ohkathrina 26.11.2010, 19:59 Uhr 23 33

Schnee - Ein Brief

Ich habe mir die Haare abgeschnitten.Das habe ich gemacht.Ich habe mir die Fußnägel abgeschnitten und die Fingernägel, damit der Dreck meiner Gedanken

keine schwarzen Ränder mehr hinterlässt. Eine schlechte Metapher für eine ziemlich simple Tatsache: Ich bin dreckig.Ich dusche mich kaum. Ich glaube, das liegt an der Arbeit. Zumindest nenne ich die so. Arbeit. Ich gehe nicht wie die anderen Morgens aus einem Haus, nehme einen Bus oder eine Bahn und setze mich auf einen Stuhl zu Menschen, die ich niemals kennen würde, wenn mir nicht jemand Geld dafür geben würde, dass ich dort sitze und Dinge tue, die mir im Grunde egal sind. Das ist ein Klischee, ich weiß. Es könnte mir ja auch Spaß machen, dort zu sitzen. Die Menschen da könnten nett sein. Aber im Grunde, davon bin ich überzeugt, würde ich niemals dahin gehen, wenn dafür nicht eine mindestens vierstellige Zahl auf mein Konto überwiesen würde. Und ich glaube, damit bin ich nicht allein. Ich bin allein. Das habe ich mir so ausgesucht. Das liegt an der Arbeit. Die mache ich zu Hause. Wie geht?s dir?

Weißt du, die anderen haben gesagt, dass du verrückt bist. Ich glaube das auch. Ich habe das schon immer gedacht. Eigentlich haben das alle schon immer gedacht. Alle, außer du. Das ist eigentlich immer so. Manche sagen, dass das zum Verrücktsein sogar irgendwie dazu gehört. Ich nicht. Ich glaube manchmal, dass du sogar ganz genau weißt, dass etwas mit dir nicht stimmt. Ich habe dich beobachtet. Mindestens zehn Jahre lang. Vorher war das etwas schwierig, aber in den zehn Jahren hatte ich viel Zeit dazu. Ich habe dich beim Kochen, beim Schlafen und beim Einkaufen beobachtet. Deinen geduckten Gang kann ich imitieren und sogar deine Unterschrift fälschen. Ich kann reden wie du und weinen wie du und eigentlich kann ich sogar sein wie du. Irgendwann sah ich sogar ein bisschen aus wie du. Deshalb habe ich mir die Haare abgeschnitten. Das ist gelogen. Ich habe das gemacht, weil ich furchtbar wütend war. Wenn ich wütend bin, dann mache ich solche Dinge. Du schweigst dann bloß und kochst irgendwas und weinst in deine Suppe. Wenn du traurig bist, dann gibt es immer saure Suppe. Ekelhaft.

Du schickst mir ständig Briefe, in denen Geld und nichtsagende Zeilen stecken. Das Geld nehme ich heraus, die Zeilen schmeiße ich weg. Manchmal tut mir das leid und manchmal tust du mir leid. Meistens tue ich mir selber leid. Selbstmitleid ist ein mächtiges Gefühl. Du bist sehr gefühlvoll. So gefühlvoll, dass du ständig irgendwie unfähig bist. Andere Menschen haben einen Alltag, eine Arbeit, eine Aufgabe. Du hast Gefühle.

Wir telefonieren nicht mehr sehr oft miteinander. Deine Stimme wird immer leiser und meine immer lauter. Ich höre mich Dinge schreien, die Art Dinge, die man eigentlich lieber leise sagen sollte. Ich schreie das Wetter, ich schreie den Zustand der Wohnung, ich schreie mein leeres Konto und ich schreie meine Depression. Das Wort sage ich nicht. Wir nennen es die Krankheit. Das magst du lieber. Du hast viele Krankheiten. Ich habe nur eine. Früher habe ich manchmal gesagt, dass du das bist. Dass du die Krankheit bist. Das war gemein. Ich war gemein. Das lag nicht an der Arbeit. Das lag an der Unerträglichkeit und daran, dass ich damals noch nichts hatte, das ich vorher nehmen und schlucken konnte. Heute kann ich gehen. Heute kann ich einfach gehen und auflegen. Heute kann ich mich einfach besaufen, bis ich dein Flüstern nicht mehr ertragen muss und bis mein Schreien aufgehört hat. Wie wunderbar einfach manche Dinge werden.

Sie haben mir erzählt, dass sie dich gerne einweisen würden. Du willst das nicht. Ich verstehe das. Ich verstehe das, weil draußen der erste Schnee fällt und bald Weihnachten ist. An Weihnachten bist du gern zu Hause. Im Sommer auch. Im Frühling auch. Und im Herbst musst du dich um den Garten kümmern. Ich verstehe das. Die Flucht nach vorn in den Supermarkt, in den Alltag, in den Keller steht dir besser. Niemand spricht darüber. Du erzählst von deinem Schwindel, von deiner Müdigkeit und von der Frau an der Fleischtheke, die immer soviel redet. Am Abend trinkst du immer zwei Gläser Wein. Eines gegen die Angst und eines gegen die Gewissheit, dass das keinen interessiert. Nicht einmal die Frau an der Fleischtheke.

Früher habe ich mir manchmal gewünscht, dass du irgendwie anders wärst. Dass du auf uns aufgepasst hättest, dass du stark gewesen wärst und stolz und all die Dinge, die das Fernsehen immer über Frauen wie dich sagt. Ich habe mir vorgestellt, wie du uns verteidigst und ich dann in einem Aufsatz schreiben kann, dass du mein erstes Vorbild gewesen bist. Auch, wenn ich nie einen solchen Aufsatz schreiben musste. Das habe ich mir viele Jahre gewünscht. Jetzt weiß ich aber, dass es gut ist, dass du bist, wie du bist. Ich habe viel durch dich gelernt, ja wirklich, danke. Ohne dich hätte ich nicht begriffen, dass ein Menschen sehr lange sterben kann. Auf eine absolut nicht-physische Art. Und deshalb bist du mein Vorbild. Du bist ein Vorbild für all das, was ich nicht werden will und nie sein werde. Dafür sollte ich dir danken. Ich denke, du würdest das aber falsch verstehen. Das würde ich auch. Darin jedenfalls sind wir uns ein wenig ähnlich.

Ich habe mir die Haare abgeschnitten und die Fingernägel auch. Ich habe dir lange auf keinen deiner Briefe geantwortet. Von all dem Geld habe ich mir nie etwas Vernünftiges gekauft. Nur dieses eine Mal. Eine Fahrkarte und eine Reisetasche. Ich werde dich besuchen. Du und ich, wir werden einen Ausflug machen. Sie sagen, dass du verrückt bist und ich sage das auch. Die Klinik liegt nicht weit von dir. Diesen Brief wirst du finden, wenn du zurück bist. Es wird Frühling sein und draußen wird kein Schnee mehr liegen. Und vielleicht zum ersten Mal in dir auch nicht mehr."Wichtige Links zu diesem Text"
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23 Antworten

Kommentare

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    Also ich habe den text vorher schon auf einer anderen seite gelesen...

    03.01.2011, 13:20 von NusssKuss
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      @NusssKuss Irre!

      05.01.2011, 12:23 von ohkathrina
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    trauriger inhalt, schöner text
    gefühlt authentisch
    danke dafür!

    06.12.2010, 04:26 von MissEnContra
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    @sailor (Neon hat wieder falsch sortiert) hab so gelacht, gerade!

    06.12.2010, 03:18 von Lanera
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    Schön geschrieben, gefällt, auch deine Internetseite sieht interessant aus, werde mich gleich mal umsehen.

    05.12.2010, 17:52 von dasm364
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    Wenn sie den Brief im Frühling findet, wird sie gleich in ihren nächsten Winter spazieren.
    So darthvader wär selbst ich nicht. Lustig ist's aber dennoch.

    03.12.2010, 14:59 von Moogle
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      @Moogle Herzlichen Glückwunsch, Sie sind der erste, der es verstanden hat.

      03.12.2010, 15:15 von ohkathrina
    • 0

      @ohkathrina Naja, du hast's einem aber auch nicht wirklich schwer gemacht.
      Zwinkersmiley.
      An alle anderen:
      http://tinyurl.com/3xqv9h7

      03.12.2010, 20:11 von Moogle
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    W O W

    02.12.2010, 19:03 von NoDoubt489
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    Mcih überkommt eine tiefe Traurigkeit.
    Wie sehr ich das nachvollziehen kann, wie gern ich das aber nicht tun würde.

    01.12.2010, 22:46 von Prinzessin_Rabatz
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    Du bist sehr gefühlvoll. So gefühlvoll, dass du ständig irgendwie unfähig bist. Andere Menschen haben einen Alltag, eine Arbeit, eine Aufgabe. Du hast Gefühle.

    Volltreffer!

    Text im allgemeinen auch, aber dieser Satz hat mich echt umgehauen.Sagst halt das, was manche nict ausdruecken koennen in 1, 2 Saetzen!

    30.11.2010, 17:03 von TanteRosa.
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    Ich kann mich mit dem Inhalt des Textes identifizieren. Das ist etwas, daß ich - außer der Kurzgeschichten-Kunst - auf dieser Seite suche.
    Zudem nimmt mich die Sprache des Textes mit in die in ihm beschriebene Welt, was das Lesen noch ergiebiger für mich macht.
    Am Anfang war es etwas schwierig für mich heraus zu finden, ob der Prothagonist eventuell auch beim "Du" von sich selbst spricht, aber ich hatte zuvor schon mal im Blog gestöbert, daher hatte ich die Erkrankung eines Elternteils im Hinterkopf und konnte abwarten, worauf es hinaus läuft.
    Empfehlungen hat die Autorin schon von mir bekommen, aber nicht für diesen Text oder die anderen hier, sondern für ihren Blog und auch nicht im www, sondern bei jenen in meinem Bekanntenkreis, die in ihrer Ausbildung zum Psychotherapeuten stecken oder denen die selbst grad mit Depressionen umgehen lernen.
    Guter Text, sehr gutes Anliegen.

    30.11.2010, 10:48 von MmeKorsakow
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    Jeder Autor hat seine eigene Art zu schreiben.
    Entweder man mag den Stil oder man mag ihn halt nicht. Da gehen die Geschmäcker halt auseinander.
    Wieso muss man das so ewig ausdiskutieren?

    Ich finde ihn hier sehr gut und der Text gefällt mir,
    im Inhaltlichen und im Aufbau! Meiner Meinung nach
    lässt er viel Platz für eigene Interpretationen, was ich
    gut finde.

    Also wieder super gelungener Text- weiter so!

    30.11.2010, 09:36 von galaxxia
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