Schwesterherz und Bruderniere
Sie sind mir inzwischen über den Kopf gewachsen. Aber sie sind immer noch meine kleinen Brüder.
Man sagt, in gewissen Fällen könnten Menschen durch einen Adrenalinschub ungeahnte Kräfte entwickeln. Als zwei Jungs aus unserer Volkschule meinen 6-jährigen Bruder, der nur eine Badehose trug, in einen Abgrund voller Brennnesseln schubsten, ging ich wie eine kleine, 9-jährige Furie auf sie los. Die beiden waren größer und stärker als ich, aber ich hab sie so verprügelt, dass sich nie wieder auch nur irgendjemand aus der Schule getraut hat, meinen Bruder anzufassen. Ich hab ihn dann nach hause getragen, während er geschrieen und geweint hat vor Schmerzen und Scham.
Diese Geschichte erzählt man sich noch heute in meinem Dorf. Diese, und viele andere.
Ich weiß nicht, wie es gewesen wäre allein. Ich will es nicht wissen, die Vorstellung macht mir eine Gänsehaut, innen. Meine Brüder sind so sehr Teil von mir, dass ich ohne sie abgeschnitten wäre von der Welt, vom Himmel, von mir selbst.
Ich war 3 Jahre alt, als unsere kleine Papa-Mama-Kind-Familie Zuwachs bekam. Auf den vielen Fotos sieht man mich, dünn und mit großen blauen Augen, wie ich versuche, das Buddha-Baby, das mein Bruder war, durch die Wohnung zu ziehen. Wie ich ihn umarme und schützend die Hände vor ihn halte, immer. Wenn ich etwas geschenkt bekam, sagte ich Danke. Und dann: Kann mein Bruder auch eins haben? Das war meine Aufgabe. Ich war die Große, die Erfahrene, die Starke. Ich konnte ihm zeigen, was ich schon gelernt hatte vom Leben. Wie man die linke Küchenschublade aufbekommt, ohne dass sie quietscht, damit die Mama nicht hört, dass wir einen Lutscher klauen. Wie man auf den Baum neben unserer Bandenhütte klettert, ohne abzurutschen. Wie man eine Brühe zusammenmischt, die so sehr stinkt, dass die Nachbarin sich fast übergeben muss. Ich war Mieze, und er war Teddy, warum, weiß keiner mehr genau.
Wir waren Draußen-Kinder. Wir wuchsen auf dem Land auf, auf einem kleinen Berg, zwischen einem Wald und vielen Wiesen, einen Bach gab es auch und so viel frische Luft, dass einem schwindlig werden konnte davon. Wir kugelten den Grashang hinunter und konnten unten nicht mehr aufstehen, weil sich alles drehte, die Wolken, die Bäume, die Freunde. Im Sommer hatten wir ein Lagerfeuer im Garten und grillten aufgespießte Würstchen, im Winter bauten wir Iglus, die bis zum Frühling hielten, wenn wir sie vor einer besonders kalten Nacht mit Wasser übergossen.
Wir waren nie allein und einsam schon gar nicht, wir waren ständig unterwegs, wir konnten so viel spielen und uns so viele Streiche ausdenken, dass der Tag zu kurz war dafür – so kurz wie die Kindheit. Und wir haben einander immer gedeckt. Niemals wäre einem von uns beiden ein Wort des Verrats über die Lippen gekommen, wenn der andere etwas angestellt hatte, wir ließen uns beide bestrafen – gemeinsam, dann war es nicht so schlimm. Hinter dem Rücken unserer Eltern grinsten wir uns zu. Die Geschwisterloyalität lag in unserem Blut, weil es dasselbe war, sie wurde besiegelt in dem Moment, in dem wir das erste Mal unsere Hände ineinander legten und ich ihn mit mir führte.
Ich war 11 Jahre alt, als wir noch einen Dritten im Bunde bekamen. Er war unser Nesthäkchen, das für die wilden Abenteuer seiner großen Geschwister ein bisschen zu spät, aber immer noch rechtzeitig kam. Er erbte alles, unser Lego, meine Bücher, ein paar Pullover, unsere Liebe. Er wurde ein altkluges Kind, das ständig so sprach wie wir, ohne etwas davon zu verstehen. Er wollte uns immer zum Lachen bringen und erzählte absurde Geschichten, weil er dachte, ein Witz wäre eine kurze Anekdote, die plötzlich aufhört und keinen Sinn ergibt. Er stolperte fröhlich durch unsere Familie und wurde von uns allen behütet wie der Schlüssel zu einem verborgenen Schatz.
Er war mir so ähnlich, dass mich manchmal in ihm wie in einem Zeitspiegel sah, und zwischen uns entstand eine Verbundenheit, die tiefer geht als jedes Wort. Er nannte mich Schwesterherz und ich ihn Bruderniere, wir gründeten eine Ein-Mann-eine-Frau-Playbackband und sangen zu ganz furchtbaren Liedern, am liebsten zu Udo Jürgens und vor dem Spiegel. Und dann lachten wir, bis uns das Herz wehtat und der Bauch.
Als er in der Schule von ein paar Klassenkameraden angestänkert wurde, weil er klein war und dünn, holte ich ihn ab und drohte ihnen, sie ungespitzt in den Boden zu rammen. Sie kannten mich und meinen Namen aus den Geschichten ihrer großen Brüder, die mir vorauseilten im Dorf, und sie ließen ihn in Ruhe. Die Zeit wiederholte sich, ich war älter geworden und vielleicht auch klüger, aber wenn einer die Hand gegen meinen Bruder erhob, sah ich immer noch weiße Blitze und stellte mich schützend vor ihn. Und dann brauste es durch mich, mein Hirn, mein Herz, das Adrenalin, das mir so ungeahnte Kräfte gab, oder vielleicht war es auch einfach nur die Liebe.
Natürlich stritten wir, wir waren stur und wollten nicht immer teilen. Manchmal flogen die Fetzen und die Beleidigungen, ab und zu auch ein Duplostein oder eine Barbie, aber am Ende stand das Miteinander gegen die anderen immer über dem Gegeneinander. Wir waren eine Bande, unsere Feinde kamen von außen, deshalb mussten wir eine Mauer bilden und dicht beieinander stehen, damit niemand durchkam, nichts und niemals.
Inzwischen ist mein erster Bruder erwachsen und mein zweiter auf dem Weg dorthin. Wir sehen uns nicht mehr so oft wie früher, wir wohnen nicht mehr in unserem Kindheitshaus und vieles, was damals heil war, ist später zerbrochen. Manchmal müssen die beiden sehr cool und unnahbar sein, um die Welt zu verkraften, aber wenn keiner mehr hersieht, umarmen sie mich, für eine Sekunde, einen Moment, der ausreicht, um zu spüren, dass unsere Herzen im Gleichschritt gehen.
Ich weiß nicht, wie es gewesen wäre allein. Und darüber bin ich unendlich froh.
Sie sind beide größer als ich geworden, aber ich bin immer noch ihre große Schwester. Ich habe gelernt, sie loszulassen, damit sie sich blaue Flecken holen können vom Leben, um daran zu reifen. Sie sind mir über den Kopf gewachsen, sie sind stark geworden und unabhängig, und es gab in den letzten Jahren Momente, in denen sie sich vor mich stellten, um mich zu beschützen. Das war ein ungewohntes Gefühl, ein nacktes, unsicheres, aber schönes.
Denn jetzt bin nicht mehr ich es, die die beiden führt. Wir halten uns alle drei an den Händen und gehen gemeinsam.


Kommentare
Das ist echt Wahnsinn, da seit ihr so zu beneiden.
17.12.2009, 10:05 von TaneaToller Text.
Mhhhhhhhhhh, schmeckt nach Kindheit und ganz viel Liebe - da werden Erinnerungen wach!
22.04.2008, 16:39 von Kwenda.Mzurischön. kommt mir irgendwie sehr bekannt vor. hab drei "kleine" brüder...
22.04.2008, 15:17 von palatschinkeEin ganz großer Text.. noch dazu sehr herzwärmend.
02.04.2008, 14:16 von moonlightdancerMein 2 Jahre jüngerer Bruder wurde mal im Kindergartenalter auf dem Spielplatz gebissen. Darauhin bin ich - schon Erstklässler- zu dem "Täter" hin und drohte uhn zu verprügeln, wenn er meinen Bruder noch einmal anfasse^^...
13.03.2008, 03:15 von touchtheskyBrüder sind was tolles.
Genau wie dein Text, Bandenschwester.
Oh, schön! Ich habe nicht immer diese Verbundenheit mit meiner Schwester gespürt - ajedoch jetzt im Erwachsenenalter immer mehr. Wir gehen gemeinsam, nicht immer, jedoch an den seelenrelevanten Momenten.
12.03.2008, 22:32 von chiaramaditaDankeschön für eine Gänsehaut in mir drin =)
Oh Mariki!! Das ist ein ganz wunderschöner Text!! Bei uns ist das genauso ;) Und Gott-sei-dank müssen wir uns nicht vorstellen, wie es ohne die Königskinder wäre ;) Kriegst ne Empfehlung - auch, weil du so scharf bist ;)
12.03.2008, 13:11 von Wolkenschaf