Papa
Ich habe versucht über meinen Vater zu schreiben. Ich weiß nicht ob ich alles rausgeholt hab, aber ich denke ich hab ihn gut getroffen.
"Klugscheißer!" Mein Vater nannte mich gerade wirklich Klugscheißer. Warum weiß ich nicht mehr. Ich war vielleicht vier Jahre alt. Er hatte es nicht etwa nett gesagt, er hatte es so gesagt, dass man sich schämt, für dass was man gerade gesagt hat.
Elf Jahre später sitze ich auf Hendricks Moped. Ich klammerte mich wie eine Verrückte an ihn und flehte ihn an bitte langsamer zu fahren. "Becci, alles ist gut, ich fahr doch nur dreißig!" Papa hatte mich früher auf seiner Maschine in den Kindergarten gefahren oder wir haben auf ihr einen Ausflug gemacht, natürlich nur wenn er mußte. Er fuhr dabei immer wie die letzte Sau und ich bin hintendrauf fast gestorben.
Das ihm egal war welche Höllenqualen ich durchlitt, während er fröhlich durch die gegend raste war, lag daran dass er mich nie wollte. Wir strengten uns nicht an um Bestätigung des anderen zu bekommen. Es machte mir nichts aus dass er nur manchmal bei uns schlief. Ich kannte es ja nicht anders. Ich beneidete nur manchmal die anderen Kinder um ihren Papa.
Ich denke auch dass diese Kinder eventuell bessere Menschen sind. Also ich bin schon ein krass guter Mensch, jedoch ist es schwer Gefühle zu zeigen, wenn man es als Kind nie gesehen hat. Denn wieviel Vertrauen kann man haben, wenn der wichtigste Mann einen schon verlassen hat, noch bevor man auf der Welt ist?
Dann veränderte sich alles. Mama hatte manchmal Besuch von anderen Männern, aber das waren Waschlappen, soweit ich dass noch beurteilen kann. Einer kam aber immer wieder. Ich denke dass meine Mama ihn über eine Kontaktanzeige kennengelernt hat, ich weiß es aber bis heute nicht genau. Ich wollte nicht dass sie merkte dass ich hinter ihre Flunkerei kam. Man wollte mir weißmachen, das ein Bekannter von Freunden zu Besuch käme und der könne vielleicht bei uns schlafen. Als sie sich "zum ersten Mal" sahen, war mir alles klar.
"Ich möchte ihn heiraten, aber wenn du nicht willst, bleibt alles wie es ist!" Was sollte ich da sagen? Sollte ich meiner Mama im Weg stehen,hatte sie es nicht verdient, endlich glücklich zu sein?! Das heißt wir würden von Thüringen wegziehen, nach Baden - Württemberg. Ich wollte nicht unbedingt weg aus unserer Stadt. Ich hatte Freunde hier. Ich hab sogar schon mit einem Jungen genkutscht, während wir eigentlich Mittagsschlaf machen sollten.
Dort kannte ich keinen, die neue Familie war komisch, ich rupfte mir reihenweise Milchzähne aus dem Mund und war auch sonst komisch für die neuen Schulkameraden. Ich war Atheistin. Das ist in den neuen Bundesländern nicht ungewöhnlich, für die Leute hier war es jedoch merkwürdig. Ich hasste alle hier. Und ich sollte Papa zu dem Mann meiner Mutter sagen. "Er ist jetzt dein Vater!" Ich fand das widersprüchlich. Den Vater den ich hatte würde immer meiner sein. Wenn er auch meine schlechte Hälfte war. Denn war ich mal wieder nicht wie ich sein sollte, hieß es immer: "Du bist wie dein Vater!" Ich mochte das. Mein Papa trug Lederjacken, wollte über die Mauer in den Westen,saß im Knast. Mein Papa war ein Rebell. Er war nicht festzuketten.
Dann kam die Prinzessin auf die Welt und ich ließ die Träger meiner Latzhose auf dem Boden schleifen. Die Prinzessin war so süß. Gott war die süß. Mama verzweifelte zwar mit mir, konnte sich aber nicht um uns beide gleich intensiv kümmern und auch noch arbeiten gehn. Doch sie konnte.
Ich war siebzehn. Es ging mir nicht gut in dieser Woche. Ich war niedergeschlagen. Ich konnte nicht genau sagen warum. Bis ein Anruf kam. Papa hatte einen Unfall gehabt, mit dem Motorrad. Der Autofahrer hatte ihn nicht gesehen. Er nahm ihm die Vorfahrt und Papa flog so vierzig Meter weit. Als der Anruf kam war das schon eine Woche her."Warum hast du nicht früher angerufen?" schimpfte Mama mit Oma. Wir konnten sie nicht leiden. Sie war böse. Ist es noch.
Mein Vater starb in dieser Nacht. Morgens ging ich zur Schule um einen Physiktest zu schreiben. Der Lehrkörper wußte Bescheid, als ich danach kommentarlos die Schule verließ um nach Thüringen zu fahren um bei seiner Familie zu sein und seine Beerdigung vorzubereiten.
Die ganze Woche kam ständig jemand um die tragische Story zu erfahren, ich wurde dabei als "die Tochter" auf ein Podest gestellt. Ich war unheimlich gefaßt. Die ganze Woche lang. Bis zum Finale. Als ich meinen Vater sah, wie er in diesem Sarg lag. Er hatte aus einem Ohr geblutet. Er trug seine Lederjacke. Ich und Mama heulten. Ich weiß nicht, ich glaube ich hab nichts gesagt, als ich an seinem Grab stand, später auch nicht. Ich konnte nicht.
Acht Jahre später sah ich durch die Windschutzscheibe wie ich auf einen Baum zufuhr. Ich pellte mich aus dem zerknitterten Auto. Sofort waren da Leute die sich um mich kümmerten. Ich hatte aber tatsächlich nur einen blutende Nase und einen Schock. Ein paar Wirbel schmerzten, vom Airbagaufprall. Im Krankenhaus heulte ich den ganzen Tag. Auch weil meine Mama mir sagte dass sie erst morgen kommen könnten. Ich hatte keine Zahnbürste, meine Klamotten waren schmutzig, weil ich glaube das ein Fenster kaputt gegangen ist und es waren lauter Blätter und so Dreck im Auto.
Man sagte mir dass ich wohl einen Schutzengel hatte. "Mein Papa!", dachte ich. Heute ist er fester Bestandteil der Geschichte. Kürzlich kam eine neue Info hinzu. Meine Mutter hatte ihn an seinem Grab gebeten :"Pass ein bisschen auf uns auf!"



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Kommentare
"Denn wieviel Vertrauen kann man haben, wenn der wichtigste Mann einen
05.11.2012, 14:30 von MarlaMariaschon verlassen hat, noch bevor man auf der Welt ist?"
der beste Satz!
Beccilein, dieser Text ist wertvoll. Da kann man nicht wirklich sagen, "Ich mag den.", vielmehr mag ich, dass du ihn geschrieben hast.
30.10.2012, 16:29 von forstVielen Dank, das Sie dass sagen,freut mich besonders :D
30.10.2012, 16:33 von beccileinGerne, Madame.
30.10.2012, 18:08 von forstWahre Worte oder nicht?! fast egal, es ist ein großartiger Text!
Papa ist immer da, egal wo du bist! Mindestens habe ich es meiner kleinen Großen immer so gesagt.
30.10.2012, 15:23 von jetsamSchließe mich meinen Vorrednern an.
30.10.2012, 14:31 von TaneaIch hab Pipi in den Augen. Liegt vielleicht daran, dass mein Papa auch eine komplizierte Rolle in meinem Leben spielt, aber wohl eher daran, weil dein Text mich auf seine Art und Weise sehr berührt hat.
30.10.2012, 13:58 von HerzenswunschTatsächlich rührend.
11.09.2012, 22:00 von EliasRafaelfinde ich auch. Mir gefällt die authentische Schreibweise, schörkellos, direkt, ehrlich.
11.09.2012, 22:15 von topfbluemchendanke leute, es war tatsächlich nicht leicht und ich hab auch stellenweise geheult
11.09.2012, 22:38 von beccilein