PUSH IT, PUSH IT TIL I GET IT.
Ich bin die Unterschicht. Klassisch gesehen.
Stamme ich doch aus einer Arbeiterfamilie mit niedrigem Einkommen, niedrigem
Bildungsniveau und mehr Kindern als ernährt werden können. Mein sogenannter Vater rührt in der Nachtschicht dicke Teerklumpen um, aus denen irgendwann hochwertige Autoreifen entsehen sollen und erklärt seinen Schwiegereltern er sei Chemikant weil er sich schämt. Meine Mutter ist laut Gerüchten Arzthelferin, was aber keine Rolle mehr spielt weil sie stirbt. Einfach so. Der besoffene Vater ist nicht in der Lage rechtzeitig den Notarzt zu rufen weil er schwankend durch die Wohnung irrt und jede Rettung kommt zu spät.
Ich spielte mit meinen Brüdern »Mensch-ärger-dich-nicht« und sah Lucky Luke im Fernsehen bei der Nachbarin als meine Mutter die schweren, neunundneunzig Stufen heruntergetragen wird. Ich hab sie oft gezählt. Sie liegt unter schwarzer Plastikfolie. Ich denke noch der Hund ist tot und kümmere mich nicht weiter.
Ich bin acht Jahre alt.
Am nächsten Tag kommt meine Großmutter väterlicherseits und nimmt den kleinsten Bruder mit. Danach habe ich ihn nie wieder gesehen. Alle tragen schwarz und ich singe im Kinderzimmer »I‘ve been looking for freedom« von David Hasselhoff und begreife nichts. Denn wir gehen nicht zur Beerdigung. Die Großmutter verbietet es.
Ich bringe meinen mittleren Bruder in den Kindergarten bevor ich zur Grundschule fahre, hole ihn wieder ab und mache Mittagessen. Paniermehl mit Paprikapulver und Salz auf einem Butterbrot. Mein Vater rennt verwirrt durch die Wohnung und ich weiß nicht ob er vom weinen oder vom saufen dicke Augen hat.
Er schläft viel und immer mit brennender Zigarette und dem Rauschen des Fernsehgerätes ein. Zweimal lösche ich die Tischdecke mit dem Bier was zwischen seinen Knien klemmt.
Ich bin acht Jahre alt.
Zwei Wochen später zieht eine neue Mutter ein. Sie ist achtunzwanzig Jahre alt und Bulemikerin. Sie lüftet und wischt den Staub meiner Mutter vom Sideboard, hängt alle Bilder ab, schmeißt die geliebten Pflanzen auf den Komposthaufen im Hof, kauft eine neue Klobrille und sagt sie wäre jetzt unsere neue
Mutter. Ich gehe regelmäßig zur Schule und bringe meinen Bruder weiter in den Kindergarten. Die neue Mutter schläft und der Vater macht Autoreifen. Ich schreibe das einzige Mal in meinem Leben eine zwei in Mathematik. Mir fehlt ein Punkt zu einer eins. Sieben mal acht gleich sechsundfünfzig. Ich hatte
achtundfünzig geschrieben. Mein Vater ist stolz auf mich und hält mich für ein normales Vater-Tochter-Verhältnis zu lang und zu nah an seinen Körper.
Ich bin acht Jahre alt.
Die neue Mutter kocht bayrisches Essen und hört Schlagermusik. Ich finde sie sieht aus wie Michael Jackson und mag sie nicht. Als sie zu ihrer Familie fährt passiert es das erste Mal. Mein Bruder schläft im Hochbett. Ich liege auf der Matratze auf dem Boden–das Bett war beim toben zerbrochen. Es riecht nach
Zigaretten, Bier, diesen komischen kleinen Schnäpsen und nach Moschus. Im Hintergrund höre ich die aktuelle Stunde auf dem dritten. Als er mir zwischen die Beine fasst erzählt der Moderator von der Ablöse der DDR-Mark durch die D-Mark. Die Geräusche die er macht, finde ich noch unheimlicher als das was er
mit mir macht und ich sorge mich darum ob mein Bruder davon nicht aufwacht. Als er geht ist meine Haut taub und ich singe mich mit dem Schlümpfe-Lied selbst in den Schlaf.
Ich bin acht Jahre alt.
Als die neue Mutter wieder da ist und wir beim Mittagessen sitzen, ist die Stimmung seltsam und ich weiß nicht warum. Als sie einkaufen geht und mein Bruder und ich im Kinderzimmer ein Lied singen das wir immer mit unserer Mutter sangen, kommt mein Vater rein und schlägt mit einem Bambusstock alles
kurz und klein. Ich verstecke meinen fünfjährigen Bruder unter dem Hochbett und gebe ihm noch schnell meine kleine Pflanze in dem roten Topf in die Hand und schiebe den Schreibtisch ins Bett. Da kommt er nicht rein denke ich, renne an ihm vorbei ins Bad und schließe ab. Es dauert einige lange Minuten bis der
Bambusstock bricht und es still wird. Die neue Mutter dreht den Schlüssel im Schloss um und sie schreien sich an. Ich schleiche mich ins Kinderzimmer zu meinem Bruder unter das Hochbett. Dort sitzen wir bis es dunkel ist.
Ich bin acht Jahre alt.
Als er immer öfter in der Nacht zu mir kommt, schiebe ich meine Matratze in die andere Ecke des Zimmers um meinen Bruder zu schützen und lege meine Puppe in den Spalt zwischen Matratze und Wand und beiße ihr regelmäßig in die Hand wenn es weh tut. Die neue Mutter schläft immer oder geht mit ihrem
imaginären Hund spazieren. Nach ungefähr einem Jahr komme ich eines Abends etwas später nach Hause und entdecke meinen Vater auf dem Bett meines sechsjährigen Bruders. Ich springe ihm mit all meiner kindlichen Kraft auf den Rücken und als er mich wütend abgeschüttelt hat schlägt er mir mit der Faust ins Gesicht. Ich falle auf den Hinterkopf und bleibe liegen. Ich höre das Geräusch der Kühlschranktür und das zischen einer Bierflasche. Ich liege mit geschlossenen Augen immer noch auf dem Boden als mein kleiner
Bruder mir einen nassen, kalten Waschlappen auf die linke Wange legt und sich zu mir auf den Boden setzt. Irgendwann schiebt uns die neue Mutter Toastbrot mit Cervelatwurst ins Zimmer und schließt dieTür von aussen ab. Wir erzählen uns flüsternd die Geschichte von Schlaps und Schlumbo bis es hell wird.
Ich bin neun Jahre alt.
Die neue Mutter kauft einen neuen Bambusstock für den Benjamin Ficus um Wohnzimmer. Die einzige Pflanze die sie verschont hat. Ich stehe im Wohnzimmer und mein Vater liegt auf dem Sofa und sagt mir das ich ganz schön dick geworden sei. Ich will das nicht hören und drehe die Musik lauter. Mein kleiner Bruder kommt ins Zimmer und zieht die Augenbrauen zusammen. Als mein Vater aufsteht wissen wir was kommt und das es zu spät ist um uns zu verstecken. Als er denn Bambusstock aus der Erde zieht, fliegen kleine Erdbrocken aus dem Topf auf den gestreiften Teppich und obwohl ich weiss das es weh tun wird, finde ich die fliegende Erde schön. Während er auf uns einschlägt summe ich in meinem Kopf eine Melodie und drücke den meines Bruders schützend in meinen Schoß. Er trifft mein linkes Ohr und es gibt
einen stumpfes Geräusch und ein Pfeifen. Auf dem linken Ohr bin ich ab jetzt fast taub.
Am nächsten Tag fahre ich nicht zur Schule sondern nach dem Kindergarten sofort zu meiner Großmutter aufs Land. Ich erzähle ihr alles. Von Anfang an. Mit all dem Schmerz und meinen Ängsten um meinen Bruder und das ich Hilfe brauche. Sie glaubt mir nicht und schält weiter Rhabarber.
Ich bin neun Jahre alt.
Er hat versucht sich umzubringen. Hat aber nicht funktioniert. Die Ärzte sind da und auch das Jugendamt. Die blauen Flecken und schlecht verheilten Brüche fallen unter den Tische wie Brotkrumen und auch die Untersuchung beim Gesundheitsamt wirkt wie eine lustige Karussellfahrt auf dem Rummel. Nach seinem kurzen Aufenthalt in der Klinik ist er wieder zu Hause und tut das was er immer getan hat. Die Wut in mir wächst auch wenn ich nicht genau weiß woher sie kommt. Ich begreife nicht was da mit mir passiert. Ich mische sein Bier immer mit Schnaps weil ich weiß das er dann schläft. Bei einem Besuch meiner
Großeltern herrscht seltsames Schweigen und in mir eine unbändige Wut auf meine Großmutter. Dort bekomme ich das erste Mal meine Periode. Ich begreife schnell das wenn ich sie gerade habe, lässt er von mir ab. Also habe ich sie im Zweiwochenrhytmus und immer am Wochenende.
Ich bin ja nicht dumm. Das nicht.
Ich bin neun Jahre alt.


Kommentare
Autsch.
13.03.2010, 00:02 von circaviolettKrass.
04.08.2009, 16:07 von jule.thkommentarlose Empfehlung. Aua.
22.05.2009, 13:56 von Ria_ich wollte jetzt eigentlich ins bett gehen. heftig. schockierend. traurig und unfassbar.
22.05.2009, 00:44 von Lisnpuh. starker tobak.
22.05.2009, 00:18 von AnnaEckeAua... Das wird mal wieder ´ne schlechte Nacht.
22.05.2009, 00:16 von SteifschulzScheiße
22.05.2009, 00:07 von frl_smilla