und Erfahrungen nutzen werde. Und ich werde weiterhin versuchen immer wieder das Leben leben zu wollen und mich auch weiterhin persönlich weiterentwickeln.

    26.03.2007, 17:59 von Santokija
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    "früher wollte ich auch immer erfolgreich sein. doch irgendwann habe ich gemerkt, dass geld nicht alles ist."

    Das Geld nicht alles ist ist klar, aber es kann aller Anfang sein!

    26.03.2007, 17:52 von Ives
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