wilsonyourfriend 21.04.2008, 14:32 Uhr 4 5

Sternenkind

Du warst zum Sterben geboren

Wenn ich heute zurückdenke, sehe ich zuerst ihr Gesicht. Sie strahlte und zeitgleich schoben sich diese schwachen Schatten der Unsicherheit über das Leuchten. Sie kam aus dem Bad, den Schwangerschaftstest in der Hand, zaghaft näherte sie sich der Couch. Sie hätte nicht einmal sprechen müssen, ich wusste, dass ich Vater werden würde. Bald. In etwas weniger als neun Monaten.

Ich sehe sie. Immer wieder. Wie sie sich freute. Strahlte. Wenn jemand der Meinung ist, die Welt würde sich erst nach der Geburt eines Kindes ändern, so irrt dieser Mensch. Die eigene Welt ändert sich schon, sobald klar ist, dass man das Kind bekommt. Gemeinsam. Manchmal fühlt es sich an, als wenn kleine Erdbeben neue Landmassen zusammenschieben. Plötzlich gründet man eine Familie. Klischee hin oder her. Da gibt es plötzlich ein „Zu Hause“. Einen Anker. Da gibt es zwei Menschen, die an einem Strang ziehen wollen – für einen dritten Menschen. Plötzlich liest du als Mann Bücher über Kindererziehung, Kinderernährung. Wenn du es anstrengend und nervtötend fandest, mit Frauen shoppen zu gehen, so bekommt auch dieser Umstand eine neue Schlagseite. Du fühlst dich wohl zwischen Kinderzimmermöbeln und Stramplern – du freust dich über jeden Einkauf deiner Freundin. Der Mutter deines Kindes.

Als Mann steht man meist doch hilflos daneben. Da kann man viele Freunde haben, die schon Väter sind. Die es ebenfalls werden. Da kann man viel gelesen haben oder sich angehört haben. Doch in dem Moment, in dem du selbst derjenige bist, den es trifft, der die Worte „Ich bin schwanger“ hört, in diesem Moment bist du ratlos. Etwas hilflos. Freudig gespannt und doch bist du die nächsten Monate Außenstehender. Stiller Beobachter und Helfer. Mehr kann man als werdender Vater, als Mann kaum tun. Außer mit zu den Untersuchungen zu fahren, Hand auf den Bauch zu legen, zu fühlen, Tüten zu tragen und hormonell bedingte Stimmungsschwankungen zu ignorieren.

Blicke ich zurück, sehe ich mich selbst in diesem Hotelzimmer in den Staaten sitzen. Ich hatte mich hingelegt, den Telefonhörer in der Hand und freudig gespannt, die neusten kleinsten Entwicklungen des Wesens, das mein Kind werden sollte, zu hören. Sie sehe ich vor mir in diesem Moment. Alles war gut. Alle Voruntersuchungen waren positiv. Jeder Ultraschall wog uns in Sicherheit.

Bis an diesem Abend, an dem ich dort lag und ihre Stimme zitterte. Sie weinte. Ihr Weinen war wie der ihr Gesicht, das sich damals aus der Badezimmertür gezeigt hatte. Sie musste nichts sagen. Ich wusste es bereits. So wie ich wusste, dass ich Vater werden würde, wusste ich, dass unser Kind nicht mehr lebte. Ich wusste, dass ich nicht zurückfliegen konnte. Noch elend lange zwei Tage in den Staaten bleiben musste.

Ausschabungen sind kein Thema, über das man gerne spricht. Nicht einmal der Frauenarzt tut das gerne. Was wir, sie und ich, erlebten in der Zeit, bis sich eine Klinik fand, ist kaum in Worte zu fassen. Manchmal fühlt es sich so an, als wenn wir auf der Suche nach einem Arzt gewesen wären, der illegal ein Kind abtreibt. Die Eltern müssen sich selbst um eine Klinik kümmern, um einen Termin. Und die Zeit bis dahin überbrücken.

Das musste sie. Zeit überbrücken. Zeit, in der sie wusste, dass sie ein totes Kind in sich trägt. Ihr Kind. Mein Kind. Zeit, in der sich Wut anstaut. Schuld geboren wird statt Hoffnung.

Und als Mann? Steht man immer noch daneben. Betroffen und verletzt. Und doch so machtlos wie sich nur Menschen fühlen können, deren Freiheit ihnen geraubt worden ist. Du hältst die Hand, hältst weiter den Bauch, hältst den Kopf deiner Frau – und kannst doch nicht festhalten, woran du dich selbst so lange geklammert hast.

13 Wochen und 6 Tage. 13 Wochen und 6 Tage Hoffnung. Zeit, in der man sein neues Leben malt. In unendlich viel Farbe taucht und eine neue Zeitrechnung anfängt. 13 Wochen und 6 Tage, die so sehr in schwarz gehüllt werden, dass du keine Hoffnung mehr in dir trägst.

Letztlich malst du einen Stern. Ein Sternenkind. Auf den Grabstein.
Ein Name. Eine Trauerfeier. Und du trauerst um die Hoffnung, um ein Leben, das zum Sterben geboren war.

5

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4 Antworten

Kommentare

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    Puh. Wenn die Worte fehlen, erspart man sich besser einen Kommentar.

    Aber dass die Worte fehlen, zeugt davon, wie nahe dieser Text geht.

    04.05.2008, 17:22 von Songline
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    Ich hätt eigentlich auch eine Schwester...aber auch sie ist ein Sternenkind...

    24.04.2008, 17:48 von arc-en-ciel
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