eineLeserin 30.11.-0001, 00:00 Uhr 68 26

Philipp

Ich wollte nie neben ihm sitzen. Jetzt ist er tot.

Seit dem Abi habe ich nicht oft an Philipp gedacht. Ich habe die Erinnerung an ihn in eine dunkle Ecke in meinem Kopf gesperrt und dort ist sie auch geblieben. Irgendetwas muss passiert sein, denn jetzt ist die Erinnerung wieder da und geht nicht mehr in ihre Ecke zurück.

Um ehrlich zu sein, habe ich Philipp nie gemocht. Er war sonderbar mit seinem viel zu großen Kopf, den spinnenartigen Händen und dem Kleidergeschmack eines Drittklässlers. Ein bißchen wie ein verrückter Professor sah er aus mit der dicken Brille. Bei sich Zuhause, wo ich selbstverständlich nie gewesen bin, hatte er ein Terrarium voller Kakerlaken. Er wäre sicher Biologe geworden. Ich war froh in der zwölften nur zwei Kurse mit ihm zu haben. Und manchmal, wenn ich bei ihm die Hausaufgaben abgeschrieben habe, die er stets ohne Zögern hergegeben hat, habe ich mir danach die Hände an der Hose abgewischt, weil ich sein Heft angefasst habe. Ich fand das cool damals. Mich mochte ja jeder.

Die genauen Umstände seines Todes sind bis heute nicht geklärt. Bekannt ist, dass Philipp an diesem Abend Besuch von ein paar Jungs hatte. Sie haben ziemlich viel gekifft. Die anderern sind dann irgendwann weitergezogen, aber Philipp wollte nicht mit. Einige Stunden später fällt er aus dem dritten Stock seiner Wohnung und zerschmettert auf dem Asphalt.
Die anschließenden Ermittlungen sprechen eher für einen Unfall und nicht für Selbstmord, aber sicher weiß das bis heute niemand.

Am nächsten Montag in der Schule trägt unser Mathelehrer Philipp als fehlend ins Klassenbuch ein. Manche der Lehrer machen normalen Unterricht, keiner von uns traut sich zu fragen, ob sie wissen, was passiert ist. Ein Referendar geht mit uns einfach spazieren, es tut gut.
Seit der Fünften gab es bei uns in der Klasse immer zwei Philipps. Noch Wochen später hallt in unseren Köpfen die Frage „Welcher?“ nach, wenn der übrig gebliebene Philipp aufgerufen wird. Bis wir uns daran gewöhnt haben, dass es jetzt nur noch einen Philipp gibt.

Die Beerdigung findet an einem sonnigen Frühlingstag statt. Ich gehe hin, um den Eltern meine Anteilnahme auszusprechen, denn Philipp ist ihr einziges Kind gewesen. Als ich der Mutter mein Beileid wünsche, sagt sie: „Dir auch.“ Sie sagt es zu allen von uns.
Während der Priester redet, beginnen einige Mädchen zu weinen, die sich genauso wenig mit ihm befasst haben wie ich. Ich finde es deplatziert. Dann wird in der kleinen Kapelle „I dont’t like mondays“ gespielt. Die Popmusik wirkt absurd in diesem Moment. Es ist vermutlich Philipps Lieblingslied gewesen. Wissen tue ich das natürlich nicht.
Später beim Leichenschmaus bleibt mir der Kuchen, den Philipp‘ Eltern bezahlt haben fast im Halse stecken. Ich bleibe nicht lange.

Monate später finde ich einen Zettel auf dem steht: „Kann der nicht schneller reden. Da geht man ja ein.“ Das hatte ich meiner Banknachbarin geschrieben, als Philipp ein paar Tage vor seinem Tod sein letztes Referat gehalten hat. Ich weiß noch, dass er von seinen Kakerlaken erzählt hat.

Kann ich das mit kindlicher Grausamkeit erklären? Kann ich mich reinwaschen, wenn ich hier aller Welt von meiner Hässlichkeit berichte?
Eigentlich will ich nur sagen: „Philipp, es tut mir leid.“

Aber das nützt ihm nichts mehr.

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68 Antworten

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    schon seltsam, dass einen der tod auf ein moralisches podest oder in die absolute beschämung treiben kann.

    nachfühlbar, aber genauso deplatziert wie das heulen der anderen mädels. wenn es einen in dem moment nicht gequält hat, angenervt von einem kleinen nerd zu sein, warum tut es das nach seinem tod?
    eine komische form von heuchelei, auch wenn das jetzt vielleicht brutal klingt.

    30.10.2008, 18:29 von sophietrauer
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    Äußerst ergreifend.
    Ich bin - überwältigt.
    Und gleichzeitig bestürzt, da ich mir aufgrund des Textes erst einmal meiner eigenen charakterlichen Fehler bewusst werde.

    30.05.2008, 19:57 von ChloroPhyl
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    Dieser Text sollte einigen zu denken geben, weil bei denen wo es noch nicht zu spät ist ,kann man noch vieles ändern - Man sieht ja was dabei heraus kommt.
    .
    .Schöner Schreibstil.

    14.05.2008, 19:26 von sommer_sonne
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    Der Text sollte einigen zu denken geben, weil bei denen wo es noch nicht zu spät ist kann man noch vieles ändern -Man sieht ja was dabei heraus kommt.
    ...Schöner Schreibstil.

    14.05.2008, 19:15 von sommer_sonne
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Ich versteh nicht warum du der Mutter persönlich dein Beileid ausgesprochen hast, wenn du mit ihrem Sohn gar nichts zu tun hattest. Alles andere konnte ich nachvollziehen aber das klang wirklich scheinheilig. Sorry.

    21.03.2008, 23:11 von rolfradolfski
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    Ja. Die Fragen sind auch beide rhetorisch.

    17.03.2008, 18:34 von eineLeserin
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      @eineLeserin Danke für den Text. Er hat mich irgendwie berührt...

      Ich denke jeder von uns kennt so einen Philipp aus der vergangenheit. Und vielleicht hat auch jeder von uns schonmal drüber nachgedacht wie es diesem Phlipp wohl geht und man man früher nicht vielleicht doch etwas gemein war.

      ich finde deinen Text jedenfalls sehr schön und uner zeigt das du dich selbst weiterntwickelt hast. Und ich denke das ist doch schon mehr als manch anderer in seinem leben schafft. :)

      Viel Glück dir

      18.03.2008, 10:18 von deepimpact23
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      @deepimpact23 Zu dem Text möchte ich nichts sagen, weder wie viele hier groß daherschwätzen und die grausame Autorin durch den Kakao ziehen, noch sie trösten für ihr schlechtes Gewissen oder loben für ihren großartig berührenden Text.

      Ich möchte nur allen Philipps dieser Welt sagen, dass ihr es seid, die später Spongebob erfinden, oder Chefs von menschenrechtsverachtenden Ölkonzernen sind.
      Ihr werdet geisteskranke Künstler und eure schmelzenden Butterskulpturen werden Millionen wert sein.
      Jede eurer Freundinnen wird ihren eigenen Ferarri haben und die coolen Mädels von früher werden eure Putzfrauen sein.

      Vielleicht auch nicht, Beamte haben auch kein schlechtes Leben.
      Hauptsache ihr lasst euch nicht stressen von ein paar Arschlöchern, die denken, sie sind was besseres.

      Gruß
      Ein ehemaliger Philipp

      20.03.2008, 14:33 von kamel-o-mat
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    Ich finde, in der zwölften Klasse kann man nicht mehr von "kindlicher Grausamkeit", sondern nur von charakterlicher Unreife sprechen, wenn man einen Mitschüler so behandelt.

    Ich habe selbst Mobbing in der Schule erlebt und festgestellt, dass außer des üblichen "Freak!"-Spielchen auch Neid dabei ist (zum Beispiel auf gute Noten).

    Philipps Tod ist eine Sache, die - unabhängig davon, ob es nun Suizid oder Unfall war - für Deine Klasse und Dich sichtbar machte, wie Ihr einen Menschen behandelt habt, als er noch lebte. Die Narben, die Mobbing auf der Seele der Lebenden hinterlässt, bleiben hingegen meist unsichtbar.

    Deshalb erscheint mir auch unverständlich, wovon Du Dich reinwaschen willst. Wenn er während seiner Schulzeit nicht gestorben wäre, hätte sich später wahrscheinlich keiner aus seiner Klasse bei ihm entschuldigen wollen und er wäre wahrscheinlich noch jahrelang amüsanter Erzählstoff auf Klassentreffen geblieben.

    17.03.2008, 17:38 von Saphira
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    ein toller , ehrlicher und aufrichtiger text von dir. meinen respekt dafuer!

    17.03.2008, 06:55 von ktty
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    Hi,
    ich kann die Reaktion von Philipps Mutter nachvollziehen.
    In Schulen oder allgemein in einem sozialen Umfeld, auch bei Erwachsenen noch, gibt es oft so etwas wie Gruppenzwang: wenn einer etwas macht und der auch noch möglichst cool (oder "hochrangig) ist, dann wollen alle so sein wie derjenige - und machen mit.
    Nicht mögen ist eine Sache, aber denjenigen dann auch noch ausnutzen?
    Es ist furchtbar, wenn man alles dafür tut, nur um sich von den anderen wenigstens mal angenommen, akzeptiert oder respektiert zu fühlen - und sich stattdessen nur mal wieder verarscht vorkommt! Und das von allen. Und wenn man erstmal in so einer Schublade drin ist, ist's oft unheimlich schwer, da überhaupt wieder rauszukommen, manchmal geht es nicht anders als das Umfeld komplett zu verlassen.
    Ich persönlich finde es sehr traurig (und irgendwo auch charakterlich arm), dass so etwas immer noch passiert, dass sich niemand so wirklich angesprochen oder zuständig fühlt, die soziale Verantwortung lieber auf andere abschiebt, der Einfachheit halber ...
    Aber ist der einfachere auch immer der "bessere" Weg?

    LG,

    16.03.2008, 23:16 von die-chrisssi
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