Gina_Jen 05.10.2013, 04:18 Uhr 7 11

Opa

Und auf dem Weg zum Auto bleibe ich plötzlich wie versteinert stehen und frage mich, ob ich dir jemals gesagt habe, wie lieb ich dich hab...

Ich lockere meinen Zopf und streiche mir durchs offene Haar, wische mir die schwarzen Tränen unter den Augen weg und atme tief durch, bevor ich das Badezimmer verlasse und mit weichen Knien zu deinem Krankenbett wanke. Du lächelst mir zahnlos zu und deine Augen glänzen klein und müde. Ich habe nicht erwartet so zu fühlen, bin davon ausgegangen es wäre leichter mich zu verabschieden, aber es überkommt mich wie ein Schauer, springt mich an und hält mich fest. Langsam setze ich einen Fuß vor den anderen und nähere mich dir. Wie klein du plötzlich wirkst, in deinem gepunkteten Krankenhauskleidchen. Krampfhaft versuche ich mich daran zu erinnern, wie du früher warst, doch es gelingt mir nicht, und um so länger ich darüber nachdenke, desto schuldiger fühle ich mich.

Schuldig, weil ich dich nicht kenne. Schuldig, weil ich es zugelassen habe nichts über dich zu erfahren. Und schuldig, weil ich in Gedanken ganz woanders bin. Auf Kopfhöhe deines Bettes steht ein steriler Holzstuhl, auf welchen ich mich niederlasse. Vorsichtig nehme ich deine kalte schwache Hand, die überseht ist mit blauen Flecken, die schon fast ans lila grenzen und ich weiß beim besten Willen nicht was ich sagen soll. Du fragst mich, wie es zu Hause läuft und ob es mir gut geht, doch ich weiß nichts darauf zu antworten. Schließlich entscheide ich mich zu lügen, dir nicht mein Leid zu klagen und lächle dich nur leer an. Denn es hat keinen Sinn dich jetzt noch mit meinen Problemen zu belasten.

Wortleer berichte ich von Nichtigkeiten und versuche dabei nicht deine kostbare Zeit zu verschwenden, denn wer weiß, wie viel dir noch bleibt. Uns bleiben noch genau fünf Minuten, denn dann endet die Besuchszeit und ich werde dich nie wieder sehen. Auf einmal fühle ich mich in meine Kindheit zurück versetzt. Da sitzen wir, du in deinem Fernsehsessel und ich mit meinem Heidi Buch auf deinen Knien. Ich bin vielleicht vier Jahre alt und du horchst gespannt der erfundenen Geschichte, welche ich dir aus dem Bilderbuch vorlese. Deine kalte Hand drückt die meine ein wenig fester und ich stelle mit erschrecken fest, dass dies die wichtigste Erinnerung ist, die ich von dir habe.

Die Schwester betritt das Zimmer, um mir zu signalisieren, dass es an der Zeit ist zu gehen. Also richte ich mich zitternd auf und beuge mich zu dir runter. Zaghaft nehme ich dich ein letztes Mal in den Arm, zu locker fürchte ich, denn ich habe Angst dich zu verletzen. Du küsst meine Stirn und flüstern mir ins Ohr, das alles gut gehen wird und das wir uns beim nächsten Mal sehen. Stumm weinend laufe ich rückwärts aus dem Zimmer und bringe es einfach nicht übers Herz dir zu sagen, dass es kein nächstes Mal mehr geben wird. Und auf dem Weg zum Auto bleibe ich plötzlich wie versteinert stehen und frage mich, ob ich dir jemals gesagt habe, wie lieb ich dich hab...

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7 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Du sprichst mir aus der Seele. Mir geht es gerade haargenau so. Sehr schöner und berührender Text..

    12.10.2013, 19:37 von raaay
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  • 1

    Schön, dass dein Opa dich nochmal sehen konnte. :)

    Meiner befindet sich auch gerade im Krankenhaus in einem anderen Teil Deutschlands und ich möchte ihn auch möglichst bald besuchen.

    05.10.2013, 17:56 von Tora
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  • 1

    ein wirklich berührender Text

    05.10.2013, 12:13 von wickedchild
    • 0

      ich danke dir!

      05.10.2013, 12:47 von Gina_Jen
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  • 1

    Danke für die Einblicke in diesen schweren Moment.

    05.10.2013, 09:14 von Jeggafem
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