lubiloo 30.11.-0001, 00:00 Uhr 69 31

Papa ist tot

Meine Mutter ist dran. Sie klingt aufgelöst. Papa ist tot, sagt sie. Es schallt in meinen Ohren. Papa ist tot. Ich sage NEIN. Sie sagt JA.

Montag, ca. sechs Uhr morgens.
Ich sitze gerade mit runter gelassenen Hosen auf dem Klo, als mein Handy klingelt. Normalerweise geh ich nicht ran, wenn ich grad auf dem Klo sitze. Aber heute ist das irgendwie anders. Heute ist alles anders. Gleich erfahre ich warum.

Meine Mutter ist dran. Sie klingt aufgelöst. Papa ist tot, sagt sie. Es schallt in meinen Ohren. Papa ist tot. Ich sage NEIN. Sie sagt JA. Warum sie mich nicht erreicht hat, fragt sie mich. Ich höre mich zu ihr sagen, dass mein Handy aus war.
Ja, das Handy war aus, weil mein Freund so eifersüchtig ist, dass ich mein Handy am Wochenende immer ausmachen musste.
Jetzt ist mein Handy immer an. Seit fünf Jahren.
Papa ist tot. Seit fünf Jahren.

Ich höre mich stottern und höre, wie meine Mutter antwortet. Am Sonntagmorgen schon, sagt sie, ist es passiert. Er stand in der Früh auf, musste stark husten, und dann ist er umgefallen. Wieder zurück ins Ehebett. Zu meiner Mutter. Bewusstlos.
Nach Ewigkeiten kommt der Krankenwagen. Sie nehmen ihn mit. Sie soll sich keine Hoffnung machen, sagen sie ihr. Trotzdem setzen sie ihm noch eine künstliche Herzklappe ein. Ich kann nicht anders, ich glaube, sie wussten, dass er es nicht schafft.

Ich glaube, da wollte noch einer üben - und er kam gerade recht.

Noch am selben Tag erklären sie ihn für tot. Ich lebe noch ein bisschen weiter, als würde er noch leben. Ich weiß es ja nicht. Während meine Mutter sich die Finger wund wählt, um mich zu erreichen. Statt ihrer Tochter hört sie nur "Teilnehmer zur Zeit nicht erreichbar". Sie ist allein in ihrem Schmerz. Bis zum nächsten Morgen. Bis mein Handy wieder an ist und sie mir, während ich mit runter gelassenen Hosen dastehe, sagt, dass er tot ist. Mein Daddy, mein geliebter Daddy. Jetzt teilen wir den Schmerz.

Er fehlt mir, das muss ich zugeben. Er fehlt mir so sehr, dass es mich selbst noch überrascht, wie weh es auch heute noch tut. Aber ich bin nicht traurig, naja, schon ein bisschen. Aber für ihn, nicht für mich. Weil er all das, woran er so viel Spaß hatte, nicht mehr machen kann. Glaube ich. Trotzdem stell ich ihn mir manchmal vor, wie er auf seiner flauschigen Wolke sitzt, mit seinem kühlen Bier in der Hand und mir von oben fröhlich zuprostet. Ja, ich weiß, eine kindische Vorstellung. Aber schließlich bin ich ja sein Kind.

Oft stell ich mir auch vor, wie es für meine Mutter war. Ob sie sich die Nacht überhaupt ins Ehebett getraut hat. In das Bett, in dem sie fast dreißig Jahre mit ihm verbracht hat, und in dem er plötzlich fehlt. Das Bett, das so plötzlich so furchtbar kalt geworden ist. Wie es für sie war, morgens aufzustehen, und zu wissen, dass er nicht mehr da ist.
Ich sehe sie vor meinen Augen, wie sie um halb fünf Uhr abends darauf wartet, dass er nach Hause kommt. Bis sie wieder realisiert, er kommt nicht mehr. Er kommt nie wieder heim.

Jetzt ist sie Witwe. Und ihr Leben geht weiter. Mit jedem Tag ein bisschen besser. Sie ist stark.

50 ist er geworden. Älter nicht. Ich hätte ihn noch gern länger bei mir gehabt. Als er starb, war ich 19. Und wenn ich noch einmal die Chance hätte, würde ich ihm sagen, dass ich ihn liebe. Papa, ich liebe dich. Ganz echt. Ganz ehrlich. Ich hätte mich so gern von dir verabschiedet, dir noch einmal Lebewohl gesagt. Dich in den Arm genommen. Dir gesagt, wie wertvoll du für mich bist. Wie viel du mir bedeutest. Es geht nicht mehr. In Gedanken sage ich es dir jeden Tag. Seit fünf Jahren. Seit du tot bist. Seit mein Handy immer an ist. Seit du von mir gegangen bist. Seit fünf Jahren sage ich dir jeden Tag, wie lieb ich dich hab. Und immer schaue ich hoch zum Himmel, und dann wünsch ich mir, dass du es hören kannst.
Und manchmal lächle ich, und zwinker ihm heimlich zu, wenn keiner guckt. Dann hab ich das Gefühl, er zwinkert zurück.

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69 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Oh man.
    Ich habe diesen Text letztes Jahr schon gelesen.
    Fand ihn ergreifend, konnte es aber nicht so richtig nachfühlen. Auch weil mein Verhältnis zu meinem Vater nicht das vorbildlichste war.
    Nun ist er seit dem 15. Juli für immer weg, einfach so.
    Ich bin dankbar dafür, dass ich zu dem Zeitpunkt bei meinen Eltern zu Besuch war, auch wenn ich mich nicht verabschieden konnte. Er ist im Krankenhaus gestorben. Ich war sauer auf ihn und habe ihn nicht besucht. Ich habe nichtmal reagiert, als der Krankenwagen kam, weil ich dachte, er hätte einen Kreislaufkollaps oder sowas. Weil ich dachte, er käme in 3 Tagen wieder. Bräuchte etwas Erholung.
    Was würde ich dafür geben, mich verabschieden zu können. Ich bin 19, er wurde 54. Meiner Meinung nach einfach zu früh.
    Den Gedanken mit der Wolke hatte ich auch schon. Und, dass er unseren Hund wiedersieht, der 2 Monate zuvor im Alter von 15 Jahren gestorben ist. Für mich ist das nicht kindisch, für mich ist das der tröstlichste Gedanke, den man dazu haben kann und absolut natürlich.
    Ich finde mich so sehr wieder in diesem Text.
    Die Ablehnung gegenüber der Tatsache, dass dieser Mensch weg ist, in dem Moment, in dem man es erfährt.
    Man glaubt es einfach nicht. Wenn man "Nein" sagt, bildet man sich ein, es wäre deshalb auch nicht so.
    Noch am selben Tag erklären sie ihn für tot. Ich lebe noch ein bisschen weiter, als würde er noch leben. Ich weiß es ja nicht.
    Ich finde diesen Gedanken im Nachhinein so quälend. Dass man es nicht sofort wusste. Oder vorher schon.
    Als mein Vater starb, lag ich im Bett und habe geschlafen. Den Abend zuvor "Walk the line" geschaut und ein bisschen an ihn gedacht. Weitergelebt, so wie du.
    Es ist bei mir noch nicht mal 3 Monate her, aber ich warte schon seit Wochen auf Besserung. Sie kommt nicht. Vielleicht kommt sie in gewissen Punkten nie, so wie du es beschreibst. Ich habe Angst vorm ersten Weihnachtsfest, vor seinem Geburtstag, vor meinem Geburtstag. Vor meiner Hochzeit irgendwann.
    Entschuldige den langen Kommentar. Ich finde diesen Text sehr gelungen.

    02.10.2009, 00:17 von regret
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    "Und wenn ich noch einmal die Chance hätte, würde ich ihm sagen, dass ich ihn liebe. Papa, ich liebe dich. Ganz echt. Ganz ehrlich. Ich hätte mich so gern von dir verabschiedet, dir noch einmal Lebewohl gesagt. Dich in den Arm genommen. Dir gesagt, wie wertvoll du für mich bist."

    Ein Text der mitten ins Herz geht. Ich verstehe genau was du damit sagen willst. Würde meine Geschichte genau so gern verarbeiten, kann mir vorstellen, dass es hilft...

    02.07.2009, 11:35 von InspektorClouseau
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    vor fünf Jahren ist mein Vater gestorben, kann jedes deiner Wörter nachvollziehen...
    Habe geweint
    danke.

    09.06.2009, 22:46 von maidara
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    "Als er starb, war ich 19. Und wenn ich noch einmal die Chance hätte, würde ich ihm sagen, dass ich ihn liebe. Papa, ich liebe dich. Ganz echt. Ganz ehrlich. Ich hätte mich so gern von dir verabschiedet, dir noch einmal Lebewohl gesagt. Dich in den Arm genommen. Dir gesagt, wie wertvoll du für mich bist. Wie viel du mir bedeutest. Es geht nicht mehr. "

    diese stelle ist absolut atemberaubend. manchmal kann alles so schnell gehen ...

    06.04.2009, 23:49 von daxnguyen
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    also ich finds gut!

    25.03.2009, 21:52 von M.L.
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    echt super rührend, tut mir leid für dich, auch wenn´s schon ne weile her ist. ich glaube beileid kann man zeitlos aussprechen.

    17.02.2009, 16:33 von caroooho
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    ich hab geweint

    16.11.2008, 10:41 von JoannaStarlette
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    Aus deinem Text liest sich ganz deutlich raus, das er auch wenn sein Leben zu kurz war, alles richtig gemacht hat. Sonst würdest du ihn nicht so vermissen! Es macht mich immer Traurig wenn Menschen die geliebt werden gehen müssen. Aber die Zeit die du mit Ihm hattest die kann dir keiner mehr nehmen!

    31.10.2008, 21:36 von Meja
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    sehr ergreifend.
    besonders der letzte abschnitt.
    hatte ein tränchen in den augen.

    27.10.2008, 19:23 von einsamespitze
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