Seelenstriptease
Ein unverschickter Brief.
Noch einmal atme ich ein und aus, bevor ich durch die Wohnzimmertür gehe. So viele Menschen. Feierstimmung. Ich schicke den Hund vor, so verschaffe ich mir einen kleinen Augenblick Zeit um die Lage zu peilen. Bekannte und vergessene Gesichter. Kaum verändert. Oma sitzt in ihrem Rollstuhl wie auf einem Thron und hält Audienz. Also beuge ich mich dem Zeremoniell und beginne den Spießrutenlauf. Hände schütteln. Vereinzelt ein paar Umarmungen.
Ich bin absichtlich rechts gegangen. Weil du links standest.
Nur kurz habe ich in deine Richtung gesehen.
Du bist viel kleiner als Früher. Oder bin ich größer geworden? Sind es meine hohen Schuhe?
Weißt du, ich habe mich hübsch gemacht für dich. Und mir hilft es, so zu tun, als sei ich Ich selbst.
Hast du mich angesehen, als ich herein gekommen bin?
Ich hätte gern gewusst, was du dachtest. Zu stark geschminkt, vielleicht war meine Kleidung zu eng, für deinen Geschmack. Aber ich habe extra enge Sachen angezogen, damit du sehen kannst, wie viel dünner ich als früher bin. Sogar überlegt meine Haare noch einmal nach zu färben, habe ich.
All die Dinge die du mir früher verboten hast. Die dir jetzt egal sind.
Ich habe uns etwas Zeit gegeben, bis wir uns begrüßen. Habe souverän und erwachsen all die alten Hände geschüttelt. Mein Bofrost-Lächeln aufgesetzt. Das Lächeln, mit dem man einer fremden Person Herzlichkeit vermittelt, um die Situation angenehmer zu machen. Dieses Knopfdruck-Lächeln, das leer ist und trotzdem Sicherheit vermitteln soll. Bei Mama hab ich mir das abgeschaut. Wäre in unserem Haus die Hölle gewesen, sie hätte dem eintretenden Bofrostmann den Himmel herbei gelächelt. Kennst du dieses Lächeln noch?
Ich schaue dich so an, während ich dir wie allen anderen die Hand schüttele, obwohl sich alles in mir dagegen wehrt. Wie fremd du mir bist und wie unnatürlich sich das für mich anfühlt und paradoxerweise fühlt sich diese Fremde so vertraut an. Für dich auch?
Hast du dich auch zu mir hingezogen gefühlt und hat dich auch gleichzeitig die Nähe erdrückt? Die Nähe, die fünfzehn Sekunden dauerte?
Meine Stimme klingt fest als ich Hallo sage, wie bei den anderen 18 Malen in den Minuten zu vor. Noch ein mutiger Blick in deine Augen. Wie mein Lächeln ist er leer. Habe dich gar nicht richtig gesehen.
Hast du das erkannt?
Als ich mich abwende, fängt mein Herz an zu rasen. Deine Hand ist warm und du riechst wie früher. Beruhigend nach Sehnsucht. Du siehst so anders aus. So alt.
Warst du vielleicht ein wenig aufgeregt, als ich auf dich zu kam?
Ich hätte es mir gewünscht und wohl auch, dass du es ein bisschen gezeigt hättest.
Weißt du noch, dass du mit diesem Händeschütteln angefangen hast? Das letzte mal, als wir uns sahen. Das letzte mal nach Jahren? Du gabst mir die Hand und du tatest mir so leid. Hättest du einfach nur "Hallo" gesagt und mich angeschaut, gefragt wie es mir gehe. Du hättest so viel wieder gut gemacht.
Ich muss gestehen, dass ich mich dir überlegen gefühlt habe. Dieses Gefühl hat mich einige Zeit berauscht und mir sehr viel Wut genommen. Es gab mir sehr viel Verständnis für dich, einen Blick dafür, warum du so geworden bist.
Als wir schließlich essen, sitzt du mir gegenüber.
Das wollte ich vermeiden. Du auch?
Es fällt mir so schwer, mich zu unterhalten und in deine Richtung zu sehen.
Noch schwerer fällt es mir, zu essen. Sowieso tut es das, in Gesellschaft.
Wusstest du das?
Hast du meine Händen gesehen, denen es so schwer fiel, das Besteck zu halten. Hast du gemerkt, wie sehr ich kämpfte, langsam zu essen, wie mein Teller nicht leerer wurde?
Hast du gesehen, wie lange ich gegen Ende kauen musste, um nicht zu würgen?
Hast du es gemerkt, als wir das letzte Mal zusammen aßen?
Ich erinnere mich.
Ebenfalls auf einem Geburtstag, du saßt mir auch da gegenüber. Ich bin nur wegen dir länger geblieben. Um dir eine Gelegenheit zu geben, irgendetwas zu mir zu sagen. Irgendetwas, dass mir zeigt, dass ich dir nicht egal bin. Ein kleiner Hinweis, dass du in den 4 Jahren, in denen unsere Leben sich nicht berührt haben, doch mal über mich nachgedacht hast. Dich gefragt hast, was ich tue.
Das erste und einzige, ich werde es niemals vergessen, was du mir dann sagtest, mich fragtest, war, ob mir das Essen schmeckte. Weil du das Buffett ausgesucht hattest. Und ich weiß noch so genau, dass ich auf diese bescheuerte Frage so ausführlich geantwortet habe, um dir zu zeigen, dass ich mich mit dir unterhalten will.
Warum hast du nie gefragt, wie es mir geht?
Hast du Angst vor der Antwort?
Oder interessiert es dich wirklich nicht?
Ich spekuliere zu deinen Gunsten und wünsche mir nur, du hättest von mir Notiz genommen.
Vielleicht hast du auch Angst, dass ich dich zurückweise?
Wie damals, als ich vierzehn war und du mich treffen wolltest?
In einem Eiscafé. Mich überrumpelt hast am Telefon. Wie immer konnte ich nicht Nein sagen.
Auf dem Weg zu dir sprang ich meiner Mutter aus dem fahrenden Auto. Lief einfach davon. Vor dir. Mir. Du riefst mich ein paar mal an, und ich fühlte mich so unendlich schlecht dabei, dich versetzt zu haben und nicht ans Telefon zu gehen. Aber ich hätte deine Gegenwart nicht ertragen. Ich hätte nur geweint und du hättest dann nicht gewusst, was du tun sollst. Vielleicht hättest du mich dann wieder gefragt, ob ich zu dir zurück will, nur damit ich aufhöre, zu weinen. Das hätte nur alles schlimmer gemacht.
Tut es dir weh, wenn ich weine?
Kannst du weinen?
Manchmal wünschte ich, du würdest es um meinetwillen tun. Nur eine Träne in deinem Augenwinkel. Ich würde alle Enttäuschungen vergessen.
Warum muss ich die Verantwortung für uns übernehmen?
Nur allein die wenigen Momente, in denen ich weinte und du mich berührt hast, haben mich wissen lassen, dass du mich magst. Mich mochtest?
Ich war früher so stolz auf dich. Habe zu dir aufgeschaut, ohne zu begreifen, dass dies eine Einbahnstraße war.
Du wolltest mich verletzen.
Mich. Ein Mädchen, welches nicht mal selbst wusste was sie tat, mitten in der Pubertät. Einsam.
Weißt du noch wie es war, als ich bei dir wohnte?
Ich wohnte allein bei dir. In diesem leeren großen Haus, mit diesen dunklen Ecken, vor denen ich mich so fürchtete.
Es war doch so schön am Anfang. Meine Zimmer durfte ich mir aussuchen und ich bekam Möbel und neue Kleider. Das Zimmer war nicht hell, aber groß. Zu groß. In der Mitten dessen, stand der wunderschöne Sessel deines Großvaters. Wenn du dich erinnerst, hab ich ihn nicht hinein gestellt. Aber ich mochte ihn. Bis du ihn einfach ausgetauscht hast. Ohne ein Wort. Ich habe nicht nachgefragt, wo er geblieben ist. Und habe ihn irgendwann in einem der anderen Zimmer gefunden. Du schenktest mir diesen hässlichen Sitzsack zum Geburtstag, ich habe dieses Ding gehasst. Er stand an der Stelle des Sessels. Viel zu klein und in Mitten des Chaos'. Wie ich. Und langsam erkannte ich dann, dass ich deinen Vorstellungen nicht entsprach. Spätestens als eines Tages vom Einkaufen kam und dir stolz mein neues Kleid zeigte. Du schautest nur kurz hoch und fragtest mich, ob ich für dieses Kleid nicht zu dick wäre.
Weißt du, dass mir mein Körper seit diesem Tag fremd ist?
Oh, ich konnte dir nichts entgegensetzen, war süchtig nach deiner Zuneigung.
Und ich bin heute noch süchtig danach, aber da du mir sie nicht gabst, verlaufe ich mich jetzt auf der Suche danach.
Egal was ich tat, du sahst mich nicht.
Du verschenktest, was ich glaubte, zu besitzen.
Du teiltest mir nichts mit. Alles musste ich erfragen.
Weißt du wie demütigend es ist. Sich ständig die Blöße gegeben zu müssen, weil man nicht weiß worüber geredet wird. Weil einen niemand aufklärt, was passiert?
Weißt du wie es ist, fremd in seinem eigenen zu Hause zu sein? Ich denke schon. Zwei mal war ich es, und bin es wieder. Es ist verdammt scheiße, immer wieder nach Hause zu wollen, um festzustellen, dass es Zu Hause nicht gibt.
Weißt du wie es ist, seinen Besitz in Müllsäcken vor der Tür zu finden? Als Kind?
Du hast mich zerbrochen. Einfach so.
Du hast gewusst, wie ich mich fühlte, dass macht mich nur noch trauriger.
Ich glaube, als ich mich nicht mehr meldete, und wusste du würdest es auch nicht tun, da habe ich mich selbst geschützt. Vor dir.
Wie verdreht doch alles ist. Du hast deine Rolle bemerkenswert schlecht gespielt.
Deine Fehler wiederholst du. Mit deiner Gleichgültigkeit zerstörst du meine Schwester noch mehr, als mich.
Und ich wünschte für uns beide, Papa, wir hätten uns nie kennen gelernt.
Wir hätten und so viel Leid erspart.


Kommentare
Ich kann es sehr gut nachfühlen, ich hoffe das Schreiben hat dir beim Verarbeiten geholfen?
08.09.2011, 20:51 von HuelsStattKrefeldWie gut, dass es Freunde gibt. Denn Freunde sind die Familie, die man sich selbst aussuchst. LG
15.07.2011, 00:48 von LudwigMartinDer Text berührt mich. Ich bin seit drei Wochen Vater und wenn ich im Leben irgendwann solch einen Brief bekommen würde, dann wüßte ich, daß ich es verkackt hab. Nichts wäre schlimmer.
So: Ich entschuldige mich im voraus für meinen Kommentar, aber du hast mich zu einem Artikel inspiriert, den ich dir faireshalber gerne hier auch als Kommentar posten werde.
16.06.2011, 10:38 von denkanstosserDer ganz alltägliche Wahnsinn
Eine unvollendete Anklage.
Noch einmal atme ich ein, spüre das Kitzeln der Sauerstoffatome auf meiner pelzigen Zunge, bevor ich durch das Tor gehe. So viele Menschen, soviel Viel. Es schüchtert mich ein, wie fast alles in meinem Leben. Von meiner vollkommenen Unzulänglichkeit und Sinnlosigkeit überzeugt, versuche ich mich zu behaupten in dieser gemeinen und unfreundlichen Welt, die mir immer im ungünstigsten Moment einen Schlag in die Magengrube verpasst.
Da bist du, du Zielpunkt meiner Anklage, stehst da und freust dich des Lebens, obwohl du nicht begriffen hast, dass Leben leiden bedeutet, dass ich leide. Oder weisst du es und lachst mich deshalb heimlich aus? Dabei hatte ich dich doch lieb, bis du mich mit deiner Insensibilität fast getötet hättest. Als du gelacht hast, wenn mir nach Weinen war. Du kannst so grausam sein. Wahrscheinlich ist Ghaddafi ein naher Verwandter von dir. Oder Schäuble.
Es war doch so schön am Anfang. Ich habe all meine hirnrissigen, realitätsfremden und lächerliche Vorstellungen auf dich projiziert und irgendwie geglaubt, dass du all das sein konntest, was ich mir vorstellte. Alle zweieinhalbtausendfünfhundertzweiundsechzig Anforderungen, denen du leider nach kurzer Zeit nicht mehr gewachsen warst. Und irgendwann kam der Tag. Der Tag an dem ich realisierte, dass ich falsch lag. Dass du meinen zweieinhalbtausendfünfhundertzweiundsechzig widersprüchlichen, hirnrissigen Vorstellungen so gar nicht entsprichst und dann war ich beleidigt.
Beleidigt, weil die Welt so gemein ist, dass sie einfach nicht in meine zweieinhalbtausendfünfhundertzweiundsechzig Vorstellungen hineinpasst. Beleidigt, weil das Leben einfach unfair ist. Weil das Leben zulässt, dass Menschen existieren, zu denen ich mich hingezogen fühle, die nicht das sind, was ich auf sie projiziere. Beleidigt von dir, du Schwein, du Arschloch in Menschengestalt. Wie kannst du es nur wagen, nicht so zu sein, wie ich es mir wünsche?
Ich wünschte, ich hätte dich nie kennengelernt. So hätte ich nie erfahren, dass du nicht meine Vorstellungen nicht entsprichst und erinnert worden, dass das Leben gemein und grausam ist.
Wir hätten uns so viel Leid erspart.
@denkanstosser Kind und Brunnen und so...
16.06.2011, 11:15 von sailorDie Frage ist, wie's da wieder rauskommt, nicht die feststellung, das es nicht hätte reinfallen müssen.
Klingt ein bisschen so, wie einem Magersüchtigen zu sagen, er solle doch einfach was essen, die anderen könnten das ja schließlich auch...
Krass! Leider gibt es Menschen wie den Kommentator unter mir ;-)
16.06.2011, 04:30 von aggroali27sehr ergreifend und ich finde auch nicht, dass er zu lang ist, er ist genau richtig! danke dafür, auch wenn ich mich nur reinfühlen, aber nicht nachfühlen kann, weil ich einen tollen papa habe.
14.06.2011, 21:57 von WhereWhenWhyDer Text kommt ehrlich und aufrichtig rüber.
14.06.2011, 19:05 von topfbluemchenEr ist zwar lang, aber kein Brief kann lang genug sein, wenn noch nicht alles, was gesagt werden muss, auch gesagt wurde.
Und ich muss auch sagen, dass ich den Kommentar bzgl. des "tollen Anstosses" sagen wir mal unglücklich formuliert finde.
wunderschön geschrieben...
14.06.2011, 17:29 von LilaKoboldmakiFür das Thema war es höchste Zeit.
Ja Leute, finde ich ja lustig, dass ihr alle denkt ich wollte Spannung erzeugen. Wollte ich nicht.
14.06.2011, 13:33 von Gods_mistakeWie oben steht, es ist ein unverschickter Brief. ;)
Ich denke dass sich die Spannung über die Person die angesprochen wird, in Grenzen hält, für den Empfänger des Briefes.
Ich bin auch nicht dick. Ich habe als 13 Jährige allerdings, nach dem ich bei meinem Vater auszog in einem Monat 6 Kilo abgenommen. War also dann wieder auf normal Gewicht und nicht mehr mopsig.
Vielen Dank für die Kritik. =)
@Gods_mistake Spannend!
14.06.2011, 15:41 von quatzatsehr, sehr toll geschrieben. finde es weder langweilig noch zu lang... auch wenn alsbald klar ist um wen es geht, was kaum kümmert. es ist sehr berührend geschrieben, ich war quasi dabei. danke dafür und alles liebe für dich. M
14.06.2011, 11:00 von black-rose@black-rose Da schliesse ich mich mal an, der Text ist genau so richtig und gut wie er geschrieben ist.
14.06.2011, 13:37 von Cyro@[Benutzer gelöscht] eindeutig einer der dümmsten kommentare, die ich heute hier gelesen hab.
14.06.2011, 15:28 von kaostroete