rupert 02.04.2007, 03:01 Uhr 34 18

Stillleben

Es ist der Morgen des 27. Dezember, an dem ich auf der rechten Seite der Rückbank der Familienlimousine Platz nehme.

Ich setze meine Kopfhörer auf, um die drei Stunden Fahrt in den Norden einigermaßen zu überstehen.

Der 27. Dezember kündet mit wenigen Plusgraden, die von schneidendem Wind in arktische Kälte verwandelt werden, von einem frostigen Winter. Ich bin überrascht, dass es schon früh tagt, weiß aber noch nicht, dass der 27. Dezember überhaupt nicht vor hat, diesen Zustand der Dämmerung jemals zu verlassen.

Der Mund ist offen, Mutter schläft. Vaters Fuß liegt schwer auf dem Gas, Geschwindigkeit jenseits 160, linke Spur. Mir gehört die Musik, das verschmiert-beschlagene Fenster zu meiner Rechten und die einhundert Meter Welt dahinter. Dichter Nebel lässt Landschaften verschwinden und es bleiben die Autobahn, die Leitplanke und der Grünstreifen mit seinen knochigen Bäumen als der kleine Korridor Realität, für den ich in diesem Moment so dankbar bin. Vater deutet wortlos aus dem Fenster. Schnee.

Im Norden wohnen meine Großeltern. Der Wagen muss wie ein Fremdkörper wirken, als er leise durch die Stadt gleitet, deren größte Sehenswürdigkeit das deutsche Panzermuseum ist. Tatsächlich scheint der Ort selbst wie ein Museum. Baustil der 50er Jahre, kleine Häuser, sozialistisch anmutende Wohnblocks, bröckelnder Putz, freiliegendes Mauerwerk, alle Schattierungen von Braun und Grau. Ich muss an Modelleisenbahnen denken. Jene, die man nach Jahrzehnten auf dem Dachboden noch einmal vom Staub befreien will, dann aber aufgeben muss mit der Erkenntnis, dass sich dieser graue Schmutzfilm nie wieder lösen wird.

Auf der Tür eines Stromverteilerkastens hockt ein von Kinderhand gemaltes Eichhörnchen, dessen verblichene Farben noch ein breites Grinsen und ein mittlerweile nur noch zur Hälfte vorhandenes, in den Händen gehaltenes Ortseingangsschild zeigen. Das Kunstwerk auf dem nächsten Kasten scheint jüngeren Datums. Schwarzer Edding auf Hartplastik, ein Kreuz und ein Grab, darin das gleiche Schild von eben: Munster. Zwischen gleichförmigen Häusern schließlich jenes mit der Nummer 13.

Großvater öffnet in Unterhose. Natürlich oliv, die Unterhose, so wie alle Kleidungsstücke. Bundeswehr. Im Kopf ist er da immer noch. Ich habe ihn seit bestimmt sechs Jahren nicht mehr gesehen, davor vielleicht alle zwei Jahre einmal. Als Kind war ich zusammen mit meiner Schwester für eine Woche bei ihnen, meinen Großeltern, und das ist im Grunde genommen schon alles. Meine Eltern haben auch erst seit kurzem wieder regelmäßigen Kontakt mit ihnen, nach den Schlaganfällen. Erst sie, dann er. Weil sie jetzt im Heim lebt, muss er umziehen, wegen der Miete, die viel zu hoch ist. Darum sind wir hier. Planung.

Kurze Zeit später ist Großvater angezogen. Dreckige, olivgrüne Hose und der farbliche passende Bundeswehrstrickpullover mit Lederflicken an Ärmeln und Schultern. Er scheint so viel kleiner und dünner, als ich ihn erinnere. Das einst schwarze Haar ist nun grau und so kurz geschnitten, dass die Kopfhaut durchscheint. Tiefe Falten durchziehen sein Gesicht und es bleibt die schwarze Hornbrille als einzige Erinnerung, wer dieser Mann einmal war.

Wir sitzen im Wohnzimmer. Hier hat sich nichts geändert. Alles ist so, wie bei meinem letzten Besuch. Das mag nun zehn Jahre her sein. Großmutters Dinge liegen unbewegt herum. Auf dem Tisch steht der Verpackungszylinder einer Whiskeyflasche von schottischer Herkunft. Ich versinke in durchgesessenen Polstern und Vater überreicht die Weihnachtsgeschenke. Der Pyjama bleibt eingepackt, doch beim Kümmel grinst Großvater breit, greift dann in den Aschenbecher und zündet den Zigarillostummel ein weiteres Mal an, von dessen Existenz bereits stechender Geruch im Flur zeugte.

Es geht schnell voran, Vater fragt nach Maßen und Menge der zu transportierenden Möbel, notiert das Gesagte in sauber angelegten Listen. Es geht nicht so leicht, das mit dem Sprechen. Mutter wärmt mitgebrachte Suppe auf und die Suche nach passenden Tellern dauert lang, weil Großvater den Platz für das Porzellan nicht kennt. Schließlich dampft es aus schwarzen Näpfen. Ich schlürfe gierig meine Suppe, weil sie den Geruch von Zigarillos milder scheinen lässt und genieße die Wärme, denn Dezemberkälte hat sich in alle Zimmer geschlichen.

Nach dem Essen gehen wir durch alle Zimmer. Mengen abschätzen. Tatsächlich ist die Zeit spurlos an diesem Ort vorbeigegangen. Alles ist so, wie ich es erinnere. Im Flur die Bundeswehrdevotionalien, darunter das Bild Großvaters im Tarnanzug, Befehle erteilend. Neben der Haustür hängt noch immer die Sammlung von Hundeleinen. Die waren für Ben. Ben ist schon lange tot.

In Großvaters Arbeitszimmer hängen Köpfe verschiedener Tiere, die er als Jäger und Angler erlegte. Darunter auch der Hecht, der mir als Kind schlimme Albträume bereitete. Als ich dem Hecht Aug in Aug gegenüberstehe, tritt Großvater heran und sagt, dass er noch gut wisse, wie ich Angst vor dem glubschäugigen Fischkopf hatte. Es ist das erste Mal, das er direkt mit mir spricht.

Durch die ganze Wohnung begleiten uns die gelben Tapeten. Dunkelweiß wäre wohl die treffende Umschreibung, denn weiß waren sie einmal. Jahrzehnte voller Nikotin und ohne Renovierung lassen mich davor schaudern, die Wand mit den Fingern zu berühren.

Zurück im Wohnzimmer berichtet Vater, als er mit notieren fertig ist, von den Unstimmigkeiten unter den Geschwistern. Dabei geht es um Geld, denn noch ist nicht sicher, wie Großmutters Heimaufenthalt wirklich bezahlt werden soll. Es trifft. Ungewollt, aber es trifft. Zum ersten Mal höre ich Großvater jenseits des sonst eher barschen Tonfalls. Es ist ihm alles sehr peinlich.

Großmutters Heim ist eines jener zahllosen Altenheime oder jener Seniorenwohnparks, wie sie in den letzen Jahren überall aus dem Boden gestampft werden. Mutter findet es „schön“ und auch ich habe während meines Zivildienstes deutlich Schlimmeres erlebt. Schön ist aber anders. Gegen Krankenhausfahrstuhl und pflegeleichtes, dunkelblaues Nadelvlies als Bodenbelag kommen auch die selbstgestalteten Fotocollagen nicht an, auf denen Heimbewohner zu sehen sind. Kein Ort zum Leben, kein Ort zum Sterben.

Fast hätte ich sie nicht erkannt. Großmutter wirkt so klein, so zerbrechlich, ja alt. Sehr alt. Eingefallene Wangen, die Augen verschwinden in tiefen Höhlen und die nur langsam nachwachsenden Haare sind so weit entfernt von dieser verruchten Marilyn Monroe Doppelgängerin auf den Schwarzweißbildern der Familienalben. Fast hätte auch sie mich nicht erkannt. Sie spricht mich mit dem Namen meines Vaters an. Ich korrigiere.

Es herrscht betretene Stille als der brüllende Fernseher ausgeschaltet wird. Fünf Menschen wissen nicht, was sie sagen sollen. Schließlich hilft Großvater seiner Frau in den Rollstuhl. Da ist schon ewig nichts mehr zwischen den beiden. Eine Ehe, die wohl das Modellbeispiel für Scheitern ist, die aus Geschiedenen vielleicht glückliche Leute hätte machen können, bei der es aber für Ende und Neuanfang zu spät ist.

Im leeren Speisesaal. Tische zu Sitzgruppen zusammengestellt, manche mit Stühlen davor, andere ohne. Rollstuhlparkplätze. In der Ecke steht ein trauriger Weihnachtsbaum, der, halb braun, bereits die Zweige hängen lässt. Davor liegt eine mattrote Weihnachtskugel auf dem Boden. Großvater befestigt sie. Wir suchen Stühle zusammen, setzen uns. Es ist noch immer seltsam still. Ob man nicht Kuchen bekommen könne, fragt Großmutter eine Pflegerin in scharfem Ton. Kurz darauf setzt ihr die Pflegerin ein Stück Marzipantorte vor, hinter dem sie zu verschwinden scheint. Sie isst. Wir schweigen.

Auf dem Tisch liegen Platzdecken, scheinbar von den Bewohnern selbst gestaltet. Darauf der Name, geschmückt mit Bildern, die aus Zeitschriften stammen. Ich bin „Herr Unbescheid“, mag offenbar Blumen und rote Sportwagen. Scheinbar bin ich ein alter Playboy. Auf Großmutters Platzdecke ist genau ein Bild befestigt, was einen schwarzen Knubbel auf grünem Untergrund zeigt. Ich sehe genauer hin.

„Hey, da ist ja Ben auf deinem Platz.“ „Da war er grad acht Wochen alt.“ Ihre Augen leuchten ein wenig. Dann hören sie wieder auf. Sie bietet mir Kuchen an. Ich entgegne, dass ich grad große Mengen gegessen habe und sie sich ihr Stück bloß weiter schmecken lassen soll. Ob sie mich hört, weiß ich nicht, denn ihr Blick ist auf einmal in die Ferne gerichtet. Direkt durch mich hindurch. Ich sehe weg.

Dann wird sie mit einem Male unruhig. Sagt, dass sie jetzt zurück muss, weil ja Krankengymnastik ist. Außerdem würden wir ja sicher auch nach Hause müssen. Wir sitzen etwa eine Viertelstunde zusammen. Es gibt einiges an hin- und her, bis Großvater im Gespräch mit einer Pflegerin herausfindet, dass Krankengymnastik erst später ist. Großmutter glaubt das erst, als die Krankengymnastin selbst versichert, dass noch eine Stunde Zeit sei.

Ich bin mir nicht sicher, ob es Großmutter gefällt, dass wir beschließen, eine Runde spazieren zu gehen. Ich helfe Großvater dabei, den Rollstuhl mit Decken möglichst Winterfest zu machen. Draußen bleibt es kalt. Vorne schiebt Vater den Rollstuhl durch das Dämmerlicht des 27. Dezember und hinter mir unterhalten sich Mutter und Großvater, der einen viel zu weiten Parka und eine Bundeswehrschirmmütze trägt.

Ein Nazipärchen schiebt uns seinen Kinderwagen entgegen, ein Mann im Trainingsanzug fährt auf einem Fahrrad ein Sechserpack Bier spazieren. Sonst ist hier nichts. Nur Winter. Nur Kalt. Geisterstadt. Ich grabe mich tief in meine Jacke ein. Ich beginne mich zu erinnern. An den Spielplatz, auf dem ich für zwei Mark einen stinkenden Transformer gekauft habe, an die Wiese, auf der wir Ben mal an der Leine führen durften, an den Bach, an dem ich Großvater beim Angeln zusah. In dieser einen Woche Besuch, in der ich Großeltern hatte.

Vater schiebt den Rollstuhl, als sei es ein Einkaufswagen. Außerdem sind seine Hände bereits ganz blau. Sein Protest fällt darum auch schwach aus, als ich anbiete, für ihn zu übernehmen. Die Hände verschwinden sofort in den Taschen.

Großmutter ist unglaublich leicht. Das fällt mir sofort auf, denn ich habe während des Zivildienstes einige Kilo in Rollstühlen bewegt. Es bedarf gar keiner Kraft, sie rollt einfach so. An meinen Zivildienst erinnert mich auch mein Tonfall, als ich mich nach dem Leben im Heim erkundige. Langsam entwickelt sich etwas wie eine Unterhaltung.

Bald weiß ich, dass Weihnachten unglaublich viel gefeiert wurde, dass es eigentlich ganz schön dort ist und dass Herr Unbescheid, ich hatte es bereits gedacht, bei den letzen Tanzbarkeiten die Frau Schimanski angegraben hat. Großmutter fragt nicht nach mir, was ich mache und wie es geht. Dass ich groß geworden bin, findet sie gut und als sie sagt, dass sie froh ist, so schöne Enkel zu haben, weiß ich nichts zu sagen.

Dann erzählt sie noch, wie gut es sei, dass das Heim so nah an ihrer Wohnung liegt und dass sie ja bald nach hause laufen könne, wenn das mit dem Gehen wieder so richtig klappt. Sie weiß nicht, dass sie den Rollstuhl wohl nie wieder für mehr als ein paar Schritte verlassen kann, sie vermutlich den Rest ihres Lebens im Heim verbringt und es bald auch kein Zuhause mehr geben wird.

Insgeheim bin ich froh, als wir wieder auf ihrem Zimmer sind, sie von den vielen Schichten kälteabweisenden Stoffes befreien können und sie sich schließlich wieder in ihr Bett legt. Wir packen gemeinsam noch schnell den lilafarbenen Pyjama aus, den sie so „edel“ findet, dass man ihn ja auch als Pullover tragen kann. Der Fernseher wird wieder angestellt, der Rollstuhl kommt zurück in seine Ecke. Ob sie sich an uns erinnern wird? Ich weiß es nicht. Auf Wiedersehen.

Zurück in Großvaters Wohnung lehnt er noch schnell den Rest Suppe ab. Er habe ohnehin viel zu viel zu essen. Das schaffe er gar nicht allein. Fünf Minuten später kommt er mit nach draußen, weil er noch Brot kaufen muss. Etwas passt nicht zusammen. Auf Wiedersehen. Ich winke noch aus dem Fenster, dann wird der Mann in Oliv langsam kleiner.

Vorbei an Stromverteilerkästen, vorbei an Panzermuseumschildern, dann linke Spur, hundertsechzig, Musik, Nebel und Schnee. Ich schlafe ein."Wichtige Links zu diesem Text"
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34 Antworten

Kommentare

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    Sehr atmosphaerisch, das trifft es wirklich...
    Gefaellt.

    04.05.2007, 05:57 von mezzanine
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    Sehr gut geschrieben; hebt sich qualitativ extrem positiv ab. Aber das weißt Du ja wohl auch selbst.
    Manchmal braucht man es auch aufgezählte Wahrheit zu lesen; fortlaufende Ironie und Witz verursachen in ungesunder Häufung irgendwann ein komisches Gefühl im Magen.

    15.04.2007, 10:40 von barcafan
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    super geschrieben! Wortwahl, Aufteilung alles mal so richtig klasse!

    11.04.2007, 07:50 von on.the.road.again
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    Ein sehr schöner Text. Du hast die Stimmung sehr schön eingefangen und beschrieben. Beklemmend, aber sehr realistisch.

    Ich denke, man sollte sich viel mehr mit diesem Thema befassen, denn schließlich sind es unsere Urgroßeltern, Großeltern, Eltern und irgendwann wir selbst, die mit dem Alter und seinen Auswirkungen leben müssen.

    Große Entfernungen erschweren das "Füreinander-Da-Sein" oft sehr und das Gefühl des "Fremd-Seins" ist völlig normal. Das kommt hier sehr schön zur Sprache.

    Ich drück' die Daumen, dass ihr alles gemeinsam hinbekommt. Als Familie könnt Ihr deinen Großeltern unterstützen.

    10.04.2007, 22:38 von Irony
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    Eeeendloooos ... !

    10.04.2007, 10:21 von Geistesblitz
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    wirklich nen schoen geschriebener text mit netten details...der stoert nur die schriftaesthetik des titels (wofuer du ja nix kannst, diese verfluchten drei l's) und auch ganz leicht die formulierung "sozialistischer Wohnblock", koennen wohnblocks wirklich politisch sein? trotzdem schoenes Ding, gern gelesen!
    Gruss

    09.04.2007, 16:29 von Perspektivsache
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    sorry, dachte der erste kommentar wäre nicht angezeigt worden. naja, nun kannst du nachvollziehen, dass ich ein fan von deinem Schreibstil bin ;-)

    09.04.2007, 15:49 von ellebasi
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