wortpiratin 11.11.2008, 22:05 Uhr 29 25

Sheriff meines Herzens

Mein Papi hat Western geliebt und ich mochte die dreckigen Helden der Filme, mochte, dass die Guten und die Bösen leicht auseinander zu halten waren.

Mein Papi hat alte Western geliebt. Und ich fand es wundervoll, sie mit ihm anzuschauen – wie es überhaupt schön war, Dinge nur mit ihm zu teilen. Schon als ich noch recht klein war, begannen mich seine staubigen Cowboystreifen zu faszinieren. So wurden es unsere Western, seine und meine – und gemeinsam haben wir im Lauf der Jahre wohl sämtliche Streifen gesehen, in deren Titel das Wort „Colt“ vorkommt.

Ich mochte die dreckigen Helden der Filme, mochte, dass die Guten und die Bösen hier einfach auseinander zu halten waren. Ich fand es cool, wie die Männer mit wettergegerbten Händen ihre Zigaretten hielten, so, wie ich es auch von meinem Paps kannte. Mir gefiel die Musik der Filme, die immer ein wenig fremd klang. Und ich war fasziniert von der Weite des Landes, in dem die Cowboys umher ritten.

Eines aber beschäftigte mich und ich erinnere mich daran, wie ich das Thema irgendwann aufbrachte, ein wenig unsicher. Denn was mich an den Filmen besonders beeindruckte war, wie selbstverständlich sich diese Männer vor ihre Familie stellten, wenn Gefahr im Verzug war. Wurde auf einen Menschen geschossen den sie liebten, dann sprangen sie mit verzerrtem Gesichtsausdruck und auf eine mir damals noch unverständlich langsame Art und Weise vor den Bedrohten, laut schreiend fingen sie mit ihrem eigenen Körper die Kugeln ab und mussten anschließend - meist qualvoll und stark blutend - sterben. Natürlich nicht, ohne zuvor ein paar letzte liebende Worte gurgelnd aus ihrer Kehle gestoßen zu haben.

Mein Vater erklärte mir damals, es sei selbstverständlich was diese Cowboys taten, sich zu opfern, wenn es um die Menschen geht die man liebt. „Würdest du dich denn auch vor mich stellen wenn jemand auf mich schießt?“ fragte ich ihn damals erstaunt und mein Paps nickte ernsthaft und ohne Zögern. „Na klar. Vor dich, vor die anderen drei, vor deine Mami. Auf jeden Fall.“ Dieses Bild hat mich über die Jahre nicht losgelassen und die Liebe, die es ausdrückte, mich immer berührt.

Als kleines Mädchen habe ich anfangs gleichzeitig darunter gelitten zu wissen, ich könnte dasselbe nicht für ihn tun, für niemanden wollte ich mir Kugeln durch den Körper jagen lassen und so grauenvoll verenden, wie die Cowboyväter in den Filmen, die ich mit meinem sah. Immer wieder erklärte er mir dann geduldig, dass ich das auch nicht musste, denn ich war ja das Kind, von mir wurde kein Heldenmut gefordert. Das zu wissen tat unglaublich wohl und es erwuchs mir eine warme Zuversicht daraus und aus dem Wissen, dass er mich retten würde, jederzeit.

Heute weiß ich, dass er genau das getan hat, über all die Jahre. Als mein Vater zum ersten Mal krank wurde, hatten alle Ärzte erwartet, er würde sterben. Aber er hat sich ins Leben zurückgekämpft, ist bei uns geblieben – und für uns. Sein Überleben all die Jahre ist auch der Willenskraft zu verdanken, die er hatte. Seinem Kampf. Dem Glauben daran, zu überleben und bei seinen Kindern zu bleiben. Weil wir seines Schutzes bedurften.

Wir wären ohne ihn nicht zu den Menschen geworden, die wir heute sind. Denn in all dem Chaos, das über die Jahre immer wieder über uns hereinbrach war er es, der dafür gesorgt hat, dass unsere Herzen weich blieben. Weil er sie gepflegt hat, uns Liebe beigebracht, Vertrauen und Glück.

Manchmal scheint es fast, als habe er den Zeitpunkt seines Todes gewählt, als habe er in der Zeit zwischen dem ersten Infarkt und seinem Tod, schließlich, immer wieder mit Gott verhandelt, ihm immer neu klar gemacht, dass er noch nicht gehen könnte. Er hat seine Hand über unsere Herzen gehalten und ist solange an unserer Seite geblieben, bis wir, seine Kinder, einen Punkt erreicht hatten, an dem wir alleine weiter kommen konnten, ohne ihn, trotz des Schmerzes über den Verlust. Er hätte tausend Jahre später gehen können, doch keinen Tag früher.

In der Nacht bevor er gestorben ist, hat er sich in unsere Träume geschlichen, um uns jedem einen Schutzumhang dazulassen, genäht aus den Fasern seines Herzens. Der soll das Böse von uns fernhalten, nun, wo er an einem anderen Ort ist. Den Umhang kann man natürlich nicht sehen. Aber manchmal, wenn ich ganz aufmerksam bin, spüre ich, wie er sanft über meine Schulter streift. Und fühle mich sicher in seinem Schutz."Wichtige Links zu diesem Text"
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29 Antworten

Kommentare

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    Er hätte tausend Jahre später gehen können, doch keinen Tag früher.-darf ich mal eben weinen? es ist herzschmerz pur.

    26.11.2008, 22:34 von fraumucklas
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    *->--

    25.11.2008, 12:56 von Sofie1983
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    Wundervoll....

    24.11.2008, 12:19 von Mel84
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    so schreibst nur du, hier.

    17.11.2008, 18:43 von touchthesky
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    Ich hatte zum Schluss wirklich Tränen in den Augen..
    Und zu kitischig fand ich den Text auch keineswegs!

    15.11.2008, 12:26 von FraeuleinLuise
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    sehr schön geschrieben mir fehlen die worte...

    14.11.2008, 23:54 von knutschigel
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    Leer.



    12.11.2008, 23:10 von ChloroPhyl
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    wunderschön

    12.11.2008, 22:50 von kino.im.kopf
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    schön...aber nicht so schön wie "club der toten väter". trotzdem weißt du wunderbar auszudrücken, wie die trauer einem das herz bricht.

    12.11.2008, 22:37 von alberich
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    nachvollziehbar....toll geschrieben

    12.11.2008, 21:21 von Ca-Surfer-Dude
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