Sandwich-Kinder
Kunst aus der Mitte
Vor einiger Zeit habe ich gelesen: "Bei Studien über straffällig gewordene Jugendliche wurde ein übermäßig hoher Anteil an Sandwichkindern festgestellt - sie gelten als schwierig."
Sind Mittlere Problemkinder? Ich habe keine Ahnung.
Wenn ich an Frank denke, dann denke ich an Menschen mit Suchtproblemen und an die Kunst, davonzukommen.
Ich weiß von seiner Spielsucht. Je näher ich ihm komme, desto schweigsamer wird Frank, doch ich kenne seine Maske. Sein Äußeres mag ja sicher erscheinen, aber es sind nur Fassaden. Darunter ist er verwirrt, in Furcht und meistens allein. Frank verbirgt sich gern und alles, was mit der Sucht in Verbindung gebracht werden könnte. Gerade deshalb erfindet er Masken, hinter denen er sich verbergen kann. Ich kenne seine ziemlich lässige Fassade, die ihm hilft, etwas vorzutäuschen, die ihn vor dem wissenden Blick schützt, der ihn erkennen würde.
Frank, ich sehe ihn - auch wenn seine Überzeugung wertlos zu sein, in den letzten Jahrzehnten dicke Mauern geschaffen hat. Ich weiß, dass jetzt vieles anders und bestimmt besser geworden ist. Weit weg – mit Suchttherapien, Betreutes Wohnen – nun wieder in einer eigenen Wohnung, mit einem Job, fern der Heimat.
Zum Jahreswechsel habe ich ihn besucht - ein Feuerzeug geklaut und Hilfe dagelassen. Frank ist mein Bruder - und Lebenskünstler.
Wenn ich an Frank denke, dann denke ich an Menschen mit psychischen Erkrankungen und an die Kunst, die ihnen hilft, davonzukommen
Frank war ein fröhliches Kind – wuchs sorglos auf, durchlief eine Lehre erfolgreich als Schornsteinfeger – und dann Wehrpflicht. Frank wurde gemustert und meldete sich zum Grundwehrdienst bei der NVA (Nationale Volksarmee). Dort waren Irritationen vorkalkuliert und Zermürbungen geplant. Psychoterror und methodische Persönlichkeitsausschaltung waren an der Tagesordnung. Wer nicht Zeitzeuge oder nur Zaungast war, für den sind diese Tatsachen schwer vorstellbar – auch für Ehemalige.
Keiner weiß wirklich, wie es passiert ist. Manche Krankheitsgeschichten sind einfach Lebensgeschichten, die sich anschleichen und bleiben. Frank ist still und ein 10-jähriger Junge geworden. Er hat sich selbst verlernt und steckt voller Emotionen, die sich verstecken. Und doch ist er wie ein Spiegelbild. Lächelt, lacht oder ist traurig wie sein Vis-a-Vis.
Frank, ich sehe ihn - nicht stumm, sondern als Künstler – nicht nur innerbildlich. Ich liebe seine Bilder, die ohne Selbstzensur in seiner Therapie entstehen. Ich liebe seine ungefilterten spontanen bildnerischen Werke, die ohne tiefschürfende Interpretationen auskommen. Er lebt mittlerweile im stabilen Alltag, in einer Wohngemeinschaft mit festen Betreuungsstrukturen.
Wir haben uns am letzten Wochenende gesehen. Und ich kaufe jetzt einen neuen Bilderrahmen. Frank ist mein Onkel, lange schon – und Künstler.
Sind Mittlere Problemkinder? Vielleicht.
Die Franks - das ist ganz einfach Familie.


Kommentare
.. lieben dank.
31.01.2011, 09:06 von ilofiich finde deinen Text ganz toll.
28.01.2011, 19:48 von pfefferwatteIch habe keine Geschwister , doch eine Freundin von mir ist ein Sandwitch- Kind .
Ich glaube schon , dass solche es ein wenig schwerer haben .