missweiss 23.03.2012, 11:27 Uhr 9 4

Roter Samt

So lange konnte ich keinen Rotwein sehen, geschweige denn ihn trinken. Aber jetzt würdest Du immer mich wählen.

Du hast in deinem Büro am Tisch gesessen. Ich war erst gerade wach geworden, rieb mir verschlafen die Augen. Ich blinzelte, weil die Sonne strahlte und dein Arbeitszimmer in eine schöne, herbstliche Vormittagssonne getüncht hatte. Ein Stapel grüner Prüfungsbögen lag links von dir auf dem Tisch, rechts ein kleinerer, den Du bereits abgearbeitet hattest. Konzentriert bist du über dem einen Test gesessen. Und, fast versteckt, stand rechts in der oberen Ecke des Tisches ein kleines, schimmerndes Etwas. Ach ja - der rote Samt. Zu dieser Zeit hattest du schon ein Glas Rotwein auf dem Tisch. Aber ich war zwölf, woher sollte ich wissen was recht und unrecht ist.

Ich begriff was unrecht ist, als der rote Samt mich vertrieben hat. Einmal, da war ich zum Abendessen bei Dir eingeladen. Du hattest nichts eingekauft, aber mir war das egal. Ich wollte mit meinem Papa einen schönen Abend verbringen, da konnte ich auch selbst einkaufen gehen. Du hast für meinen grossen Bruder und mich einen Einkaufszettel geschrieben - auf einem gelben Post-It. Dieses Post-It werde ich niemals vergessen: "Pasta, Pomodori, Salat, Rotwein". Bestimmt hast du auch die Traubensorte aufgeschrieben. Ich habe dir gesagt, ich würde keinen Wein kaufen. Nicht für Dich, das müsstest Du selber machen. Du hast nur gelacht und gesagt, ich solle jetzt mit Lukas einkaufen gehen. Also haben wir uns auf den Weg gemacht - und weisst Du was wir gemacht haben? Wir haben das Post-It unten gefaltet, dort wo "Rotwein" stand. Wir haben alles eingekauft, was wir brauchten. Aber du brauchtest den roten Samt. Wir sind zurückgekommen. Ohne deinen Wein. Du bist die Wände hoch gegangen. Du hast uns nie angefasst, aber ich glaube da warst Du nahe dran. Du hast in deiner Wut deine Jacke geschnappt, uns angeschrien, dass wir den Wein hätten kaufen müssen und bist dann selber losgezogen, um dir eine Flasche zu holen. Als Du zur Tür raus warst, bin ich zusammengebrochen. Ich war vielleicht 14 Jahre alt. Mein grosser Bruder nahm mich zum ersten Mal seit Jahren richtig in den Arm. Die Enttäuschung, die Trauer, die Wut haben mich regelrecht durchgeschüttelt. Und so bin ich dann gegangen. Ich konnte Dich nicht ansehen. Für eine ganze Weile nicht.

Denn in diesem Moment hatte ich begriffen, das mein Vater ein Alkoholproblem hat. Und nicht nur das. Ich wusste, dass es Dir nicht gut ging. Überhaupt nicht gut.

Heute weiss ich, dass der rote Samt dich verändert hat. Du wolltest nicht so sein. Der Alkohol, die Depression, die Manie haben dich dazu gebracht, eine Flasche Rotwein über deine Tochter zu stellen.

Aber jetzt würdest Du immer mich wählen.


Tags: Wein, Depression
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9 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Kenn ich leider sehr gut. Große Scheiße.

    25.05.2012, 17:51 von Plutarch
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  • 1

    Der Anfang wirkt ein bisschen verbissen formuliert, trotzdem ein schöner Text.

    01.05.2012, 21:27 von forst
    • 1

      Vielen Dank :)

      01.05.2012, 22:19 von missweiss
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  • 1

    Berührend.

    01.05.2012, 21:13 von Jackie_Grey
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  • 1

    Sind ehrliche Gefühle und ich find es gut, das du sie mit anderen teilen kannst. Auch wenn es traurige Erinnerungen sind..aber ich kenn das Gefühl das sie einfach auch mal raus müssen. Gut geschrieben..

    22.04.2012, 22:07 von Frauuzi
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  • 0

    Nein, er hat seine Gesundheit gewählt. Sind traurige Erinnerungen, die mal raus mussten. Danke für die Kommentare!

    24.03.2012, 19:08 von missweiss
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  • 1

    "Roter Samt" ist ein viel zu schöner Ausdruck für dieses Teufelszeug in den Händen derer, die damit nicht umgehen können.

    Aber jetzt würdest Du immer mich wählen.
    Klingt sehr traurig. Würde oder hat?

    23.03.2012, 19:34 von Mrs.McH
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  • 1

    Traurig. Gut geschrieben. Leider zu oft Alltag?


    23.03.2012, 18:33 von liselotterie
    • 0

      Danke Dir! War zu oft Alltag. Jetzt zum Glück nicht mehr.

      26.03.2012, 09:44 von missweiss
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