pocket 17.01.2012, 21:49 Uhr 2 3

Rot

"Ich hatte einen Traum“, sagt sie. Sie sitzt mit gegenüber. Erschütternd hässlich sieht sie aus.

„Ich hatte einen Traum“, sagt sie.
Sie sitzt mit gegenüber. Ihr Gesicht, welches sonst scheinbar über dreimal so viele Muskeln wie das eines Normalsterblichen verfügt und eine sagenhafte comicgleiche Mimik erlaubt, ist starr und unbeweglich. Gespenstergleich huschen die Gedanken über diese Maske, hinterlassen graue Schatten und tiefe Furchen in der Haut. Erschütternd hässlich sieht sie aus.

“Ich erwache in Felix Zimmer“, beginnt sie zu erzählen. „Eingerollt liege ich am Boden. Ich muss wohl beim Spielen eingeschlafen sein. Er steht mir abgewandt am Regal. In seinen lässigen Jeans und dem roten Lightning McQueen-Tshirt, dass du ihm zum Geburtstag geschenkt hast.“

Sie ringt sich dabei ein Lächeln ab.

„Fex bemerkt gar nicht, dass ich munter bin. Er lässt zwei Drachen lautstark miteinander kämpfen. Wirft dabei seinen Kopf hin und her und macht diese komischen Geräusche. Sonnenlicht fällt durch das Fenster, ich beobachte die Staubkörner auf den Strahlen tanzend. Alles ist friedlich, ich lächle und strecke mich. In der Bewegung werde ich einer anderen Präsenz gewahr. Jemand ist mit uns im Zimmer. Ich blicke hinter mich.“

Sie blickt zu Boden, fährt sich mit Daumen und Zeigefinger über beide Augen bis die Fingerkuppen an der Nasenwurzel zusammenlaufen. Als würde sie versuchen das Bild abzustreifen. Ihr Gesicht verhärtet sich wieder, zu Boden blickend fährt sie fort.
“Hinter mir liegt er. Lässig auf der Seite, den Kopf in seine Hand gestützt, beobachtet er mich und grinst verschmilzt. Ich liebte dieses Grinsen. Er hat selten so gegrinst, wegen seiner Zähne, du erinnerst dich?“

Ich nicke, habe ebenfalls den Kopf gesenkt. Ich möchte sie nicht ansehen.

„Das Grinsen, also seins, das ist mir so vertraut. Er trägt die weiten Jeans und den Pulli, den ihm mein Bruder geschenkt hat. Er liegt da und beobachtet uns. Blickt mir in die Augen. Ich freue mich ihn zu sehn, zumindest im ersten Moment. Da bricht auch schon die Panik in mir aus. So ganz heftig überflutet sie mich. Felix dreht sich um und lächelt mich an. Er sagt: "Schau der Thomas ist da, und er sagt er bleibt! "
Ich ringe nach Luft, versuche zu lächeln. Ich glaube ich lächle Felix an und blicke mit erstarrter Mimik zu Thomas. In mir brennt es. Thomas nickt und wiederholt: "Ja ich bleibe!"

Ein Teil im mir freut sich. Wollt ich das doch so lange, fällt mir ein.

Ein andrer schreit gellend und rot. Alles ist rot in mir. Ich darf nicht raus, nicht raus hier, ich muss bleiben. Ich möchte Felix nehmen und davon, aber ich kann nicht.
Ich krall mich fest am Korkparkett, der Schmerz unter meinen Fingernägeln färbt mich gelb.“

Sie schüttelt den Kopf. Sieht mich bittend an, blickt wieder zu Boden und seufzt.


“Dann steh ich in der Küche und mach Abendbrot. Ich weiß, ich habe was vergessen, aber es fällt mir nicht ein was es ist. Dieses Wissen um die Wichtigkeit des Vergessenen treibt mich fast in den Wahnsinn, aber ich schneide weiter grüne Petersilie.
Da höre ich Felix. Ich höre ganz dumpf wie er aufjault. Das Messer fällt in Zeitlupe zu Boden. Bevor es aufspringt, fällt es mir wieder ein! Mit jedem Schritt den ich laufe wird mir bewusst was ich vergessen habe. Im Zimmer steht Felix in der Ecke. Thomas kniet vor ihm. Felix schnappt: „Nein, ich will das nicht!“

„Felix hat nun eine Sprache, hörst du!“,brülle ich während ich Thomas am Kragen packe. Ich wirble ihn herum, quer durchs Zimmer. Er sieht mich fassungslos an. Wie ein Furie stürze ich mich auf ihn, schlage mit der Faust in sein Gesicht, will Blut spritzen sehn, Schmerz fühlen. Seinen wie meinen. Alles blau, der Raum füllt sich mit meiner Stimme. „Ich weiß es jetzt!“

Mein „Nie wieder!“, zieht teerartige Schwaden um uns. Ich prügle, aber sie geht durch, die Faust. Da ist kein Widerstand! Sie geht durch sein Gesicht!

Und er blickt mich an.

Und Felix blickt mich an.

Ich schlage mit beiden Fäusten. Egal was ich tu, ich treffe nicht.“

Sie schüttelt fassungslos den Kopf.

“Ich treffe ihn nicht!“ wiederholt sie immer wieder flüsternd.  Ihre Stimme wird immer leiser, bis uns nur mehr der Gedanke anbrüllt.

Ich nehme ihre Hand, sie lässt es geschehen und blickt aus dem Fenster.

„Du hast Klaus eingeladen“ stelle ich fest.„Wann kommt er?“
“In 3 Tagen“, atmet sie.
“Es ist nicht leicht“, höre ich mich flüstern, „aber er ist nicht Thomas!“
Sie nickt und Tränen laufen über unsre Wangen.





Tags: Gewalt, Missbrauch
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2 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ich verstehe nur Bahnhof.

    04.02.2012, 21:46 von justanotherpicture
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  • 0

    dauert schon lange bis du auf den Punkt kommst...

    04.02.2012, 21:29 von Surecamp
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