sonnenfliegerin 30.11.-0001, 00:00 Uhr 11 8

Sinah, *27.02.08, 10.39h

Es sind ihre ersten Minuten auf dieser Welt. Aber Sinah schreit nicht. Sinah atmet nicht. Sie ist ganz blau.

Diese paar Minuten.... die ersten in Sinahs Leben... kommen mir vor, als würden sie in Zeitlupe vergehen. Ich sehe ihre Mutter. Sie liegt erschöpft auf dem Geburtsstuhl. Bleich ist sie, die dunkelblonden Haare hängen ihr strähnig über die Schultern. Die Frauenärzte kümmern sich um ihre Wunden. Ich schaue zu Sinahs Vater. Er steht stumm neben ihrer Mutter. Traut sich nicht, ihre Hand zu nehmen. Er wirkt über. Als wüsste er nicht, wohin in dieser Situation. Was er jetzt tun soll.

Ich schaue wieder zu Sinah... Jetzt läufzt die Zeit wieder normal. Anna, die Kinderärztin hat einen Beatmungsbeutel in der Hand und drückt die Maske auf das mit Käseschmiere verschmierte Gesicht der kleinen Sinah.... Sie schaut mich an "Anne, hol schnell den Oberarzt!!" Ich setze mich in Bewegung, renne über den Flur. In dem Moment kommt es mir total irreal vor, dass Sinah einfach nicht atmet. Der Oberarzt kommt sofort mit mir zurück in den Geburtssaal.

Sinah liegt auf einem gewärmten Tisch. Ihre winzigen Hände sind immernoch blau. Sie gibt keinen Ton von sich. Anna pumpt in hoher Frequenz Luft in ihre Brust. Ein EKG ist angelegt. Ihr Herz rast. Und Marius, der Oberarzt, bereitet die Intubation vor. Legt den Tubus bereit, den Führungsstab und das Instrument, das Laryngoskop genannt wird und mit dem man sich Sicht in der Luftröhre verschafft. Anna nimmt den Beatmungsbeutel von Sinahs Gesicht. Marius schiebt das Laryngoskop in Sinahs Mund, schaut nach ihrer Luftröhre und schiebt den Tubus durch Sinahs Nase in die Luftröhre. Die Abläufe sehen aus wie tausend Mal ausgeführt. Niemand redet unnötig. Alles, was man hört, ist das schnelle Piepsen des Gerätes, das Sinahs Herzschlag aufzeichnet.

Eine Schwester hat ein mobiles Intensivbettchen gebracht. Damit werden wir Sinah gleich in die Kinderklinik bringen. Ich schaue zur Mutter. 25 ist sie. Sinah ist ihr erstes Kind. Ich muss überlegen, dass sie sich 37 Wochen auf Sinah gefreut hat. Dass sie sie in ihrem Bauch gespürt hat. Ob sie ihr wohl Musik vorgespielt hat. Mit ihr geredet hat. Ich denke, dass wohl niemand wirklich nachempfinden kann, wie furchtbar diese Situation für sie sein muss. Wie furchtbar es sein muss, sich darauf zu freuen, die Tochter das erste mal zu spüren und den ersten Schrei zu hören.... Und dann sieht man nur ein Zimmer voller Menschen im weißen Kittel und hört die Tochter kein einziges Mal schreien.
In diesem Moment habe ich einen dicken Kloß im Hals.

Dann bringen wir Sinah im Laufschritt in die Kinderklinik. Dort wird sie an alle Monitore angeschlossen. An die Beatmungsmaschine. Sie bekommt viele Medikamente.

Niemand weiß, wieso sie nicht atmen möchte. Sinah ist ein Termingeborenes. Sie wiegt 3 kg, was ein normales, gesundes Geburtsgewicht ist. Eine wahre Schönheit. Sie hat elfenbeinfarbene Haut und dichte, dunkle, lockige Haare. Ihre kleinen Fäuste sind perfekt. Sie fühlt sich weich und warm an.

In den nächsten Tagen probiert sie es ein paar Mal mit dem atmen. Man sieht es auf dem Monitor, der ihre Atmung überwacht. Leider tut sie das nicht so regelmäßig, dass wir sie extubieren könnten. Aber sie macht Fortschritte. In den ersten Tagen zuckt sie zusammen, wenn man probiert, sie zu streicheln. Mit den Tagen wird sie ruhiger. Und sie lernt nuckeln.

An meinem letzten Tag, den ich auf der Station verbringe, wird sie extubiert, das heißt, sie braucht keine künstliche Beatmung mehr. Ich gehe zu ihr und streichele ihre Händchen. In diesem Moment bin ich froh, dass es die Medizin gibt.
Und ich bin mir sicher, dass Sinah später den Jungs genau so den Kopf verdrehen wird, wie sie das bei mir getan hat. Bin dankbar, dass sie diese Chance bekommt und dass ihr Leben nicht vorbei war, bevor es überhaupt angefangen hat.

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11 Antworten

Kommentare

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    hi, ein schöner text. ich habe das schon oft genug gesehen, aber das so schön in worte zu fassen, würde mir nicht gelingen. liegt es daran, dass ich das schon zu nüchtern sehe?

    29.12.2008, 11:00 von maakae
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    Bin vor 2 Tagen Onkel der kleinen Emma geworden und habe ganz vergessen, dass es nicht Selbstverständlich ist, dass ein frisch geschlüpfter Erdenbürger von selbst atmet...ergreifende Mischung aus fachlichem und emotionalen, aber eigentlich kann man den Text gar nicht als reinen Artikel lesen oder beurteilen...

    03.09.2008, 21:22 von Stockmaster
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    schöner text....aber noch schöner zu lesen das es der kleinen Sinah wohl besser geht.....hatte schon beim Lesen Angst es könnte kein Happy End geben

    03.07.2008, 13:26 von Sambre
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    ohje...ich hoffe doch, dass es ihr bald gut geht

    26.05.2008, 13:25 von lila-punkt
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    Diese Geschichte hatte ein angenehmeres Ende als ich erst dachte... mich berührt so was immer unfassbar, vor allem, wenn es um Kinder geht... und du? Krankenschwester? Hebamme?

    24.04.2008, 13:57 von Dunnagh
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Schöner Text....man kann irgendwie mitfühlen... Atmet sie jetzt selbst? Und woran kann sowas liegen?

    12.03.2008, 17:32 von Aloisia
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      @Aloisia Sehr schöner Text!!Man kann absolut mitfühlen!!Kenne diese Situationen sehr gut hab selbst recht lange im OP gearbeitet!!
      Man kann nur das beste für die Kleine hoffen!!

      14.03.2008, 20:21 von Campino78
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    Da kann man schon ordentlich mitfühlen.
    Ich hoffe, dass alles gut ausgehen wird..

    09.03.2008, 22:46 von Haloperidol
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    besser... aber man weiß immer noch nicht, wieso sie nicht atmet... sie braucht weitere diagnostik

    09.03.2008, 22:04 von sonnenfliegerin
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