NieSi 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 0

Stella Polaris

Wenn gar nichts mehr geht, dann gehe ich ans Fenster und sehe zu ihm hoch... Zu dem Stern, der nur für mich leuchtet.

Stille legt sich über die Dächer der Stadt. Draußen ist es seit Stunden dunkel, die Menschen gehen schlafen, Kerzen werden ausgepustet, Licher ausgeschaltet. Alles wirkt friedlich und es kehrt eine angenehme Ruhe ein.
Es ist Mittwoch, es ist schon spät und ich sollte seit Stunden schlafen. Doch im Widerspruch zu der Ruhe, die von überall her ausgestrahlt wird, spielt sich in mir ein endloser Kampf ab. Ich möchte schlafen, alles vergessen, den Kopf abschalten und die Seele baumeln lassen. Doch statt dessen fühle ich mich wie an eine Stromleitung angeschlossen. Es rattert und rattert und es will einfach nicht zum Halt kommen. Gedanken kreisen. Das Gedankenkarussell dreht Rund um Runde und lässt sich nicht mehr kontrollieren.


Ich denke zurück an meine Kindheit- früher habe ich mich heimlich aus dem Zimmer geschlichen und vom Balkon aus ungesehen mit euch fern geschaut, bis mir die Augen zufielen. Das kann ich nun nicht mehr, denn es ist niemand hier, der mir verbietet, einfach den Apparat anzuschalten und mir sinnfreies Zeug anzuschauen. Es hat seinen Reiz verloren. Weil du nicht mehr da bist, um es mir zu verbieten. Weil du nicht mehr da bist, um mir irgendetwas zu verbieten. Weil du nicht mehr da bist, um mich in den Schlaf zu wiegen und mir die Angst zu nehmen. Weil du einfach nicht mehr da bist.


Und weil du auch nicht zurück kehrst. So sehr wir es uns wünschen, du wirst den Weg nicht zurück gehen können. Ja, egal wie sehr wir es uns wünschen und egal, wie sehr du es dir wünscht. Es war "un aller simple" ein "one-way-ticket", eine Einbahnstraße. Ich hasse Einbahnstraßen, das habe ich immer schon getan. Ich mag keine Wege, die ich nur in eine Richtung gehen kann. Wie unsinnig ist es bitte, einen Weg zu gehen, in dem man gefangen ist, gezwungen, immer nur geradeaus zu schauen. Ein Weg, auf dem dir niemand entgegen kommen kann, weil es nun mal nur in eine Richtung geht- weil alle Menschen die gleiche Bewegung machen müssen. Gefangen im Gleichschritt der Gesellschaft, den Blick streng nach vorne gerichtet, ohne die Möglichkeit, sich noch einmal umzudrehen. Was nun, wenn hinter mir ein interessanter Mensch geht, von dem ich viel lernen kann? Ich kann ihn nicht kennenlernen, weil er hinter mir geht und ich mich nicht umdrehen darf. "Das ist doch Verschwendung", denke ich mir...


So liege ich also im Bett und bin bei der lustigen Fahrt im roten Feuerwehrwagen nun also beim Thema Einbahnstraßen gelandet. Ich frage mich einen kurzen Moment, wie ich darauf kam. Und als es mir wieder bewusst wird, ist da wieder dieses Stechen in der Magengegend. Als würde mein Inneres mich dafür bestrafen wollen, dass ich es einen kurzen Moment vergessen - oder vielleicht eher verdrängt habe. Aber es dauert auch nicht lange, da ist es wieder da. Stechend, ziepend, nagend. Das Gefühl der Leere. Die Leere, die du hinterlassen hast, als du dich auf den Weg in die Einbahnstraße gemacht hast. Oder machen musstest. "Ich mag keine Einbahnstraßen!", hast du einmal zu mir gesagt. "Ich auch nicht", war meine Antwort. Und da hast du mir so tief in die Augen gesehen, dass mir die Trauer in den Tiefen deines Brauns fast das Herz und alle Innereien herausgerissen hat. Der eine Blick hat genügt, wie du aus deinem Bett auf mich hochgesehen hast. Er sagte so viel mehr als tausend Worte und machte mir klar, dass du dich nun auf den Weg begibst. In die Einbahnstraße. Die Einbahnstraße, deren Ende wir nicht kennen und doch so sehr fürchten.


Mamchmal liege ich auch im Bett und frage mich, wovor genau wir uns dabei fürchten. Haben wir wirklich Angst davor, dass wir nicht mehr existieren? Haben wir Angst davor, dass es weh tut?

Ich glaube nicht... Ich glaube eher, dass wir uns davor fürchten, vergessen zu werden. Dass wir keine Bedeutung mehr haben, auf dieser Erde, dass wir nichts mehr verändern, dass wir das Leben der Menschen, die wir lieben, nicht mehr prägen können.

Ja, am Meisten fürchten wir uns wohl vor dem "Vergessen werden".
Und als ich so die Lichter der Scheinwerfer auf meiner Zimmerdecke tanzen sehe, denke ich darüber nach, wer mich wohl als erstes vergessen würde. Dabei ist das so absurd. Ich liege im Bett und denke darüber nach, ob wir vergessen werden, wenn wir nicht mehr miteinander leben- und wie komme ich darauf? Weil du mir jeden Tag unendlich fehlst. Weil ich diesen Schmerz in mir fühle, die Sehnsucht, dich wieder in den Arm zu nehmen, mir dir zu sprechen, mich bei dir auszuweinen und von dir getröstet zu werden. Weil mir alles von dir fehlt, jede Faser, jedes Wort und jede Geste. Du fehlst hier. So sehr. Was für ein Schwachsinn, dass man einen Menschen vergessen könnte, den man so sehr geliebt hat. Welch unbegründete Angst, keine Rolle mehr zu spielen für die Menschen, die uns Nahe sind.

Du bist nicht vergessen, denn du strahlst jede Nacht von oben auf uns herab. Unser ganz persönlicher Stella Polaris. Und wenn es ziept und zerrt und quetscht und drückt und das Gefühl hochkommt, dass alles nicht mehr auszuhalten ist- so wie jetzt, wenn ich im Bett liege und einfach nicht zur Ruhe komme. Wenn gar nichts mehr geht, dann gehe ich ans Fenster und sehe zu ihm hoch... Zu dem Stern, der nur für mich leuchtet. Weil er mir Ruhe und Frieden schenkt- und Freude. Weil ich weiß, solange dieser Stern am Himmel leuchtet, bist du nicht vergessen. Du bist immer dort, wenn auch unsichtbar, und gibst uns Halt und Kraft. Und Wärme. Du bist unser Nordstern. Und das wirst du immer bleiben.


Tags: Gedankenkarussell, Verlust, Trauer, Vergessen werden
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Kommentare

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    sehr traurig. gut geschrieben.

    22.01.2015, 16:13 von Lockenmuetzenhirn
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