freakyphaqui 03.02.2007, 19:57 Uhr 3 6

Prägende Kindheitserinnerungen

Man sagt ja, dass man sich nur schwer an seine Kindheit erinnern kann, außer an einzelne, prägende Erlebnisse. Eins möchte ich gerne niederschreiben.

Kurze Vorgeschichte.
Ich bin 1987 in Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegovina geboren und war ein glückliches, behütetes Kind aus einer „normalen“ Familie, bis 1992 der Krieg kam. Meine Mama, mein 2-jähriger Bruder, mein Papa und ich lebten drei Monate im Keller unseres Mehrfamilienhauses, bis meine Eltern beschlossen das Land zu verlassen, da mein Bruder Asthma hat und in keinem Kellerloch hausen kann. Außerdem sind die Lebensbedingungen während eines Krieges nicht gerade die Besten. Mit der nächsten Autokolone sollte es losgehen. Alles war organisiert, nur dass es im letzten Augenblick hieß nur Frauen und Kinder, was zur Folge hatte, dass mein Papa zurückbleiben musste. Stattdessen ist in letzter Minute meine Oma eingesprungen.
Vorerst sollten wir in Zagreb, Hauptstadt von Kroatien, bei entfernten Verwandten bleiben, bis unsere Ausreise nach Australien genehmigt und mein Papa ebenfalls in Zagreb angetroffen ist. Im August sollte es soweit sein.
Zwei Tage bevor mein Papa nach Zagreb kommen sollte, spielte ich mit meinem Bruder im Sandkasten der an das Wohnzimmerfenster grenzte. Meine Mama saß im Wohnzimmer, ich kann mich nicht mehr erinnern was sie tat. Meine Oma betrat das Zimmer mit einem Brief in der Hand. Mein Bruder lachte und zerstörte das gebaute Sandkunstwerk. Oma und Mama öffneten den Brief, Mama las und beide fingen das weinen an und nahmen sich in die Arme. Ich sagte zu meinem Bruder: „Der Papa ist bestimmt tot, spiel du weiter, ich frag sie was los ist.“ Ich betrat das Zimmer, sie bemerkten mich nicht. Das Schluchzen klang jämmerlich, voller Trauer und Hilflosigkeit. Sie bemerken mich erst, als ich fragte ob der Papa tot sei. Sie sahen mich verwundert an und beherrschten sich. Einige Augenblicke, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen, standen wir so da. Meine Oma nahm mich in den Arm und sagte, dass das wahr ist. Ich brach in ihren Armen zusammen und weinte, ich konnte mich nicht erinnern jemals so geweint zu haben.
Mein Papa, der mir mit meinen fünf Jahren alles bedeutet hatte, hatte mich verlassen, für immer. Ich wollte und konnte es nicht glauben. Ich schrie meine Mama und Oma verzweifelt an, warum das passieren musste, warum er sterben musste, warum er nicht mit hier ist, warum er nicht mit mir und meinem Bruder im Sandkasten spielt und meinen Bruder schimpft weil er Sand in den Mund nimmt. Als ich mich etwas beruhigt hatte, baten mich Mama und Oma zurück zu meinem Bruder zu gehen, mit ihm zu spielen und mir nichts anmerken zu lassen. Das tat ich auch.
Der Plan von Australien war aufgegeben, da es ohne meinen Vater keinen Sinn machte, sich eine neue Existenz am anderen Ende der Welt aufzubauen. So entschlossen wir uns mit einer Hilfsorganisation für Kriegsflüchtlinge nach Deutschland zu ziehen.
Sommer 1996: Der Krieg war vorbei, unser erster Besuch in der Alten Heimat stand an. Ich war inzwischen neun Jahre alt und ein richtiges Deutsches Mädchen. Ich freute mich sehr auf Bosnien und meine nie vergessene Familie. Und ich freute mich meinen Vater wiederzusehen.
Am dritten Tag unseres Besuchs war es so weit, wir würden das Grab meines Vaters besuchen. Ich freute mich sehr darauf, weil ich überzeugt war, dass er kurz vor der Ankunft hinter einer Ecke hervorspringen und „Überraschung“ rufen würde. Alle paar Sekunden fragte ich, wann wir da seien und umso weniger Zeit er hatte uns zu überraschen, umso stiller wurde ich.
Am Friedhof angekommen folgte ich wiederwillig und mit schweren Schritten meinem Onkel, der uns zum Grab führte. Als ich davor stand und den Namen meines Papas las brach ich zusammen. Ich weinte, ich schrie, ich wälzte mich im Gras. Ich wollte nicht, dass es jemals so endgültig wird und nun war es das. Ich weiß nicht wie lange wir da waren, eine Stunde hieß es im Nachhinein mussten sie mich beruhigen. Ich war am Ende, aber ich musste es akzeptieren.
Zurück in Deutschland plagten mich Alpträume. Ich träumte fast jede Nacht wie mein Vater von Kugeln durchlöchert wird und wachte schreiend auf ohne wieder Schlaf zu finden.
Diesen Alptraum habe ich heute noch hin und wieder, aber ich habe das Schicksal oder wie man es auch immer nennen mag akzeptiert. Mein Gott ist mein Vater zu dem ich bete, wenn ich ihn brauche.

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3 Antworten

Kommentare

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    traurig, so was als kind miterleben zu müssen. wir kommen mal wieder alle zum schluss krieg is blöd!.. und wen interessierts? naja. auf jeden fall schön geschrieben..

    08.04.2008, 18:27 von miralii
    • 0

      @miralii vielen Dank! :)

      11.04.2008, 10:44 von freakyphaqui
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  • 0

    da geb ich stacheligel vollkommen recht.... schlimme sache- mir fehlen gerade auch echt die worte :( ich könnte damit glaube ich nicht fertig werden-
    wünsche dir viel kraft für die zukunft ;)
    grüße

    05.02.2007, 20:50 von butterfly17
    • 0

      @butterfly17 Danke für dein Mitgefühl.
      Es ist schon sehr lange her, aber irgendwie ist es immer präsent!

      05.02.2007, 22:54 von freakyphaqui
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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      @[Benutzer gelöscht] weil sich manche Menschen immer noch einbilden, dass Krieg eine Lösung sei ... *kopfschüttel ... da fällt mir ein schöner Spruch ein: Frieden kostet Mut, Krieg kostet Leben.

      05.02.2007, 22:52 von freakyphaqui

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