wenicepeach 30.11.-0001, 00:00 Uhr 3 16

Peter

Was wir immer bei uns tragen.

Sie denkt oft an ihn. Immer wenn sie in den Spiegel sieht, ist er auch da. Es sind vor allem seine Augen.

Sie lächelt, denn sie erinnert sich noch genau.

Er hat meistens geschlafen, wenn sie nachmittags kam. Er konnte nachts nicht schlafen, hatte ihre Mutter ihr erzählt. Er fürchtete sich vor der Dunkelheit. Angstzustände wegen der Erinnerungen an Früher. An die dunkle Zeit, über die er nicht mehr sprechen darf, wenn sie bei ihm ist. Er soll ihr keine Angst einjagen, haben die anderen Erwachsenen dann immer gesagt.

Ihm jagt es Angst ein. Seine Augen verraten es manchmal. Es muss hart sein für ihn.

Dann steht er auf, die staubige Wolldecke noch um die Schultern, das Haar wirr im Gesicht. Die Hosenträger schlackern in den Kniekehlen und er kämpft mit seinen Hörgeräten. Er sinkt wieder zurück in das Sofa, die drei Schritte zum Schreibtisch haben ihn angestrengt. Er legt den Kopf zurück und lacht leise. Verlegen. Sie liebt sein Lachen. Seinen Geruch. Seine schlackernden Hosenträger.

Sie setzt sich neben ihn, er lacht wieder, legt ihr den Arm um die Schulter und fängt direkt an, zu erzählen. Von damals in Flensburg. Vom dicken Nachbarsjungen. Davon erzählt er gern. Davon darf er erzählen. In seinem norddeutschen Dialekt.

Er ist ein unsicherer Mensch. Sie sind sich sehr ähnlich, findet sie.

Er hat auch immer viel von sich und seiner Frau erzählt. Wie sie sich kennen gelernt haben. Von der Hochzeit. Über sechzig Jahre sind sie verheiratet. Auch wenn es nicht immer einfach war - Die Blicke, die sie sich zuwerfen, sprechen für sich. Es braucht keine Worte zwischen den Beiden. Eine Woche hat seine Frau es später ohne ihn ausgehalten. In der zweiten Woche ist sie einfach eingeschlafen. Dann ist sie ihm gefolgt. 

An einem Sonntagmorgen kommt der Anruf. Ein paar Jahre waren vergangen, sie hatte ihn nicht mehr so oft besucht. Aber vor zwei Wochen war sie noch dagewesen. Sie kann sich noch genau erinnern. Er sitzt in seinem Sessel. Die staubige Wolldecke über seinen Beinen. Er freut sich, als er sie sieht. Sie scherzen und lachen, und sie bemerkt nicht die Tränen in den Augen seiner Frau.

Als sie los muss, gibt sie ihm einen Kuss auf die Stirn und umarmt ihn fest. Er lächelt verlegen und nimmt ihre Hand. Und sie erinnert sich noch genau an seine Worte.

„Wer sind Sie nochmal?“


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3 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Sehr viel Liebe zwischen den Zeilen. 

    16.04.2013, 21:40 von Sommerregen03
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  • 1

    toll erzählt..ohne viel brimborium..klasse!

    15.04.2013, 13:34 von glitzerlimette
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