michalis_pantelouris 12.08.2010, 15:14 Uhr 0 0

Offene Rechnung

Sparfuchs, Geizhals oder immer tief im Dispo: Von unseren Eltern bekommen wir nicht nur GELD VERERBT, sondern auch die Fähigkeit, wie gut wir damit umgehen können. Oder wie schlecht.

Wäre Geld auf Facebook mein eingetragener Partner, dann müsste der Status lauten: »Es ist kompliziert.« Ja, natürlich könnte man sagen, dass ich nicht mit Geld umgehen kann. Aber das ist kurz gedacht, denn einige Sachen kann ich mit Geld sehr gut. Ausgeben zum Beispiel. Aber ich kann es auch gut einnehmen. Ich habe eigentlich immer gut verdient, daran liegt es nicht, dass ich nie welches habe. Die Wahrheit ist: Ich habe keine Einstellung zu Geld. Und ich glaube, daran sind meine Eltern schuld.

Den Umgang mit Geld lernen wir nicht in der Schule, es gibt kein Fach, in dem eine wirtschaftliche und finanzielle Bildung vermittelt wird. Auch die Freunde oder die »Bravo« klären einen in Geldfragen nicht auf. Die Sozialisierung erfolgt in der Familie. Durch Taschengeld. Durch »Nein, das ist zu teuer, das kriegst du nicht«. Durch die sorgenvollen Gesichter, die man sieht, wenn die Eltern in der Küche über dem Ordner »Finanzen« sitzen. Von unseren Eltern erfahren wir, welche Rolle Geld in ihrem Leben spielt. Ob man ganz offen oder nur im Flüsterton darüber spricht. Und was besser ist: planen oder prassen. »Bei dir war es immer so«, erinnert sich meine Mutter, »wenn du Geld hattest, dann hatten alle welches.« Was ein Hinweis darauf ist, dass ich schon als Jugendlicher nicht auf Sparen ausgerichtet war und mein Taschengeld außerdem eher nachts als tagsüber ausgegeben habe. Aber, Mami, ich nenne es Großzügigkeit. Und die habe ich von euch gelernt! Seit ich denken kann, tut mein Vater gegen Ende des Abends so, als würde er aufs Klo gehen, und bezahlt dann die Zeche für den ganzen Tisch. Jedes Mal, egal, wie viel Geld er gerade hat. Und meine Eltern hatten, das weiß ich, in manchen Phasen sehr wenig. Aber sie scheinen immer davon ausgegangen zu sein, dass schon wieder welches reinkommt.

Wie bei jeder starken familiären Prägung kann es sein, dass man seine Eltern später imitiert - oder eben alles ganz anders macht. Der Sohn des knauserigen Sparkassenangestellten wird vielleicht ein Sparfuchs, der es zeitlebens nicht schafft, sich etwas Kostspieliges zu gönnen. Oder er wird der größte Rundenschmeißer, den die Welt je gesehen hat, weil er bei seinen Eltern zwar gelernt hat, was es heißt, sich ein Polster anzusparen, aber erkennen muss, dass das nichts wert ist, wenn man »die Schmetterlinge der Lebensfreude« (Max Goldt) nicht zu erhaschen weiß, sprich: durch eifriges Sparen auch nicht glücklicher wird.

Ich habe von meinen Eltern ihren Gleichmut in Geldsachen geerbt: Von den vergangenen zehn Jahren habe ich etwa acht ohne festen Job gearbeitet und nicht gewusst, wie ich übernächsten Monat die Miete bezahlen werde. So ist es im Prinzip bis heute, obwohl ich inzwischen zwei Kinder habe und versuche, ein bisschen vorauszuplanen. Aber sehr oft, um nicht zu sagen meistens, gelingt das nicht. Wenn es hart auf hart käme, würden wir ein paar Monate über die Runden kommen, so lange, bis unsere lächerlich kleine Altersvorsorge weg wäre. Ich habe damit, wenn ich ganz tief in mich gehe, nur ein einziges Problem: Ich kann mir deshalb keine echten Sorgen machen. Aus Gründen, die mir schleierhaft sind, bin ich mir sicher, dass es schon gut gehen wird. Ich habe einfach keine Einstellung zu Geld.

»Jeder hat eine Einstellung zu Geld«, sagt Monika Müller. Sie weiß es besser, denn sie coacht Menschen in Finanzpsychologie. »Wir werden alle ohne Geld geboren, in eine Welt, in der Sie alles, was Sie brauchen, nehmen können. Wenn Sie Hunger haben, nehmen Sie sich bei Ihren Eltern einen Apfel. Mit der Zeit entwickeln Sie einen Bezug zu Geld, spätestens wenn Sie im Supermarkt für Äpfel bezahlen müssen.« Also habe ich doch eine Einstellung zu Geld, aber wahrscheinlich eine bescheuerte. Bevor ich eine Familie hatte, hatte ich manchmal genug Geld auf dem Konto, um davon ein Auto bar zu bezahlen, wenn ich gewollt hätte. Aber ich habe es nicht nur geschafft, auch das irgendwie auszugeben, ich bin auch aus gut bezahlten Jobs ausgestiegen, weil sie mich gelangweilt haben, sodass ich plötzlich gar nichts mehr hatte und mir drei Mal die ECKarte eingezogen wurde, weil ich selbst meinen bizarr hohen Dispo ausgereizt hatte. Ich schaffte es nicht, das zu meinem wichtigsten Problem zu machen. Irgendwie würde es schon weitergehen. Und das ist es auch. Aber vernünftig kann diese Einstellung nicht sein. Auch hier erkenne ich Parallelen zu meinen Eltern: Meine Mutter erzählt, dass mein Vater zwei Mal, als sie in den Siebzigern richtig pleite waren, Geld gewonnen hat. Einmal im Lotto und einmal im Toto, was besonders bizarr ist, weil mein Vater keine Ahnung von Fußball hat. Zwei Mal! 10 000 und 15 000 Mark. Damals irre viel Geld. Aber pures Glück. Was, wenn man das nicht hat?

Jetzt wird die Finanzpsychologin Monika Müller philosophisch: »In Wahrheit vertrauen Sie darauf, dass Sie dieses Glück haben, Sie fühlen sich sicher. Geld ist ja eine Projektionsfläche für Lebensthemen, also für Dinge, die unbewusst eine große Rolle für uns spielen. Und wie das bei Projektionen so ist, projizieren wir auf Menschen oder Dinge immer das, was wir selbst nicht mehr sind. Viele Menschen sehen etwa in Geld Sicherheit und Freiheit, dabei haben sie in Wahrheit beides längst verloren. « Was heißt das jetzt für mich? »Einen sicheren Menschen wie Sie wird Geld nicht sicherer machen. Und das Fehlen von Geld nicht unsicherer.« Es ist unheimlich, sich mit Frau Müller zu unterhalten, weil sie so Recht hat: Manchmal liege ich im Bett und gebe in Gedanken meinen Lottogewinn aus - also den, den ich noch gewinnen werde, nächsten Sams tag oder so. Ich gehe dann ein paar Autos im Kopf durch und denke über ein Haus am Meer nach, aber ich ende damit, dass ich das viele Geld so anlege, dass mehr oder weniger alles so bleibt, wie es ist - nur eben teurer. Ein nutzloser Traum, weil es ja schon so ist, wie es ist, und sogar billiger! Wer hätte gedacht, dass Finanzpsychologie so merkwürdig ist? Eines ist mir noch unklar: Was projiziere ich? Und was meine Eltern, die mir meine Einstellung zu Geld eingebrockt haben? »Ihre Eltern haben unbewusst alles richtig gemacht«, sagt Monika Müller, und ich denke, ich habe mich verhört. »Das Entscheidende ist, dass Sie gelernt haben, das zu tun, was Sie tun wollen. Die Ressourcen, die Sie dazu brauchen, sind dann da.«

Als meine Schwestern und ich noch sehr jung waren, haben meine Eltern ein Haus gekauft, damit wir Kinder einen Garten hatten, und weil mein Vater denkt, er sei Bob der Baumeister und müsse dauernd Wände einreißen und Badezimmer umbauen. Sie haben es gekauft, obwohl sie kein Eigenkapital hatten und so wahrscheinlich den doppelten Wert des Hauses an Zinsen bezahlt. Eigentlich Wahnsinn. Im Nachhinein allerdings eine geniale Geldanlage, denn plötzlich gab es eine Baugenehmigung für eine zweite Reihe Häuser, und meine Eltern konnten im Prinzip das Haus mit dem Geld bezahlen, das sie mit dem Verkauf des halben Grundstücks verdient haben. Und jetzt finanzieren sie mit dem Verkauf des Hauses ihren Lebensabend. Schön gelöst. Mal wieder. Die Ressourcen sind da.

Und meine auch. Ich habe zwei tolle Töchter und ihre tolle Mutter dazu. Wir wohnen, wo wir wohnen wollen. Und ich habe selbstverständlich einen Lottoschein.

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