Partisaneninterakt 14.01.2019, 17:12 Uhr 4 3

Papa ist tot.

Am Tag sterben 200 Menschen in Deutschland an den Folgen chronischen Alkoholkonsums. Aber keiner glaubt, dass das den eigenen Vater betreffen könnte.

Die Welt ist anders seit du gestorben bist. Ich habe seit Jahren mit deinem Tod gerechnet, aber war doch nicht darauf vorbereitet. Die Menschen sehen mich nun anders an. Sie sagen seltsame dinge. Manche wünschen Beileid. Die anderen sagen „Es war doch besser so, oder?“ und wieder anderen bieten mir Gespräche, eine Schulter zum ausweinen an. Ich nicke und lächle brav. Sage „Danke“, zeige mich stark und erwachsen und sage „Ja, das stimmt, es ist besser so.“

Eine enge Freundin meiner Mutter sagt „Schade, wo er ja im Grunde ein Herzensguter war.“ Stimmt das? Ich denke darüber nach und stelle fest, dass ich dich kein bisschen gekannt habe. Meinen eigenen Vater. Von Fotos und Videos weiß ich, dass du mal sehr liebevoll zu mir warst. Als ich ein kleines Kind war, hast du dich gut um mich gekümmert. Du warst stolz und glücklich als Vater. Ich erinnere mich nicht daran. Ich sehe nur, dass auch auf den ganzen alten Fotos immer irgendwo eine Bierflasche steht.

Ich erinnere mich daran, dass du betrunken aggressiv geworden bist, dass du Mama verprügelt hast. Einmal, da lag sie auf dem Boden und du standest über ihr und hast mit einem Schuh auf sie eingeschlagen. Ich war 4 Jahre alt und stand heulend im Türrahmen. Meine Mutter hat geschrien: „Geh in dein Zimmer, Mäuschen!“

Ich bin in mein Zimmer gegangen und später kam Mama zu mir und hat mich getröstet. SIE hat MICH getröstet.

Am Rücken hatte sie eine blutige Wunde, die du ihr in den folgenden Tagen liebevoll mit Bepanthen eingerieben hast. Mir wird schlecht.

Im Grunde warst du ein Herzensguter? Ich habe keine Ahnung was du im Grunde warst. Was für ein Mensch das gewesen ist, der sich für den Alkohol und gegen sein einziges eigenes Kind entschieden hat. Hast du dich entschieden? Meine Ärztin sagt niemand entscheidet sich zum Alkoholismus. Alkoholiker sind krank. Bist du das Opfer? Wenn ich darüber nachdenke, wie du mit 59 Jahren völlig allein und einsam in deiner verwahrlosten Wohnung gestorben bist und man deinen verwesten Körper erst nach einigen Monaten gefunden hat, dann fühlt es sich an als wärst du das Opfer gewesen.

Wenn ich daran denke, dass du Mama mit einem Schuh blutig geschlagen hast, dann fühlt es sich an, als seist du der Täter. Oder ist Mama „selber Schuld“ gewesen, weil sie dich nicht verlassen hat? Weil sie all die Jahre deine emotionale Abwesenheit, deine Übergriffe im Suff und sonstige Eskapaden ertragen hat? Auch sie ist nicht schuld, sagt meine Ärztin. Co-Abhängigkeit heißt das. Angehörige von Suchtkranken versuchen den Konsum des geliebten Menschen zu verschleiern, tun alles dafür um das „System Familie“ aufrecht zu erhalten. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

„Aber keinem erzählen, dass der Papa zu viel Bier trinkt!“ beschwört mich meine Mutter vor meiner Einschulung.Warum sollte ich? Ich bin verdammte 6 Jahre alt und habe keine Ahnung davon wie viel Bier zu viel Bier ist.

Also bist du nicht Schuld und Mama ist nicht Schuld. Und weil ich ein Kind war, bin ich am allerwenigsten Schuld, sagen alle. Aber jetzt sitze ich hier, bin 29 Jahre alt, du bist tot und ich stinksauer. Ich bin stinksauer und habe keinen Schuldigen.

Ich denke, dass du ein Arschloch bist, aber das darf man nicht über seinen Vater denken, schon gar nicht über seinen toten Vater. Das kleine Mädchen, was auf deinem Schoß und deinen Schultern gesessen hat, auf deinem Bauch geschlafen und an deiner Hand laufen gelernt hat, denkt nicht dass du ein Arschloch bist. Ein Arschloch warst. Es weint und weint und weint, bitterlich, weil es nicht versteht warum du weggegangen bist und weil es sich schämt, dass es gescheitert ist, bei dem Versuch dich zu retten, dich vor dir selbst zu retten.

Ich würde dich gerne fragen, was passiert ist. Was ist passiert, dass du aufgehört hast glücklich und stolz zu sein? Was ist passiert, dass aus ein oder zwei „Bierchen“ am Abend zwei Flaschen Weinbrand mitten am Tag wurden? Was ist passiert, dass du dich in jeder freien Minute, Tag und Nacht, manchmal 48 Stunden am Stück in die Fanatsiewelten deiner Spielekonsole geflüchtet hast? Dass du auf deine Ehe, deinen Job, deine Tochter und am allermeisten auf dich selbst geschissen hast?

War es weil ich nervig wurde? Weil ich sprechen lernte, einen eigenen Willen entwickelte, weil ich – wie jedes 3jährige Kind – ca. 400 Fragen am Tag gestellt habe? ICH WAR EIN KIND!

Ich wünschte ich hätte dich all das gefragt, als ich es noch konnte. Aber bei uns zu Hause wurde nicht geredet. Wenn überhaupt dann wurde geschrien. Es wurde gedemütigt, beleidigt, verspottet und verletzt, aber es wurde nicht geredet.

Ich hab dich nie gefragt, was passiert ist, dass du bewusstlos auf dem Küchenfußboden lagst. Du hast mich nie gefragt, was passiert ist, dass ich einfach über dich drüber gestiegen und in mein Zimmer gegangen bin. Gut, das hast du vermutlich nicht mitbekommen, aber ich weiß, dass du auch nicht gefragt hättest, selbst wenn du es es miterlebt hättest. Ich habe dich nicht gefragt, wie aus einem Feierabendbier Bacardi-Cola am Morgen werden konnte, oder wieso du besoffen Auto gefahren bist und das Leben unschuldiger gefährdet hast.

Wir haben nicht geredet. Du hast mir nie gesagt, dass du mich lieb hast und ich habe nie danach gefragt.

Väter lieben ihre Kinder, oder? „Dein Papa hat dich geliebt, er konnte es nur nicht zeigen.“ sagt meine Mutter. Woher weiß sie das, hast du es ihr gesagt? Ich denke, sie kannte dich mal. Sie muss dich gekannt haben, denn ihr habt doch mal geheiratet, ihr wart verliebt ineinander und glücklich. Ich will wissen wie du gewesen bist, damals. „Ach, das weiß ich doch jetzt nicht mehr!“ sagt Mama.

Es macht mich wahnsinnig, dass es sich jetzt so endgültig anfühlt, dass du weg bist, dabei bist du doch schon seit Jahren weg, weil von dir nichts mehr übrig war, außer ein grenzdebiler wandelnder Toter, der es nicht mal merkte, wenn er sich selbst vollgekackt hat. Im wahrsten Sinne des Wortes „das Hirn weg gesoffen“. Und alles andere auch.

Am Tag sterben 200 Menschen in Deutschland an den Folgen chronischen Alkoholkonsums. Aber keiner glaubt, dass das den eigenen Vater betreffen könnte.

Wie in einer Serie, wo der geliebte Protagonist durch eine völlig ausweglose Situation dem Tode geweiht ist, aber dann ein lächerlicher, irgendwie unbefriedigender Plottwist sein Leben retten. Erleichtert ist man trotzdem.

Allerdings schreibt das wahre Leben kein Happy-End. Man sitzt hilflos und wie gelähmt da und schaut dem Grauen zu, bis plötzlich der Abspann läuft und man zurückspulen will, in der Hoffnung etwas übersehen zu haben.

Was habe ich übersehen, Papa?

Es gibt keine Beerdigung, keine Trauerfeier, kein Grab. Nicht Mal angerufen hat man mich, nachdem man dich aufgefunden hat, erst Wochen später habe ich eine Rechnung über deine Einäscherung erhalten. So habe ich erfahren, dass mein Papa gestorben ist. Durch eine Rechnung.

Niemand hat eine Traueranzeige geschaltet, niemand schickt Blumen oder Karten, niemand hält eine rührende, heuchlerische Rede über den „liebenden Vater und Ehemann“, der du eh nicht gewesen bist.

Es tut mir unendlich Leid, wenn ich darüber nachdenke, wie schrecklich allein du gestorben bist. Ich finde es menschenunwürdig. Dann erinnere ich mich, dass du dieses Ende selbst gewählt hast. Jahrzehnte lang hast du jegliche Hilfe von mir und von Mama und von allen anderen abgewiesen, immer und immer wieder, weil der Alkohol wichtiger war. Manchmal habe ich darüber nachgedacht, wie es wäre dir Schlaftabletten in deinen scheiß Wein zu mischen , damit das Elend, dein Elend, ein Ende hat. Ich weiß, wie grausam das klingt und ich weiß, dass das nie jemand verstehen wird, der nicht dabei zusehen musste, wie ein geliebter Mensch Selbstmord auf Raten begeht. Ein geliebter Mensch, der mir fremder war, als jeder Fremde.

Ich frage mich, wo deine Seele jetzt ist und ob die Seele jetzt wieder glücklich ist und in dem Zustand wie sie früher war, bevor alles so schlimm wurde. Oder ist deine Seele jetzt für alle Ewigkeit in diesem fürchterlich verkümmerten, verwirrten und desorientierten Zustand, in dem sie das Korsakow-Syndrom zurückgelassen hat?

Hattest du Angst als du gestorben bist? Schmerzen? Hast du etwas bereut, hast du um Hilfe gerufen?

Mir wird diese Fragen nie jemand beantworten können, das weiß ich. Ich muss jetzt damit leben, dass all diese Dinge zwischen uns auf Ewig unausgesprochen bleiben. Ich muss damit leben, dass die Welt sich weiter dreht ohne dich und dass du vergessen wirst, von allen außer von Mama und mir. Weil sie dich schon längst vergessen haben. Du wolltest vergessen werden und ich, dein Kind, konnte absolut nichts dagegen tun.



Tags: sterben
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4 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 1

      Ich danke dir. Alles niederzuschreiben tut mir tatsächlich gut. Ich wünsche dir auch alles Gute! Danke für dein Mitgefühl.

      15.01.2019, 00:32 von Partisaneninterakt
  • 1

    Ein für mich sehr berührender Text, den du trotz allem, was du erlebt hast, sehr liebevoll geschrieben hast.

    14.01.2019, 20:51 von Gluecksaktivistin
    • 1

      Ich danke dir! Es freut mich, dass dir mein Text gefällt.

      15.01.2019, 00:33 von Partisaneninterakt
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