"Sag doch Mutti!"
Das erste Treffen mit den Eltern des neuen Partners: der erste Eindruck zählt! Aber keine Sorge: Die Herausforderungen sind überschaubar.
Dem Feind muss man in die Augen sehen, heißt es. Nimm es als Liebesbeweis, wenn dein Freund oder deine Freundin dich den Eltern vorstellen will. Aber dir sollte klar sein: Jetzt wird’s ernst. Weil jede Familie ein eigener Kosmos voller Schrulligkeiten und Geheimnisse ist, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass du in einen von vielen Fettnäpfen trittst. Ganz sicher wirst du getestet werden, schließlich bist du ein Eindringling. Was du jetzt können musst: unsichtbare Zeichen lesen. Unausgesprochene Wörter hören. Aber vor allem: Ruhe bewahren. Fragen, die sich stellen: Ist die Herzlichkeit dieser seltsamen Menschen echt? Was hat diese gespenstische Stille zu bedeuten? Wie haben es diese beiden Außerirdischen geschafft, einen so wundervollen Menschen wie deinen Partner großzuziehen? Und: Wird dein Partner auch mal so?
Schon die Begrüßung an der Haustür verrät, ob da ein »Zwangsduzer« vor dir steht oder der Herr Vater ein »Wir-sind-wer«-Fanatiker ist. Mit der NEON- Sofortanalyse bist du gewappnet und findest heraus, wie du sie für dich gewinnen oder in den Wahnsinn treiben kannst. Schlimmer als anstrengende Schwiegereltern ist nur noch: der seltene Glücksgriff mit völlig entspannten Schwiegereltern, mit denen du dich blendend verstehst … und du dann aber irgendwann feststellen musst, dass leider ihr Kind nicht zu dir passt. Aber wie auch immer: Viel Glück!
Typus 1: Alternative Zwangsduzer (weiblich oder männlich)
Begrüßung: »Ich bin die Antje! Jetzt lass dich erst mal drücken!«
Indizien im Haus: Gerahmte Fotos von der Anti-Pershing-Zwo-Demo anno 83. Plötzlich steht Nachbar Sören in der Küche, der Grünen Tee braucht, aber zum Glück einen Schlüssel zur Wohnung hat.
Das musst du wissen: Alternative Zwangsduzer haben meist eine autoritäre Kindheit durchlitten – und wollten beim eigenen Nachwuchs alles besser machen. Also: repressionsfreie Kita, Aufklärung, noch bevor das Kind »Va-gi-na« sagen konnte … und der Entschluss, seinen Kindern ein »Freund« zu sein. Das kriegst du jetzt auch ab! Flugs wirst du eingeweiht in Antjes Reizdarmproblematik und musst zu viel Rotwein trinken. Doch vergiss nie: Ihre Weltanschauung ist zwar betont »easy« – doch genau darin sind sie auch ziemlich verbissen.
So werden sie dich lieben: Spät nachts bei alten Leonard-Cohen-Songs mitsummen. Wenn Antje versunken tanzend die Hüften kreisen lässt: Mitmachen!
So eher nicht: Die Eltern siezen. Und zugeben, dass du Weihnachten liebst, selbst wenn’s kommerziell und christlich ist.
Im schlimmsten Fall erwartet dich: Papa Frieder, der morgens nach dem Duschen nackt durch die Wohnung läuft.
Typus 2: Jammerlappen (männlich und weiblich)
Begrüßung: Erst mal gar keine. Es dauert gut drei Minuten, bis jemand zur Tür geschlurft kommt.
Indizien im Haus: Abgestandener Geruch. Neben Gewürzdöschen
stehen Magentropfen und Baldrian. Überproportional großer Fernseher als Hauptverbindung zur Außenwelt. Gern dunkle Vorhänge.
Das musst du wissen: Die Welt ist schlecht, das Leben mühsam –
und jetzt kommt der unnutze Sohnemann oder das faule Töchterchen
auch noch mit einem Neuen an – also mit dir. Jammerlappen sind schon als eigene Eltern grässlich, doch für Außenstehende kaum zu ertragen. Pessimismus ist ihr Lebenselixier. Sie wollen ausführlich ihre Krampfadernleiden besprechen, die Geldgeilheit der Politiker und den Lärm von Nachbars Gören. Mit viel gutem Willen könntest du sagen: Letztlich wollen sie sich Aufmerksamkeit erjammern. Der gute Wille ist aber weg, sobald sie sich dir und deinem Leben zuwenden: »So, Germanistik studieren Sie. Und was macht
man dann mit so was?«
So werden sie dich lieben: Gar nicht. Sie nörgeln ja auch am eigenen Nachwuchs nur herum.
So eher nicht: Immer konsequent widersprechen: Nachbars Gören müssen sich entfalten dürfen. Politiker verdienen einen Bruchteil von Industriebossen. Und die Krampfaderngeschichte ist lächerlich im Vergleich zu dem, was deine Tante durchmachen musste!
Im schlimmsten Fall erwartet dich: Dass du das Hauptobjekt ihrer
Klagen wirst – weil du ihren Sohn oder ihre Tochter ins Unglück
treibst.
Typus 3: Die Retro-Plaudertasche (fast immer weiblich)
Begrüßung: »Du bist ja der Silvi/dem Tommi vom Kinderturnen wie
aus dem Gesicht geschnitten!«
Indizien im Haus: Der Obstteller ist aus Pappmaché, mit Plaka-Farbe
bemalt (war mal Muttertagsgeschenk). Dein Freund/ deine Freundin heißt plötzlich »Moppel«.
Das musst du wissen: Die Retro-Plaudertasche will nicht kapieren,
dass Tochter oder Sohn erwachsen sind – weil das Kind ihr Lebensinhalt war und sie sich nur über die Mutterrolle definiert hat. Besucht sie euch zu Haus, wird »erst mal richtig durchgeputzt«. Kommt ihr zu den Eltern, gibt’s Hackbällchen und Birnenquark, weil das Moppel doch so gerne isst. Eine Retro-Plaudertasche kann harmlos sein – wenn sie Sohn/Tochter im Alltagsleben in Ruhe lässt. Jedenfalls wirst du immens viel über deinen Partner erfahren, vom Bettnässen bis zu seinem Kuscheltuch, ohne das er noch mit 13 keine Urlaubsreise antreten wollte. Manches hättest du lieber nicht gewusst.
So wird sie dich lieben: Immer schön plaudern lassen. Und bei allen
Kinderfotos überzeugend seufzen: »Oooohhh … niedlich!«
So eher nicht: Ankündigen, dass du Moppel zu einer Südamerika-
Dschungeltour überredet hast. (»Ja aber sie hat doch ihr Asthma!
Und was ist mit dem wehen Knie?«)
Das kann irgendwann kommen: »Sag doch ›Mutti‹ zu mir!«
Typus 4: »Wir sind wer«-Fanatiker (männlich und weiblich)
Begrüßung: »Aha! Kommen Sie rein!«
Indizien im Haus: Gerahmte Familienbilder (»Das ist mein Ururgroßvater aus Pommern«). Erbstücke (Aristoteles-Büste). Das Wohnzimmer heißt »Salon«, auch wenn’s nicht danach aussieht.
Das musst du wissen: Der »Wir sind wer«-Spleen hat nicht unbedingt mit Einkommen oder Doktortiteln zu tun: Ihn gibt’s auch in Musikerfamilien, bei selbstgefälligen Metzgermeistern, verarmten Adligen und Kriegsflüchtlingen, die alles selbst aufbauen mussten. Wie? Du kannst nur den »Flohwalzer« klimpern? Bist Vegetarier? Bürgerlich? Nicht mal ostpreußischer Abstammung? Aus dem Sauerland? Dann solltest du wissen, dass du des Sohnes/der Tochter niemals würdig sein wirst. Aber mach dir nichts draus: Hier sind die Fronten wenigstens klar! Auf beidseitigen Wunsch werdet ihr euch kaum sehen. Ansonsten gilt: Immer schön lächeln – und heimlich den Terrier füttern. Es wird sie rasend machen, wenn der Hund dich anhimmelt!
So werden sie dich lieben: Gar nicht. Außer du krempelst dein Wesen komplett um – und kannst dich dann selbst nicht mehr leiden.
So eher nicht: Der Aristoteles-Büste einen Schnurrbart malen. Oder
das Gästebett ablehnen, das für dich allein im Souterrain aufgestellt
wurde. Sagen, dass du dir Sex im Kinderzimmer deines Partners toll
vorstellst und ihr daran denkt, Kinder aus Afrika zu adoptieren.
Im schlimmsten Fall erwartet dich: Irgendwann ein immenses
Zwangsgeschenk, das dich und deinen Partner zu ewiger Dankbarkeit
verpflichten soll (der Alptraum: ein Baugrundstück/eine Eigentumswohnung
neben dem Elternhaus).
Typus 5: Schenkelklopfer (fast immer männlich)
Begrüßung: »Immer herein, wenn’s kein Schneider ist!«
Indizien im Haus: Witzkalender auf dem Klo (evtl. auf Englisch:
»One joke a day«).
Das musst du wissen: Es ist leicht, mit Schenkelklopfern einen vergnüglich-harmlosen Nachmittag zu verbringen. Oft ist der Spaß
aber nur eine Schutzmauer: Statt auch mal Schwäche zu zeigen, hat
der Schenkelklopfer zu Hause penetrant den Gute-Laune-Bären
markiert. Wahrscheinlich hat dein/e Freund/in nicht ein einziges Mal mit diesem Vater ernsthaft über Leben und Liebe, über Hoffnungen und Enttäuschungen geredet. Es ist nicht deine Sache, das zu ändern. Aber sei ein bisschen milde, wenn der Schenkelklopfer zum dritten Mal fragt, was auf dem Baum sitzt und »Aha!« ruft.
So wird er dich lieben: Ignorieren, wenn die Lachsalven etwas feuchter ausfallen.
So eher nicht: Wenn die Frage nach dem »Baum« und dem »Aha!«-
Rufer kommt, gelangweilt »Ein Uhu mit Sprachfehler« sagen.
Im schlimmsten Fall erwartet dich: Witzfolter – wenn der Schenkelklopfer
gern lustig wäre, es aber kein bisschen ist.






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